Posts Tagged ‘mutter’

dr. bussibussi

19. Juli 2012

ein wunderbar ruhiger mittwoch nachmittag. alle kindeleins sind versorgt, stabil und zufrieden. zeit für ein kaffeepäuschen mit den kolleginnen.

*ringring* das telefon klingelt.

„neonatologie 1A, schwester natalie am apparat“

„ja hallo, dr. bussibussi hier. ich hab da mal ne frage. wie siehts denn bei euch so mit betten aus?“

ich bin etwas verwirrt. dr. bussibussi ist nämlich kein neonatologe oder sonst irgendein kinderarzt. nein, er ist gynäkologe. aber nicht irgendeiner. er ist ein offensichtlich sehr erfolgreicher gynäkologe, mit privatpraxis im besten teil der stadt. zu seinen patienten zählen ausschließlich äußerst zahlungskräftige damen. gerüchten zufolge hat er auch sowas wie eine kinderwunschklinik im ausland, in der man dinge machen lassen kann, die hierzulande verboten sind. ob das stimmt weiß aber niemand so genau.

egal, denn so oder so. er ist gynäkologe und wir eine neonatologie. patiententurfing is hier nich.

„wie, mit betten?“

„na, sie haben ja diese mutter-kind-zimmer, nicht wahr?“

„ähm, ja schon, aber…“

„ich habe da nämlich eine patientin mit blasensprung, die ist heute dreiundreißig plus eins. und die würde ich gerne in den nächsten tagen sectionieren. da wollte ich mal nachfragen, wann es denn am besten ist, damit sie dann gleich in dieses zimmer kann.“

ich halte einen moment inne und überlege, ob ich das gerade richtig verstanden habe. dr. bussibussi möchte also, dass ich ihm sage, wann er die sectio ansetzen soll, damit wir die frisch operierte mutter samt kind aufnehmen können…?!

„oh. wir nehmen aber keine frisch sectionierten mütter auf. die mütter müssen bei uns in der lage sein ihr kind völlig selbstständig zu versorgen. außerdem können wir die mutter in keiner weise medizinisch oder pflegerisch versorgen.“

„aaach, das kriegen wir schon hin. wir würden ihr ja die nummer unserer station geben und sie kann sich dann rund um die uhr bei uns melden, wenn sie was braucht.“

ja genau. jedes mal, wenn sie schmerzen hat, hilfe beim aufstehen und der körperpflege braucht und sonstige fragen zum wochenbett hat, wird sie anrufen. dann wird eine schwester von der gefühlt 1000km entfernten gynäkologie rübergelaufen kommen und ihr helfen. klar.

„wissense, die frau ist eine privatpatientin von mir…“

„ach neee…“

„ja, und die wünscht sich halt so sehr von anfang an bei ihrem baby zu sein.“

„das kann ich wirklich gut verstehen. trotzdem geht das nicht. sie kann aber jeder zeit, rund um die uhr zu besuch kommen. und wenn es ihr körperlich besser geht und sie von ihnen entlassen wird, dann kann sie gerne in ein mutter-kind-zimmer ziehen, wenn eines frei ist. derzeit sind sowieso alle belegt und werden vor freitag auch nicht frei.“

„mhm… freitag… mhm… ja na dann, wiederhören!“

eine stunde später. unser oberarzt stürmt wütend die station.

„wer hat um himmels willen zu dr. bussibussi gesagt, dass wir am freitag seine hochprivate 33. woche samt mutter aufnehmen können?!“

ich nicht. ich schwörs!

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wo ist das kind?

