lars kommt in die ambulanz

lars wurde in der 34. woche mit etwa 2kg geboren. da es ihm gut ging und er keinerlei probleme hatte, wurde er nach seiner geburt nicht auf der neo aufgenommen. er durfte gleich mit seiner mutter auf die wochenbettstation.

auch dort ging es ihm weiterhin gut. beim trinken an der brust war er zwar ziemlich langsam, aber irgendwie klappte es doch. außerdem war er etwas gelb, hatte eine milde neugeborenengelbsucht, die aber nicht therapiert werden musste.

nach 6 tagen wurde er, gemeinsam mit seiner mutter, nach hause entlassen. da der gelbsuchtwert noch erhöht war, sollte die mutter in 2 tagen zur kontrolle in die ambulanz kommen. außerdem sollte sein gewicht dort nochmal kontrolliert werden, da er noch nicht zugenommen hatte.

2 tage später sitzt die mutter nun in der ambulanz. sie hat ein gutes gefühl und ist sehr stolz auf ihren sohn. er ist ja so ein braver. eine schwester ruft sie in ein behandlungszimmer und bittet sie, lars erstmal auszuziehen. die waage zeigt 1770g an. das sind 100g weniger, als noch vor 2 tagen. außerdem fällt der schwester gleich auf, dass lars sich ziemlich warm anfühlt. die rektal gemessene temperatur liegt bei 38,7°C.

dann kommt die ärztin zur untersuchung und blutabnahme. von der schwester hat sie schon gehört, dass lars in keinem besonders guten zustand zu sein scheint. ihre untersuchung bestätigt den eindruck der schwester. lars ist schlapp, blass, bewegt sich kaum, hat trockene lippen, eingefallene augen und fontanelle, der herzschlag und die atemfrequenz sind erhöht.

während der untersuchung stellt die schwester der mutter ein paar fragen. wird er voll gestillt? ja. wie oft trinkt er von der brust? alle 4-5 stunden, nachts hat er eine pause von 8-10 stunden. wie lange trinkt er pro mahlzeit? etwa 20 minuten. wieviele nasse windeln hat er am tag? er wird immer nach dem stillen gewickelt, da ist eigentlich immer pipi drin. wann hatte er das letzt  mal stuhl? heute morgen. ist lars immer so ruhig, weint er auch ab und zu? *stolzgeschwelltebrust* nein, lars weint nie. er ist so brav. wenn er munter wird, dann druckst er nur so rum. aber weinen tut er nie. also, am tag der entlassung hat er noch viel geweint, aber das war sicher nur vom stress. jetzt ist er sehr entspannt.

ein kurzer blick zwischen schwester und ärztin. die mutter hat ihn gesehen und ist jetzt etwas beunruhigt. stimmt etwas nicht? die ärztin erklärt ihr, dass lars wohl dehydriert ist und wahrscheinlich aufgenommen werden muss. er ist möglicherweise deshalb so ruhig, weil er keine kraft mehr hat.

*BUMM* ein schlag ins gesicht für lars‘ mutter. darauf war sie wirklich nicht vorbereitet.

die blutabnahmen bestätigten den verdacht. lars wird stationär aufgenommen. und hier komme ich ins spiel. lars kommt nämlich zu uns. begleitet wird er von seiner mutter und einer ambulanzschwester, die sich nach der übergabe wieder verabschiedet.

das übliche, gut eingespielte aufnahmeprocedere beginnt. ein arzt und ich fummeln an lars rum, monitieren und untersuchen ihn, eine kollegin zieht eine infusion auf, die wir auch gleich anhängen. eine andere kollegin erledigt den papierkram und wieder eine andere versucht die mutter aufzufangen und erklärt ihr, was hier gerade passiert.

nach etwa 10 minuten ist auch schon alles erledigt und ich wende mich der mutter zu. sie ist total durch den wind. ich biete ihr an, im mutter-kind-zimmer zu schlafen, damit sie bei ihrem sohn bleiben und ihn auch nachts anlegen kann. sie lehnt (derzeit) dankend ab. was mich nicht überrascht. offensichtlich zweifelt sie gerade stark an ihrer stillkompetenz. aber das wird schon wieder.

gemeinsam besprechen wir das weitere vorgehen. lars wird nun alle 4 stunden zum essen geweckt und soll 40ml trinken. die mutter darf natürlich weiterhin anlegen. sollte lars deutlich weniger als diese 40ml trinken, dann bekommt er eine magensonde. bezüglich des fiebers wird vorerst noch zugewartet. man nimmt an, dass es von der dehydration kommt, also ein sog. „durstfieber“ ist. die entzündungswerte sind nur minimal erhöht. wir sind sicher, dass sich der immer noch erhöhte gelbsuchtwert, temperatur, atmung und herzfrequenz mit flüssigkeitszufuhr per infusion wieder normalisieren werden. wenn lars es dann auch noch schafft genügend nahrung selbst zu trinken, dann darf er wieder nach hause.

