unfassbar

beim lesen dieses postings bei medizynikus ist mir eine geschichte eingefallen. ist sicher schon 2 oder 3 jahre her.

damals hatten wir einen kleinen patienten mit einem (noch nicht definierten) syndrom. er hatte alle möglichen und unmöglichen fehlbildungen. am herzen, nieren, gehirn. und auch optisch sah er „syndromig“ aus.

die eltern waren aus dem arabischen raum. genau weiß ichs nicht mehr. die mutter verstand kein einziges wort deutsch. und ca. 10 worte englisch. die kommunikation mit ihr war extrem schwer bis unmöglich. der vater hingegen sprach gebrochen, aber recht gut deutsch. er war aber nur alle paar tage mal an der station, weil er arbeiten musste.

es wurde schon vor der geburt ein herzfehler bei diesem jungen festgestellt. die anderen probleme kristallisierten sich aber erst nach und nach heraus. es wurde alles gründlich untersucht, und ständig kamen neue auffälligkeiten dazu.

die eltern wurden natürlich am laufenden gehalten. also… der vater. wir haben angenommen, dass der vater der mutter alles übersetzt.

nach einiger zeit, als alles soweit untersucht war und die ärzte sich ein bild von den vielen „baustellen“ dieses kleinen jungen gemacht hatten, wurde mal wieder ein elterngespräch vereinbart. dabei sollten die eltern nochmals umfassend über die komplexen diagnosen ihres kindes informiert werden und das weitere vorgehen bzw. möglichkeiten für therapien usw. besprochen werden. um sicher zu gehen, dass die eltern wirklich alles verstehen, wurde ein dolmetsch organisiert (die eltern wussten das im voraus nicht).

tja, beim gespräch stellte sich heraus, dass der vater der mutter ALLES verschwiegen hatte. nur von dem herzfehler wusste sie, da dieser ja schon in der schwangerschaft festgestellt wurde. unfassbar, oder?

wir haben daraus gelernt. nun haben wir deutlich mehr offizielle übersetzter im einsatz als früher.

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9 Antworten to “unfassbar”

  1. amoureusedelaterre Says:

    Schalte mich hier als Dolmetscherin ein: viele Leute wissen nicht, WIE WAHNSINNIG WICHTIG WIR SIND. Es geht nicht nur um die Sprache sondern eben auch um die KULTUR. Man kann sich das gar nicht vorstellen, aber gerade im Krankenhaus kommen hier riesige Unterschiede zutage. Da muss man als Dometscher, Arzt und/ oder Pflegepersonal wirklich Fingerspitzengefühl haben. Und darf eben keinen übergehen.

  2. Blogolade Says:

    Wie traurig.
    Ich hätte gedacht, er wolle erstmal alle Untersuchungen abwarten bevor er ihr die Wahrheit sagt. Damit sie sich nicht unnötig Sorgen macht?!

  3. zuckerzicke Says:

    Es könnte ja sein, das der Vater die Mutter nicht beunruhigen wollte, oder das er das ganze erst mal für sich behalten wollte, bis sich alles aufklärt. Es könnte aber auch sein, das der Vater dachte, die Frau braucht es ja nicht zu wissen^^

  4. alltagimrettungsdienst Says:

    Generell finde ich es sehr schade und auch teilweise gefährlich, wenn ein Patient nicht die Landesprache spricht. Leider erlebt man sowas häufig bei denen, die schon 20 oder mehr Jahre hier leben.

  5. Cer Says:

    Einfach mal angenommen, aus irgdendwelchen Gründen würde man (hier: Mediziner) generell der Frau/Mutter schlimme Nachrichten nicht mitteilen, sondern nur dem Mann/Vater. Dann würdet ihr sehr schnell merken, dass oben beschriebene Situation eher weniger mit „andere Länder, andere Sitten“ zu tun hat, sondern viel mehr mit „Mann im Allgemeinen stellt sich ungern schlimmen Dingen“.
    Ich wette sehr viele Männer würden ihren Frauen dann einfach nichts davon erzählen. In der Praxis ist aber nun mal so, dass einer Frau die Umstände nicht mitgeteilt werden können, wenn sie die Sprache nicht spricht. Daher entsteht der Eindruck : „Und Migrationshintergrund. Südöstlicher Mittelmeerraum.“

    • Hajo Says:

      aber ich bitte Dich, Cer, das mit dem „Migrationshintergrund“ gilt doch nur hauptsächlich, weil diese Gruppe (aus dem „südöstlichen Mittelmeerraum“) halt die Mehrheit dieser Gruppe ist. Die Forderung nach halbwegs sicherem Umgang mit der „Gastgebersprache“ gilt doch für alle Nationen
      .. auch im umgekehrten Fall (wenn ein Deutscher im Ausland arbeitet)

  6. Arzt4Empfaenger Says:

    Oh Mann, wie hat die Mutter denn reagiert? Hatte sie vielleicht selbst schon bemerkt, daß irgendetwas ungewöhnlich war (über den Herzfehler hinausgehend)? Wie schrecklich. 😦
    Vielleicht wollte sich der Vater der Konfrontation einfach nicht offen stellen und hat es daher auch für sich in den Hintergrund gedrängt? Oder es sind wirklich nur andere Luander, andere Sitten…?

  7. Hajo Says:

    könnte es nicht auch sien, dass der Vater einfach die Konsequenzen nicht verstanden hat und das ganze (gedanklich) ad acta gelegt hat?
    allerdings zeigt dies auch die Notwendigkeit von Sprachkenntnissen (so man längere Zeit in einem Land leben will), auf die selbst die „hohe Politik“ hinweist.

  8. Mela Says:

    Da fällt mir nur ein „andere Länder, andere Sitten“. Einen ähnlichen Fall hatte ich auch einmal – nur durch den Dolmetscher hat die Mutter erfahren, dass ihr Teenie-Sohn versterben wird, Traurig!

    Lg Mela

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