2. Januar 2012

2 uhr in der früh, das telefon klingelt und auf der station ist ein bett frei. ich denke, ihr wisst schon, was das bedeutet. richtig. aufnahme.

ich übernehme ein ca. 12 stunden altes, spätes frühchen mit knapp 2,5kg aus dem kinderzimmer der wochenbettstation. das kind hat trotz frühfütterung niedrige blutzucker und braucht eine glukoseinfusion (die mutter hatte schwangerschaftsdiabetes). also kein aufwendiger patient. nach 10 minuten ist alles soweit erledigt und ich setzte mich an den pc und klopfe die wichtigsten daten rein. gleichzeitig bespreche ich mit dem arzt, der mir das kind gebracht hat, den weiteren plan.

beiläufig frage ich ihn, ob die mutter eh bescheid weiß, dass ihr kind nun bei uns liegt. normalerweise ist es nämlich so, dass der kinderarzt (also unser arzt) mit dem kind noch kurz bei der mutter vorbei schaut, damit sie sich verabschieden kann. außerdem wird sie darüber informiert wo das kind jetzt hinkommt und so weiter.

der arzt (ein ganz lieber, wirklich, aber noch recht jung und unerfahren…) sagt mit schuldbewusstem unterton: „leider nein, die gyn-schwestern wollten nicht, dass ich die mutter aufwecke.“, sie hatte ja eine (nicht einfache) sectio, hat schmerzmittel bekommen und schläft jetzt so gut.

so. ich als frau versetzte mich schlagartig in die position der mutter. ich wache also am tag nach der geburt meines kindes auf (oder noch in der nacht), bitte die schwestern mir mein kind zu bringen, weil ich noch nicht aufstehen kann und dann heißt es: „oh, achja, ihr kind haben wir in der nacht auf die kinderstation verlegt. ich glaub, station 3 haben die gesagt.“.

ich würde ausflippen. und zwar gründlich. sowas geht einfach nicht. unter keinen umständen. das tut ja sogar mir im herzen weh!

also bin ich rüber auf die wochenbettstation, bewaffnet mit einem foto des kindes, unserer visitenkarte und einem infoblatt. mein plan war das alles den schwestern zu übergeben und sie sehr freundlich zu bitten, der mutter alles zu geben, wenn sie das nächste mal aufwacht.

doch es kam anders.

schon als ich die station betrete, höre ich eine mutter laut und aufgebracht sprechen, gelegentlich schluchzen, und zwei schwestern (eine vom kinderzimmer, eine von der gyn), die im flüsterton auf sie einreden. mir ist gleich klar, dass DAS sicher „meine“ mutter ist. der name auf dem schild neben der zimmertüre bestätigt meinen verdacht.

die mutter ist verzweifelt, weil genau das vorhin beschriebene szenario eingetreten ist. sie wurde wach, wollte ihr kind sehen, es war nicht da und die gyn-schwester wusste nicht wo es war. deshalb holte sie sich die kinderzimmer-schwester dazu, dir ihr zwar sagen konnte wo das kind jetzt ist, aber nicht wann und wie sie zu ihrem kind kann. der blanke horror für jede mutter.

also hab ich mich ganz ungeniert eingemischt, der mutter alle wichtigen infos gegeben, kurz mit ihr geplaudert, der gyn-schwester einen bösen blick und die worte „das wäre nicht notwendig gewesen“ zugeworfen und bin wieder gegangen.

hihi.

ps: ich hoffe ihr hattet alle schön weihnachten und seid gut ins neue jahr gerutscht! 🙂

amme gefällig?

12. Oktober 2011

gespräch zwischen einer frühchenmama, deren tochter (35+4 ssw) wir soeben direkt aus dem kreißsaal (wegen respiratorischer anpassungsstörung) aufgenommen haben, und mir.  

ich: „haben sie vor ihre tochter zu stillen?“

mama: „ja, auf jeden fall.“

ich: „super, dann machen wir es so, dass sie ihre tochter einfach jedes mal anlegen, wenn sie munter und hungrig ist und sie an der station sind. da sie ja noch im haus aufgenommen sind, können wir sie auch gerne anrufen, wenn töchterchen gestillt werden möchte.“

mama: *besorgt* „ja, aber ich habe ja noch gar keine milch! was ist denn, wenn sie trotz stillen noch hunger hat?“

ich: „keine sorge, in den ersten tagen brauchen babys noch nicht viel milch. *blablabla* milcheinschuss *blablabla* keine sorge und so weiter. falls töchterchen wirklich noch hunger haben sollte, können wir ihr auch mit der flasche etwas nachfüttern. und wenn sie nicht da sind, dann würden wir ihre tochter auch mit der flasche füttern.“