 

entgegen all unserer erwartungen hat es doch länger gedauert um lars zum trinken zu bringen. er war knapp 3 wochen bei uns aufgenommen. und es war wirklich harte arbeit. denn lars war sehr trinkfaul. letztlich hat er es aber doch geschafft und konnte heute gesund und voll gestillt nach hause entlassen werden.

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21 Antworten to “lars kommt in die ambulanz”

  1. Die dunkle Seite der Babyernährung « Says:

    […] Übrigens ist mein „nur“ knapp 3 Monate lang mit Muttermilch gefüttertes Kind gesünder als die Vollstillkinder meiner Umgebung. Und wer immer noch sagt, ich und andere „Stillversagerinnen“ hätten sich nicht richtig bemüht, der hatte noch nie ein flaschenloses, also voll gestilltes Baby auf dem Arm, dass vor Hunger weint, weil es eben doch nicht vollgestillt (satt) ist! Siehe auch Neonatalie: Lars kommt in die Ambulanz“ […]

  2. cassa Says:

    Bitte nicht gleich wieder die Anti-Still-Keule rausholen! Wenn ein Kind trinkfaul ist, dann ist es manchmal eben komplett trinkfaul – egal ob an Brust oder Flasche. Haben übrigens gerade Gelbsuchtkinder oft, diese Trinkfaulheit. Deswegen schrieb Neonat. ja auch, dass das Kind im zweifelsfall per Magensonde getränkt werden müsste – wenn es also auch aus der Flasche zu wenig trinkt.

    Im übrigen bin auch ich der Meinung: Arme Mutter! Im besten Glauben, alles richtig zu machen und dann sowas…. Man kann sowas wirklich nicht „intuitiv“ wissen. Muttersein ist nur zu einem kleinen Teil Intuition, der größere Teil ist einfach ein Lernprozess. Auch eine leicht erhöhte Temperatur lässt sich nicht unbedingt per Hand erfühlen – und ständiges präventives Fiebermessen macht auch kein Mensch, wäre auch viel zu störend.

    Ich glaube ja, das Problem ist, dass viele Frauen heutzutage bei der Geburt ihres ersten Kindes oft auch zum ersten Mal überhaupt mit einem Säugling konfrontiert sind. Früher hat man im Laufe des Heranwachsens quasi ständig das ein oder andere Baby in Familie und Bekanntschaft miterlebt und somit das ein oder andere an Wissen und Erfahrung gesammelt. Aber heute zu Zeiten der 0,5-Kind-Familie? Da ist so ein Säugling etwas absolut exotisches.

  3. buecherherz Says:

    Oh, da hab ich sofort Mitleid mit der Mutter.
    Sie scheint ja sehr liebevoll zu sein und sich Sorgen zu machen und dabei war es bestimmt nicht mal wirklich ihre Schuld.
    Aber umso besser, dass es dem Kleinen (und bestimmt auch jetzt der Mutter) wieder gut geht.

  4. Die Streunerin Says:

    Das sie die erhöhte Temperatur nicht bemerkt hat denke ich kann man einer Mutter beim ersten Kind nicht unbedingt vorwerfen.
    Aber das das Baby nicht zunimmt würde mir zu denken geben. Vor allem stelle ich mir die Frage ob sie keine Hebamme hatte die das Kind zuhause regelmäßig gewogen hat? Bei meinen beiden Kindern kam die ersten Tage nach der Klinik täglich die Hebamme so lange bis das Kind zugenommen hat. Dannerst nur alle paar Tage mal.
    Aber was das zu still sein angeht und dieses als Indiz dazu das was nicht in Ordnung ist…. beide Kinder waren/sind bei mir sehr ruhig (von Geburt an). Geweint wird nur wenn der Hunger voll da ist und sonst is Ruhe. Beide sind aber völlig gesund, keinesfalls dehydriert oder ähnliches. Mein Kleiner (nun 4,5 Monate alt) ist nun so weit wie sein Bruder in dem Alter, das er auch bei Hunger nicht richtig weint oder schreit (nur in Ausnamefällen) sondern meckert und wenn er das Fläschchen sieht grabscht er danach grinst und strampelt.
    Ok wenn ich ihm das dann nicht flott genug gebe geht die Sirene los. Aber sonst weint er fast nie!

