ein ganz normaler tag, teil 2

und weiter gehts

7:30 uhr: die übergabe ist vorbei und die kleine anni meldet sich. sie hat hunger. da noch nicht klar ist ob sie heute operiert wird oder nicht, muss sie noch nicht nüchtern sein. bevor ich sie füttere, gehts noch ab in die badewanne. während ich sie vom monitor abhänge bete ich inständig, dass ihr das baden gefällt und sie sich dabei nicht aufregen muss. ich hebe sie aus ihrem bett, dabei wird mir bewusst wie wahnsinnig groß und schwer sie mir vorkommt, obwohl sie mit ihren 3200g und 51cm doch ein ganz normales neugeborenes ist. auf dem weg zum wickelplatz kommt mir eine kollgin entgegen. sie sieht anni an: „meiiiii, du bist ja eine riesige maus! so eine dicke!“, ich muss grinsen. wir verlieren hier wirklich den blick für normale, reife säuglinge.

7:55 uhr: anni ist frisch gebadet und gefüttert. das baden hat sie sehr genossen, beim trinken hatte sie immer über 75% sättigung. alles gut gelaufen. jetzt liegt sie wieder friedlich in ihrem bettchen und schläft. zeit, mich um toni zu kümmern. da es ihm ja nicht so toll geht mache ich nur das nötigste. wickeln, mundpflege, einen blick auf den zugang werfen, umlagern und sondieren. trinken lasse ich ihn nicht. er soll sich aufs atmen konzentrieren. und er hat ohnehin keine lust, jedenfalls lehnt er das teestäbchen ab. sein atemmuster gefällt mir gar nicht. er atmet ziemlich angestrengt.

8:05 uhr: ich wecke marco auf, gehe ihn wickeln. er hat eine ziemlich große leistenhernie („leistenbruch“), die sich aber leicht reponieren (also reindrücken) lässt. gekonnt entgehe ich einer pinkelattacke. dann wird gefüttert. marco trinkt sehr brav, hat keine abfälle dabei. 15ml lässt er über, die sondiere ich ihm nach.

8:30 uhr: ich sehe kurz nach tobias. er schläft tief und fest. ich bereite den papierkram für seine entlassung vor. dann mache ich eine runde bei meinen kolleginnen und frage, ob sie was brauchen. ich assistiere einer kollegin beim inku-wechsel (wir wechseln alle 7 tage die betten der kinder), einer anderen bei einem verbandswechel und gehe zu diversen alarmen.

8:50 uhr: annis eltern kommen. sie machen sich große sorgen und haben angst vor dem gespräch. ich versuche sie zu beruhigen, das gelingt mir aber kaum. die kinderkardiologen und unsere oberärztin kommen, begrüßen die eltern und gehen in den besprechungsraum. ich kann leider nicht mitgehen, denn tobias ist wach und hat hunger.

9:25 uhr: tobias ist gewickelt, gefüttert und schläft wieder. zeitgleich kommen annis eltern mit den ärzten von ihrem gespräch zurück. ich frage sie wie es ihnen geht. sie haben viele informationen bekommen, müssen das erst verdauen, aber sie sind etwas beruhigter. ich lege der mutter ihre kleine in den arm. die psychologin wird in etwa einer halben stunde da sein und mit den eltern sprechen.

9:40 uhr: in der zwischenzeit hatte toni mehrere apnoen, meine kolleginnen mussten ihn mehrmals kräftig stimulieren und den sauerstoff erhöhen. er braucht jetzt 50%. die entscheidung ist gefallen, er kommt an den infant flow (IF). aber vorher muss ich noch schnell zur visite. wir besprechen alle kinder kurz durch.

tobias: der arztbrief für die entlassung ist so gut wie fertig. so bald die mutter da ist schicken wir ihn nach hause.

marco: erfreulicher verlauf. die ernährung wird etwas gesteigert. für nächste woche werden routineuntersuchungen geplant. also ultaschall der hüften, nieren und des schädels. außerdem wird ein termin für den reanimationskurs organisiert.

toni: ich berichte von den massiven abfällen und dass er wieder an den IF muss. da er die ernährung nicht sehr gut verträgt, immer wieder einiges an magenresten hat, und der bauch durch den IF sowieso noch mehr belastet wird, wird die ernährung noch weiter reduziert und die infusion erhöht. die blutabnahmen aus der nacht waren soweit ok. wenn toni sich am IF nicht stabilisiert soll ein thoraxröntgen gemacht werden.

anni: die oberärztin berichtet kurz, was mit den eltern besprochen wurde. ob die op heute noch stattfinden kann ist noch nicht klar, es sieht aber ganz gut aus. ein bett auf der intensiv ist bereits reserviert.

9:55 uhr: meine visite ist vorbei. ich hole einen IF samt zubehör aus der gerätekammer und schließe alles an. während ich neben tonis bett vor mich hin arbeite hat er eine apnoe. ich stimuliere, er reagiert nicht, wird bradykard. ich muss ihn aufbeuteln. dann gehts wieder. ich beeile mich mit dem aufbau des IF und schnalle toni das ding um. er wehrt sich zunächst etwas, hat aber kaum noch kraft und gibt sich geschlagen. mit 30% O2 ist toni am IF jetzt stabil, atmet aber noch immer recht schnell. um seine atmung besser kontrollieren zu können ziehe ich ihn bis auf die pampers aus, erhöhe die temperatur seines wärmebetts stark und decke ihn gut zu. dann wird alles dokumentiert.