mama: „ja aber ich habe gelesen, dass kinder, die am anfang mit der flasche gefüttert werden, die brust dann nicht mehr nehmen!“

ich: halte einen kurzen vortrag über saugverwirrung, „… aber wenn sie rund um die uhr zum stillen kommen möchten, dann können sie auch mit einem brusternährungsset zufüttern, dann brauchen wir keine flasche. das ist aber sicher recht anstrengend für sie, besonders in den ersten nächten.“

mama: „hm… können sie sie denn nicht auch mit diesem brust-dings füttern?“

offensichtlich hat sie noch nie was von einem brusternährungsset gehört. denn sonst wüsste sie, dass dieses ding so funktioniert:

ich musste leider ablehnen. um amme zu spielen verdiene ich dann doch zu wenig. 😉

wir konnten uns übrigens auf fingerfeeding in der nacht einigen. ja, auch sowas machen wir. wenns denn unbedingt sein muss.

drogenparty!

23. September 2011

ja, das veranstalten wir derzeit jeden tag…   😀

wir haben momentan gleich 3 (in worten: DREI) patienten im neonatalen drogenentzug.

mädchen 1: reifes kind, zwei wochen alt. mutter im substitutionsprogramm, hat ab und zu mal „ausrutscher“, vater alkoholiker, wird von der mutter alle paar wochen wegen streitereien aus der wohnung geworfen. aber  nur, um ihn wenige tage später wieder rein zu lassen. mit weiterer verwandtschaft besteht kein kontakt. das kind ist noch mitten im entzug. ich schätze, dass wir derzeit auf der spitze des eisberges stehen. jedenfalls hoffe ich das. denn das kind bekommt morphin in hohen dosen, entzieht aber weiterhin sehr stark. chancen, dass das kind in der familie bleiben darf: 50%, derzeit besteht ein ausfolgeverbot. die mutter könnte es mit unterstützung schaffen, aber es ist noch unklar, inwieweit die situation mit dem (offensichtlich tw. gewalttätigen) vater tragbar ist.

mädchen 2: frühchen aus der 33. schwangerschaftswoche, 6 wochen alt, hat den entzug schon so gut wie hinter sich. mutter ebenfalls seit einigen jahren in einem substitutionsprogramm, HIV positiv, nimmt aber regelmäßig ihre medikamente. der vater, derzeit im entzug, hat sich nach der nachricht über die schwangerschaft von der mutter getrennt und den kontakt abgebrochen. unglücklich ist die mutter darüber nicht. die noch recht junge mutter wird von ihren eltern gut unterstützt, zieht gerade wieder bei ihnen ein. es ist bereits fix, dass die mutter ihr kind mit nach hause nehmen darf. natürlich ist sie ans jugendamt angebunden.

und der junge: frühchen aus der 35. woche, 4 tage alt und bereits mitten im entzug. und zwar richtig. das kind bekommt morphin seit es 7 stunden alt ist. die mutter ist obdachlos, nimmt alle möglichen drogen (hauptsächlich heroin), ist hiv positiv. etwa einen monat vor der geburt des kindes wurde sie bewusstlos auf der straße gefunden und ins krankenhaus gebracht. seit dem ist sie auf der psychiatrie aufgenommen. vater „gibt es keinen“. anderer verwandte auch nicht. das jugendamt ist bereits auf der suche nach pflegeeltern, möglicherweise sogar adoptiveltern. denn die mutter hat kein interesse am kind. sie sagt, sie hätte es eben irgendwann geboren und irgendwo abgelegt. damit hätte sie das „problem“ schon gelöst. allerdings hat sie bisher einer freigabe zur adoption (noch) nicht zugestimmt.

man darf gespannt sein, wies weiter geht mit diesen kiddies…

lars kommt in die ambulanz

25. Juli 2011

lars wurde in der 34. woche mit etwa 2kg geboren. da es ihm gut ging und er keinerlei probleme hatte, wurde er nach seiner geburt nicht auf der neo aufgenommen. er durfte gleich mit seiner mutter auf die wochenbettstation.

auch dort ging es ihm weiterhin gut. beim trinken an der brust war er zwar ziemlich langsam, aber irgendwie klappte es doch. außerdem war er etwas gelb, hatte eine milde neugeborenengelbsucht, die aber nicht therapiert werden musste.

nach 6 tagen wurde er, gemeinsam mit seiner mutter, nach hause entlassen. da der gelbsuchtwert noch erhöht war, sollte die mutter in 2 tagen zur kontrolle in die ambulanz kommen. außerdem sollte sein gewicht dort nochmal kontrolliert werden, da er noch nicht zugenommen hatte.