    • neonatalie Says:

      diese mutter war erst 2 tage mit ihrem kind zu hause. und bei uns ist es (so viel ich weiß) eigentlich nicht üblich, dass die hebamme täglich nach hause kommt (falls man überhaupt eine hebamme nimmt, muss ja auch nicht sein).

      in deinem letzten satz liegt der unterschied zwischen deinen kindern und lars.🙂
      prinzipiell ist es eh gut, wenn kinder ausgeglichen sind und nicht ständig weinen, so wie bei dir. aber wenn der hunger schon groß ist, dann sollen sie bitte ordentlich brüllen. *g* (das tun frühchen aber oft nicht)

  5. Queensize Says:

    Leider musste ich genau diese Erfahrung machen. Meine Kleine wurde in der 36. SSW geboren. Nach 7 Tagen Krankenhaus wurden wir entlassen, zwar mit weniger Gewicht aber noch im Normalbereich.
    Eine Woche später lag die Kleine wieder im Krankenhaus im Wärmebettchen weil sie dehydriert war.
    Ich hatte keinen wirklichen Milcheinschuss. Ich habe nicht bemerkt wie schlecht es meiner Kleinen ging und war auch, genau wie o.g. Mutter, stolz wie bolle das meine Tochter ein so „zufriedenes“ Kind ist.

    Ich würde mich nicht als schlechte Mutter bezeichnen, aber ich war damals wohl sehr überfordert und naiv. So etwas merkt man leider oft erst im nachhinein.

  6. Carrie Says:

    Ich bin auch so eine Mutter. Erstes Kind, in der 33 SSW geboren (2000 g, 42 cm). Nach 3 Wochen Klinik durfte es mit nach Hause. Leise, lieb, unauffällig. Ich – durch die Situation im Nachhinein offensichtlich – überfordert habe gestillt und etwas zugefüttert, eben wie im Krankenhaus. Was ich nicht bemerkte: Mein Kind nuckelte nur und trank nicht – Trinkschwäche. Ich wußte noch nicht so präzise, wie sich alles korrekt anzufühlen hat. Die Hebamme hat den Gewichtsverlust bemerkt – nicht ich – und mir ganz sanft dazu geraten, doch noch etwas mehr zuzufüttern, bis das Stillen besser klappt (dann endlich mit 12! Wochen). Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie schlecht und unfähig ich mich gefühlt habe. Nicht zu merken, dass das eigene Kind hungert. Und schuldig, weil ICH ja bereits nicht fähig war, das Kind auszutragen. Wochenbettdepression läßt grüßen… Das nagt noch jetzt, mehr als 5 Jahre später an mir.

    Mir jedenfalls tut diese Mama unendlich leid und ich kann mir vorstellen, wie es ihr mit der Erkenntnis um die Gesundheit ihres Kindes ging und dass sie sanft und ohne Vorwürfe begleitet werden muss.

    • neonatalie Says:

      ja, sowas ist für eine mutterseele nicht leicht zu ertragen. letztlich sagt aber weder die dauer der schwangerschaft, noch ob man stillt oder nicht, etwas darüber aus, ob man eine gute mutter ist oder nicht. der kopf weiß das. aber bis das herz das auch versteht dauerts eben seine zeit.

      • Carrie Says:

        🙂 Das mit dem Kopf und dem Herz hast Du schön gesagt. Ich frage mich nur, wie lang das Herz noch braucht …

  7. Maria Says:

    Also, der Lars trinkt kaum, nimmt nicht zu und wird trotzdem weiterhin gestillt? Stillen ist das Beste für’s Baby, wenn es gut klappt, aber ich habe schon Fälle erlebt, da wurde regelrecht Stillterror betrieben statt auf die Flasche zurückzugreifen. Die Mutter kann sowohl stillen als auch Flasche geben. Wichtig ist, daß der Säugling zu nimmt und nicht, daß man ewig probiert und das Kind nur noch an der Brust hängt ohne zuzunehmen.
    Stillen wird heutzutage so progagiert wie früher die Flasche. Wenn das Baby an der Brust einige Tage schlecht trinkt und kaum zunimmt, MUSS zusätzlich gefüttert werden.