10:05 uhr: die psychologin kommt. ich mache sie mit annis eltern bekannt und ziehe mich wieder zurück. auch tobias‘ eltern kommen. sie haben alles für die entlassung dabei. ich frage kurz bei den ärzten nach, wie es mit dem arztbrief aussieht. ist in 10 minuten fertig. also können die eltern tobias schon mal in sein heim-fahr-outfit werfen. nachdem sie den entlassungsbrief von den ärzten erhalten und wir den hübschen jungen mann noch etwas bewundert haben, verabschieden sich die eltern von uns. alle kolleginnen, die grad zeit haben, sagen tschüss. immerhin war tobias sehr lange bei uns, und alle mochten ihn und seine eltern gern. sie lassen uns eine große schachtel merci und ein foto von tobias mit einem kleinen dankesbrief da. und schon sind sie weg.

10: 20 uhr: ich sehe nach toni. er liegt völlig erschöpft in seinem wärmebett. die atemfrquenz ist noch immer erhöht, immer wieder macht er für einige sekunden atempausen. aber er ist stabiler als vorher. da ich vorhin wegen seines instabilen zustandes keine zeit hatte ihm eine hautschutzplatte (als schutz vor druckstellen) unter die IF-maske zu kleben, hole ich das jetzt nach. dafür muss ich ihm den IF für etwa eine minute entfernen. das toleriert er gut.

10:40 uhr: die psychologin hat das erste gespräch mit den eltern beendet und kommt zu mir. sie berichtet, dass die eltern sehr belastet sind. vor allem die ungewissheit, wann die op stattfinden wird, und die tatsache, dass anni nach der op auf die intensivstation muss und kurzzeitig beatmet sein wird, ist für sie schwer zu ertragen. mehr erfahre ich nicht, wie immer. unsere psychologin erzählt uns immer nur das, was für uns bei der arbeit relevant ist, der rest bleibt zwischen ihr und den eltern, um ein vertrauensverhältnis zu schaffen. sie bittet mich, den eltern umgehend bescheid zu sagen, wenn es etwas neues wegen des op-termins gibt. das werd ich machen.

11:00 uhr: es ist zeit toni und marco zu sondieren. danach frage ich mal wieder bei den ärzten nach, wie es mit anni weiter gehen soll, denn sie wird sicher bald wieder hungrig sein. dass sie op heute noch stattfinden wird ist sehr wahrscheinlich. es fehlt aber noch das entscheidende ok vom kinderkardiologischen oberarzt. das heiß, vorerst darf anni nichts essen. und ein venöser zugang muss noch gelegt werden, damit anni eine infusion als nahrungsersatz bekommen kann.

11:20 uhr: ein arzt kommt, um mit mir den zugang bei anni zu legen. die eltern wollen gerne dabei bleiben. wir legen anni gemeinsam in ihr bett, ich bereite alles zum stechen vor, inklusive blutabnahmen. 5 minuten später ist die sache erledigt, ich lege anni der mutter wieder in den arm, damit sich die kleine beruhigen kann. das tut sie dann auch rasch. der op-termin ist noch immer nicht 100%ig fix.

12:00 uhr: einer der ärzte kündigt mir eine aufnahme an. das kind wurde vor wenigen minuten geboren, 39. ssw, 3,6kg, sectio, respiratorisch nicht ganz auf der höhe, braucht etwas sauerstoff und wird im moment noch drüben im keißsaal erstversorgt. sie machen sich in 5 minuten auf den weg zu uns. also schnell ein wärmebett, sauerstoffbrille und alles zum zugang legen + blutabnahmen vorbereiten.

hier gehts zu teil 3

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3 Antworten to “ein ganz normaler tag, teil 2”

  1. Nina Says:

    Das ist spannender als ein Krimi. Wie ist es denn bloß weitergegangen mit der kleinen Anni???

  2. Blümchen Says:

    Das „normale“ Babys dir groß vorkommen, liegt aber nicht nur an meinem Beruf. Auch ich – als völlig kinderferne Studentin – habe mich sehr über das letzte Baby gewundert, das ich gesehen habe. Es war zwar schon 3 Monaten alt, kam mir aber insbesondere im Vergleich zur sehr zierlichen Mutter extrem groß vor. Dabei wurde ich dann aufgeklärt, dass das so ganz normal sei…

    • Turtle Says:

      Ich hatte letztens auch so ein Erlebnis. Zwei Kinder, beide nur 2 Wochen auseinander (10 und 12 Wochen). Den 12 Wochen alte Junge hatte ich erst fuer 6 Monate gehalten, ein wirklich grosser Brocken. Das 10 Wochen alte Maedchen war nicht mal halb so schwer wie der kleine Junge, aber sie war wohl auch etwas frueh dran mit der Geburt. Die Eltern der beiden waren alle durchschnittlich gross und schwer.
      Ich frag jetzt immer wie alt die Kinder sind, man verschaetzt sich ja sowieso 🙂

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