2 tage später sitzt die mutter nun in der ambulanz. sie hat ein gutes gefühl und ist sehr stolz auf ihren sohn. er ist ja so ein braver. eine schwester ruft sie in ein behandlungszimmer und bittet sie, lars erstmal auszuziehen. die waage zeigt 1770g an. das sind 100g weniger, als noch vor 2 tagen. außerdem fällt der schwester gleich auf, dass lars sich ziemlich warm anfühlt. die rektal gemessene temperatur liegt bei 38,7°C.

dann kommt die ärztin zur untersuchung und blutabnahme. von der schwester hat sie schon gehört, dass lars in keinem besonders guten zustand zu sein scheint. ihre untersuchung bestätigt den eindruck der schwester. lars ist schlapp, blass, bewegt sich kaum, hat trockene lippen, eingefallene augen und fontanelle, der herzschlag und die atemfrequenz sind erhöht.

während der untersuchung stellt die schwester der mutter ein paar fragen. wird er voll gestillt? ja. wie oft trinkt er von der brust? alle 4-5 stunden, nachts hat er eine pause von 8-10 stunden. wie lange trinkt er pro mahlzeit? etwa 20 minuten. wieviele nasse windeln hat er am tag? er wird immer nach dem stillen gewickelt, da ist eigentlich immer pipi drin. wann hatte er das letzt  mal stuhl? heute morgen. ist lars immer so ruhig, weint er auch ab und zu? *stolzgeschwelltebrust* nein, lars weint nie. er ist so brav. wenn er munter wird, dann druckst er nur so rum. aber weinen tut er nie. also, am tag der entlassung hat er noch viel geweint, aber das war sicher nur vom stress. jetzt ist er sehr entspannt.

ein kurzer blick zwischen schwester und ärztin. die mutter hat ihn gesehen und ist jetzt etwas beunruhigt. stimmt etwas nicht? die ärztin erklärt ihr, dass lars wohl dehydriert ist und wahrscheinlich aufgenommen werden muss. er ist möglicherweise deshalb so ruhig, weil er keine kraft mehr hat.

*BUMM* ein schlag ins gesicht für lars‘ mutter. darauf war sie wirklich nicht vorbereitet.

die blutabnahmen bestätigten den verdacht. lars wird stationär aufgenommen. und hier komme ich ins spiel. lars kommt nämlich zu uns. begleitet wird er von seiner mutter und einer ambulanzschwester, die sich nach der übergabe wieder verabschiedet.

das übliche, gut eingespielte aufnahmeprocedere beginnt. ein arzt und ich fummeln an lars rum, monitieren und untersuchen ihn, eine kollegin zieht eine infusion auf, die wir auch gleich anhängen. eine andere kollegin erledigt den papierkram und wieder eine andere versucht die mutter aufzufangen und erklärt ihr, was hier gerade passiert.

nach etwa 10 minuten ist auch schon alles erledigt und ich wende mich der mutter zu. sie ist total durch den wind. ich biete ihr an, im mutter-kind-zimmer zu schlafen, damit sie bei ihrem sohn bleiben und ihn auch nachts anlegen kann. sie lehnt (derzeit) dankend ab. was mich nicht überrascht. offensichtlich zweifelt sie gerade stark an ihrer stillkompetenz. aber das wird schon wieder.

gemeinsam besprechen wir das weitere vorgehen. lars wird nun alle 4 stunden zum essen geweckt und soll 40ml trinken. die mutter darf natürlich weiterhin anlegen. sollte lars deutlich weniger als diese 40ml trinken, dann bekommt er eine magensonde. bezüglich des fiebers wird vorerst noch zugewartet. man nimmt an, dass es von der dehydration kommt, also ein sog. „durstfieber“ ist. die entzündungswerte sind nur minimal erhöht. wir sind sicher, dass sich der immer noch erhöhte gelbsuchtwert, temperatur, atmung und herzfrequenz mit flüssigkeitszufuhr per infusion wieder normalisieren werden. wenn lars es dann auch noch schafft genügend nahrung selbst zu trinken, dann darf er wieder nach hause.