    • Blogolade Says:

      Ne, wer sagt das denn?
      Man sollte sich Hilfe einer kompetenten Stillberaterin holen, die drauf schaut, dass Mutter und Kind die richtige Stilltechnik haben, dass sie richtig oft anlegen. Gerade bei Kindern die nicht gut zunehmen ist Clusterfeeding angebracht und wecken.

      Wenn das alles nix hilft, kann man immer noch zur Flasche greifen. Aber es gibt tatsächlich auch trinkfaule Kinder, die an der Flasche ebenso faul sind wie an der Brust. Das Ding ist kein Allheilmittel.

  8. Kirsten Says:

    Oh, sofort hab ich wieder das Gefühl parat als es hieß: „Er ist drei Wochen alt und nimmt einfach nicht zu, da müssen wir jetzt was machen“.

    Inzwischen haben mich zwei vollgestillte Kinder davon überzeugt, dass es nicht (nur) an mir lag – eine Stillbeziehung ist eben eine Beziehung, und die liegt nicht nur an einem alleine – aber das weiß man beim ersten Kind ja nicht und überhaupt fühlt man sich als Mutter ja grundsätzlich für alles verantwortlich …

  9. sharmaynn Says:

    Hm, nennt mich naiv, aber sollte eine Mutter nicht merken wenn das Kind sich heiß anfühlt. Mich würde es jedenfalls unruhig machen wenn es ZU ruhig wäre. Ich frage mich ob sie auch in die Ambulanz gekommen wäre wenn man sie nicht sowieso für in 2 Tagen wieder zur Kontrolle einbestellt hätte.

    • Cerise Says:

      Leider nicht, Sharmaynn. Oft genug heißt es immer noch „Zieh dem armen Kind doch was an!“ Wenn du dich mal aufmerksam umsiehst wirst du es merken, die meisten Säuglinge sind gut eingepackt. Zu gut.
      Aber selbst Hebammen geben oft genug noch den Rat das Kind lieber zu warm als zu kalt anzuziehen.
      Der „Nackengriff“, den meiner Meinung nach jede Mutter, jeder Vater draufhaben sollte ist vielen Eltern unbekannt und so sehe ich immer wieder Kinder die bei + 10 Grad schon den dicken Fußsack im Kinderwagen haben + die Winterjacke.
      Gut, meine Meinung zählt wohl nicht, ich bin eine Rabenmutter, mein Sohn hat noch niemals ein Unterhemd getragen in den 10 Jahren die er auf der Welt ist, das grenzt für einige mir bekannte Mütter fast an Verwahrlosung…

      Mir tut Lars Mutter leid, man ist so stolz das man das Kind mit nach Hause nehmen kann, dann ist es auch noch so ein ruhiges Kind, alles ist perfekt! Und dann das.
      Schön das für sie und ihren Sohn alles so gut ausgegangen ist!

      • sharmaynn Says:

        Oha, na dann. Ich glaube dann würden die Leute mich wahrscheinlich auch für eine Rabenmutter halten^^. Ich halte nämlich nicht viel von diesem „zu warm“ anziehen für Kinder. Im Hochsommer mit Pulli oder so. Letztens wurde ich kaltherzig genannt weil ich meinte, das Kinder auch ruhig mal hinfallen dürfen, naja.

  10. Hajo Says:

    ich denke mal, der Mutter ist nicht wirklich ein Vorwurf zu machen, schliesslich ist sie ja auch „gleich“ in die Ambulanz gekommen
    „Trinkfaul“ was bedeutet das? Vielleicht kannst Du, liebe Natalie, dazu etwas schreiben. (nur für doofe Väter und Opas, aber auch zum Lernen für Mütter).
    Grüße
    Hajo

    • neonatalie Says:

      trinkfaul ist kein fachbegriff. ich nenne kinder so, die schlecht trinken, obwohl sie die kraft hätten mehr zu trinken. also einfach nach einer kleinen menge essen einschlafen.🙂

      • Hajo Says:

        und was macht man dann?
        – aufwecken und wieder und wieder anlegen?
        – gleich beifüttern?

  11. svuechiatrie Says:

    Konntet ihr der Mutter denn auch die Angst nehmen? Ich vermute doch mal, dass sie sich erst mal für eine ziemlich miese Mutter gehalten hat, oder?

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