 

entgegen all unserer erwartungen hat es doch länger gedauert um lars zum trinken zu bringen. er war knapp 3 wochen bei uns aufgenommen. und es war wirklich harte arbeit. denn lars war sehr trinkfaul. letztlich hat er es aber doch geschafft und konnte heute gesund und voll gestillt nach hause entlassen werden.

liebe wütende mama…

7. Juli 2011

nein, ich sehe nicht ein, dass ich daran schuld sein soll, dass dein frühchen jetzt einen schnupfen hat und wegen rhinoviren isoliert werden muss.

vielleicht sprichst du mal mit dem papa. der hat nämlich seit einer knappen woche schnupfen. ja, er setzt sich immer brav eine maske auf, wenn er an die station kommt. aber den sinn dieser maßnahme hat er offensichtlich nicht verstanden. denn er schiebt sie ständig zur seite, um euer gemeinsames kind am kopf zu küssen. ich weiß genau, dass du das auch weißt, du bist nämlich meistens dabei.

und ja, er wurde deshalb von uns schon mehrmals ermahnt. das war ihm aber ziemlich egal. „ja, ich weiß eh…“ und „ist ja nur kurz…“ sagt er immer. du hast ihn bisher auch noch nie davon abgehalten.

 

ich verstehe, dass du aufgewühlt bist. aber du musst mich deshalb nicht beschuldigen „wie ein drecksschwein“ zu arbeiten.

unfassbar

8. Juni 2011

beim lesen dieses postings bei medizynikus ist mir eine geschichte eingefallen. ist sicher schon 2 oder 3 jahre her.

damals hatten wir einen kleinen patienten mit einem (noch nicht definierten) syndrom. er hatte alle möglichen und unmöglichen fehlbildungen. am herzen, nieren, gehirn. und auch optisch sah er „syndromig“ aus.

die eltern waren aus dem arabischen raum. genau weiß ichs nicht mehr. die mutter verstand kein einziges wort deutsch. und ca. 10 worte englisch. die kommunikation mit ihr war extrem schwer bis unmöglich. der vater hingegen sprach gebrochen, aber recht gut deutsch. er war aber nur alle paar tage mal an der station, weil er arbeiten musste.

es wurde schon vor der geburt ein herzfehler bei diesem jungen festgestellt. die anderen probleme kristallisierten sich aber erst nach und nach heraus. es wurde alles gründlich untersucht, und ständig kamen neue auffälligkeiten dazu.

die eltern wurden natürlich am laufenden gehalten. also… der vater. wir haben angenommen, dass der vater der mutter alles übersetzt.

nach einiger zeit, als alles soweit untersucht war und die ärzte sich ein bild von den vielen „baustellen“ dieses kleinen jungen gemacht hatten, wurde mal wieder ein elterngespräch vereinbart. dabei sollten die eltern nochmals umfassend über die komplexen diagnosen ihres kindes informiert werden und das weitere vorgehen bzw. möglichkeiten für therapien usw. besprochen werden. um sicher zu gehen, dass die eltern wirklich alles verstehen, wurde ein dolmetsch organisiert (die eltern wussten das im voraus nicht).

tja, beim gespräch stellte sich heraus, dass der vater der mutter ALLES verschwiegen hatte. nur von dem herzfehler wusste sie, da dieser ja schon in der schwangerschaft festgestellt wurde. unfassbar, oder?

wir haben daraus gelernt. nun haben wir deutlich mehr offizielle übersetzter im einsatz als früher.

ich bin stillfeindlich

22. April 2011

ja, so ist es. jedenfalls musste ich mir das letztens an den kopf werfen lassen. ich PÖÖÖHSE schwester.

und das nur, weil ich es nicht besonders förderlich für die entwicklung eines frühgeborenen kindes halte, dass es, auf wunsch der mutter, in ihrer abwesenheit nur sondiert werden soll. das kind soll sich keinesfalls an die flasche gewöhnen. sonst kriegt es eine saugverwirrung. PÖÖÖHSE saugverwirrung! schnuller ist deshalb natürlich auch nicht gestattet. maximal ein tee- oder milchstäbchen.

gegenargumente? nutzlos. schließlich ist sie die mutter und weiß, was das beste für ihr kind ist. okay.

das wird ein hartes stück arbeit für die stillberaterin, die psychologin und uns.

ein besonderes tagebuch

11. April 2011

als lunas mutter in der 30. schwangerschaftswoche war, stürzte sie morgens im badezimmer beim aussteigen aus der dusche. dabei schlug sie sich den kopf an. sie war nicht bewusstlos, hatte jedoch danach starke kopfschmerzen.

da die schmerzen nicht nachlassen wollten, und ihr ganz schön übel war, fuhren sie und der werdende papa abends ins krankenhaus. lunas mama wurde mit verdacht auf gehirnerschütterung stationär aufgenommen. luna ging es bestens.

wenige stunden nachdem sie im krankenhaus aufgenommen wurde, hatte lunas mutter einen schweren krampfanfall. luna musste per notsectio geholt werden. es stellte sich heraus, dass lunas mama eine ziemlich große hirnblutung erlitten hatte. nach dem kaiserschnitt wurde sie sofort notoperiert und danach auf die intensivstation verlegt. es ging ihr sehr schlecht.

luna hingegen ging es ganz gut. auch sie verbrachte ihre ersten lebenstage auf der intensivstation. danach wurde sie zu uns verlegt.

luna war nicht das erste kind dieser familie, sie war das dritte. der vater war also ganz schön eingespannt zwischen kindergartenkind, schulkind, schwer kranker frau und frühgeborenem baby. er kam zwar täglich zu besuch, konnte aber nicht sehr lange bleiben. er hatte unterstützung von den großeltern, anders hätte das wohl alles nicht funktioniert.

der zustand von lunas mutter war lange kritisch. sie musste mehrmals operiert werden. in den ersten wochen war nicht klar, ob sie überhaupt überleben würde. doch mit der zeit stabilisierte sie sich. als man sie nach über drei wochen aufwachen ließ, konnte sie nicht sprechen und sich nur sehr eingeschränkt bewegen.

von anfang an war klar, dass lunas mama lange brauchen würde, um sich zu erholen. das bedeutete, dass sie die ersten lebenswochen ihres dritten kindes nicht (oder nur sehr eingeschränkt) miterleben würde. deshalb begannen die schwestern der neo-intensiv, ein luna-tagebuch zu führen. vom ersten lebenstag an wurde täglich ein eintrag von der betreuenden schwester geschrieben. das haben wir natürlich begeistert übernommen. ab und zu wurden auch mal fotos gemacht und eingeklebt. oder hand- und fußabdrücke gemacht. auch der papa durfte mitschreiben.

die idee des intensivtagebuchs kommt eigentlich aus der erwachsenenintensivpflege. wenn erwachsene längere zeit im „künstlichen koma“ (wie es umgangssprachlich so schön heißt) liegen, fehlt ihnen danach jede erinnerung an diese zeit. um ihnen die möglichkeit zu geben, zumindest im nachhinein etwas daran teil zu haben, und es somit verarbeiten zu können, schreibt man dort tagebuch für die patienten. das gibt es natürlich nicht auf jeder intensivstation, und es ist auch nicht bei jedem patienten notwendig, aber mir gefällt diese idee.

in diesem tagebuch werden keine medizinischen fakten aufgeschrieben. dafür gibt es sowieso die offizielle doku. es soll tatsächlich wie ein „normales“ tagebuch geführt werden. im falle unserer luna haben wir es in der ich-form geschrieben. zum beispiel sowas:

heute gings mal wieder rund hier! in der früh durfte ich in der großen badewanne eine runde schwimmen gehen. das hat mir super gefallen, ich war ganz munter und entspannt. aber baden ist auch ganz schön anstrengend, deshalb wollte ich danach auch nicht von der flasche trinken. dafür hab ich bei der nächsten mahlzeit ordentlich reingehaun und 40ml selbst getrunken! zu mittag war dann der augenarzt da. diese untersuchung mag ich ja nicht so, das hab ich dem doktor auch deutlich gezeigt! trotzdem war er sehr zufrieden mit mir. am nachmittag war oma zu besuch und hat ganz viel mit mir gekuschelt und mir lieder vorgesungen. das mag ich gerne, dabei schaue ich mir oma immer sehr genau an. die schwestern sagen, dass ich morgen oder übermorgen vielleicht wieder mit papa zu mama auf besuch gehen darf, wenn es mir und ihr weiterhin so gut geht. das wär super! auf mama schlafe ich nämlich am allerbesten.  

ps: zugenommen habe ich auch wieder! ich wiege jetzt 2285g und bin 46cm groß!“

lunas mutter hat sich wahnsinnig darüber gefreut. sie hat uns gebeten das tagebuch bis zur entlassung weiter zu schreiben.

luna wurde etwa 2 wochen vor ihrem errechneten geburtstermin nach hause entlassen. am gleichen tag wurde ihre mama in eine reha-einrichtung transferiert.

still-wahnsinn

23. November 2010

ein frühchen voll zu stillen ist nicht einfach. die kleinen sind am anfang recht schwach, haben wenig ausdauer und einfach nicht genug kraft, um lange genug an der brust zu saugen und ausreichend milch zu trinken. schon das trinken von der flasche ist harte arbeit und muss oft lange trainiert werden. von der brust zu trinken ist nochmal anstrengender.

anfang letzter woche haben wir ein kind entlassen, dessen mutter unbedingt voll stillen wollte. schon während der schwangerschaft war das für sie ganz klar. leider kam ihr kind dann fast 10 wochen zu früh auf die welt und hatte, wie (fast) alle frühchen, so seine probleme mit dem trinken. von anfang an wurde der kleine täglich an die brust angelegt, hat nach 1-2 wochen sogar schon wenige milliliter erwischt.

von woche zu woche wurde er stärker, hat immer besser von der flasche und auch von der brust getrunken. nach ein paar wochen ist ihm dann endlich der knopf aufgegangen, er hat jede flasche selbst getrunken.

das hat die mutter so motiviert, dass sie dachte ihn nun endgültig zum stillbaby machen zu können. und zwar auf der stelle. deshalb wurden die stillmahlzeiten länger und länger. wäre auch kein problem gewesen, wenn er junge mann seine menge von der brust getrunken hätte. hat er aber nicht. nach dem ewig langen stillen war er so kaputt, dass er den rest nicht mehr von der flasche trinken konnte und somit nachsondiert werden musste.

ich weiß nicht wie oft meine kolleginnen und ich mit der mutter darüber gesprochen haben, dass es nicht sinnvoll ist, ihren sohn eine stunde lang an der brust zu lassen, wenn er doch von der flasche schon super trinkt. unser vorschlag war 20-30 minuten stillen, dann die flasche nachgeben. bei einem einmaligen versuch hatte das nämlich wunderbar funktioniert. und so hätte man dem kleinen auch die magensonde entfernen und ihn nach hause schicken können. aber die mutter war irgendwie nicht einsichtig.

also haben wir mehrmals (!) unsere stillberaterin kommen lassen. sie hat sich jedesmal eine stillmahlzeit angesehen und ist zu dem gleichen schluss gekommen wie wir. er hat einfach nicht genug ausdauer, um alles von der brust zu trinken. deshalb ist es sinnvoll ihn kürzer zu stillen und dann die flasche (in der übrigens ausnahmslos abgepumpte muttermilch war!) nachzugeben. aber auch das hat die mutter nicht beeindruckt.

es lief immer so ab: die mutter hat das kind angelegt. 20 minuten hat er kleine wunderbar getrunken. dann:

ich: „sie stillen jetzt seit 20 minuten. saugt er denn noch gut oder nuckelt er nur mehr?“

mutter: „neiiin, er trinkt noch total suuuper, er macht jetzt nur grad eine pause…“

naja. auf mich macht das kind einen tief schlafenden eindruck. auch die ruhige herzfrequenz sagt mir eindeutig, dass der kleine gerade gut schläft. aber hey, ich lass ja mit mir reden.

ich: „ok. 10 minuten noch. aber dann müssen wir ihm wirklich die flasche geben, sonst muss er wieder sondiert werden.“

10 minuten später.

ich: „so, jetzt ist es zeit. legen wir ihn doch mal auf die waage um zu sehen, wieviel er schon getrunken hat.“ (wir machen trinkwiegungen wenn die kleinen gestillt werden)

mutter: „neiiiin, er macht doch nur grad eine pause. vor einer minute hat er noch kräftig gesaugt!“

die mutter fummelt dem kind im gesicht herum, um ihn wieder zum saugen zu bringen. ich bleibe 3 minuten neben der mutter stehen, während sie versucht das schlafende kind aufzuwecken. der kleine nuckelt 2mal zaghaft und das wars. der schläft tief und fest.

ich: „ich glaub er schläft schon sehr gut. ich werde ihn mal abwiegen.“

gesagt, getan. beim abwiegen wird der kleine wieder wach. er hat 30ml getrunken. 60 muss er.

ich: „na super! 30 hat er schon geschafft. ich bringe ihnen die flasche, die schafft er sicher noch. dann können wir die sonde bald entfernen.“ drehe mich um und gehe.

keine minute später komme ich mit der flasche in der hand zurück. was sehe ich? die mutter hat ihn wieder angelegt.

ich: „ähm, hier ist die flasche. es ist besser, wenn sie ihm die jetzt noch anbieten, sonst schläft er gleich wieder ein und ich muss ihn sondieren.“

mutter: „neiiiiiin, er hat gerade wieder total fest gesaugt!“

ich: „ja, das ist gut so. aber sie wissen doch, er schafft noch nicht die ganze mahlzeit von der brust…“

mutter: „doch, doch! ich glaube diesmal wirds gehen. ich lass ihn noch ein bisschen.“

tja. was soll ich tun? ich kann ihr ja schlecht das kind von der brust wegreißen. also hat sie ihn eben gestillt bis er am ende war. und ich hab ihn nachsondiert. was besseres ist mir nicht eingefallen.

dieses spielchen hat sich knapp 2 wochen mehrmals täglich wiederholt. war die mutter nicht da um ihn zu stillen, hat er jede muttermilch-flasche in rekordtempo geleert. auch wenn der vater ihn gefüttert hat. der kleine hatte die magensonde wirklich nur mehr wegen seiner uneinsichtigen mutter.

bis eine kollegin beschlossen hat, dass das so nicht weitergehen kann. sie hat ihn von 4stündlich auf ad libitum umgestellt. das heißt, anstatt der fixen essenszeiten (alle 4 stunden), darf sich der junge mann nun melden, wenn er hunger hat und muss dann auch keine fixe menge trinken. er hat nur eine mindestemenge, die er in 24 stunden schaffen muss. spätestens nach 5 stunden müssen wir ihn aber immer wecken (ist bei uns standard bei frühgeborenen, die ad lib trinken).

eigentlich stellen wir die kinder erst auf ad lib um, wenn sie sich auch wirklich zu den mahlzeiten (oder schon vorher) melden. dieser junge mann hat das zwar nie getan, aber so konnten wir ihm in der nacht schon mehr füttern (hat er problemlos getrunken), sodass er tagsüber keine zusätzliche flasche gebraucht hat.

das war des rätsels lösung. 5 tage nach dieser umstellung wurde der kleine endlich entlassen. wie die eltern das zu hause gelöst haben würde mich echt sehr interessieren. wahrscheinlich muss der kleine den ganzen tag an der brust hängen… hihi.