Posts Tagged ‘intensivstation’

mal etwas zum ansehen

14. November 2011

da die rufe nach bildmaterial immer lauter werden, hab ich mich mal im netz auf die suche nach reprotagen zum thema neonatologie gemacht. einfach wars nicht, denn oft gibt es da szenen, die ich euch nicht guten gewissens zeigen kann (also solche mit fürchterlichem handling mit den kleinen, oder fachlich falsch, oder sehr veraltet und so…).

aber schließlich hab ich doch noch was gefunden. eine reportage aus dem jahr 2010. da gibts zwar auch die ein oder andere sache, die ich nur ungern so unkommentiert im raum stehen lasse, aber naja. es kommt (meiner) realität auf jeden fall sehr nahe.

also, hier ist sie. eine reportage über die neonatologische intensivstation des AK altona in hamburg. ist zwar recht lange, aber es lohnt sich. trotz etwas langatmigeren mittelteils nicht vorzeitig aufgeben! gegen ende sieht man eine erstversorgung inkl. reanimation eines babys der 24. schwangerschaftswoche (mit sehr angespannten oberarzt).

 

 (ich weiß ja nicht obs an mir liegt, aber das ruckelt ganz schön. bitte über den youtube-link ansehen, da gehts einwandfrei!)

carolin

9. November 2011

ein wunderschöner herbsttag im oktober. die sonne scheint, das laub raschelt, die blätter der bäume zeigen ihre schönsten farben. der perfekte tag für einen ausgedehnten spaziergang.

doch daran kann carolins mama gar nicht denken. sie hat nämlich gerade nach 14 stunden wehen ihre zweite tochter carolin geboren. sie ist ein süßes reifes mädchen mit 3700g und 51cm. sie schreit kräftig und wird rasch rosig. auch die plazenta wird bald geboren. alles ist perfekt.

um den eltern die möglichkeit zu geben ihr kind in trauter zweisamkeit zu begrüßen, verlässt die hebamme für einige minuten den kreißsaal. zu diesem zeitpunkt ist carolin etwa eine halbe stunde alt.

mama und papa kuscheln sich aneinander, carolin liegt auf der brust ihrer mutter. alle sind sehr erschöpft, glücklich und dösen vor sich hin.

nach etwa 10 minuten kommt die hebamme wieder und fragt nach, ob alles ok ist. mama und papa nicken. die mutter berichtet, dass carolin sogar eingeschlafen sei. mit einem lächeln auf den lippen geht die hebamme ums kreißbett herum, um die zufrieden schlafende carolin zu bestaunen. doch das lächeln weicht plötzlich einem ernsthaft erschrockenen ausdruck.

carolin atmet nicht. sie ist tiefblau und leblos. die hebamme löst sofort alarm aus und legt die kleine in das rea-bett. wenige sekunden später ist ein neo-team vor ort. carolin wird intubiert, reanimiert, stabilisiert und auf die intensivstation gebracht.

die eltern sind schwer geschockt. natürlich. sie haben alles mitangesehen. die psychologin wird informiert und beginnt sofort mit der krisenintervention.

die folgende woche verbringt carolin auf der intensivstation. auf grund des starken sauerstoffmangels wird sie für 3 tage auf 33,5°C körperkerntemperatur gekühlt, um ein starkes anschwellen des gehirns zu verhindern. schon der erste ultraschall des kopfes unmittelbar nach der aufnahme auf der intensivstation zeigt eine mittelgroße hirnblutung auf beiden seiten.

das ist etwa 2 wochen her. seit einer woche ist carolin nun schon bei uns. und es geht ihr erstaunlich gut. sie verhält sich wie ein „normales“ baby, trinkt brav und nimmt gut zu. das einzig auffälle ist ihr EEG, dieses zeigt eine deutlich erhöhte krampfbereitschaft. dagegen bekommt sie nun ein medikament. mit auswirkungen auf ihre entwicklung ist derzeit nicht zu rechnen.

what the hell…

18. August 2011

das frag ich mich derzeit bei jedem einzelnen dienst. ehrlich. bei uns gehts zu!

in den letzten 3 wochen sind bei uns 4 kinder verstorben… VIER! soviele sinds normalerweise im ganzen jahr! wir haben hunderttausendmillionen katecholamine laufen. und ein spontanatmendes kind hab ich glaub ich seit nem monat nicht mehr gesehn.

unsere kinder sind derzeit so intensiv, dass eine schwester nun nur 1-2 kinder betreut. wie man sich vorstellen kann, bedeutet das fleißig überstunden zu schieben. denn eigentlich sind wir ja keine intensivstation und haben deshalb auch nicht so viel personal. eigentlich.

gestern stand ich (ungelogen!) 3 stunden am stück am bett meines patienten. ich kam einfach nicht weg. damals auf intensiv war das auch ab und an mal so. aber hey, eigentlich arbeite ich doch auf einer imc, oder etwa nicht??

ich hoffe es wird bald besser. wenn nicht, dann wechsel ich wieder rüber auf die inteniv. dort hab ich die gleiche arbeit, muss aber nicht so viele überstunden machen.

ein besonderes tagebuch

11. April 2011

als lunas mutter in der 30. schwangerschaftswoche war, stürzte sie morgens im badezimmer beim aussteigen aus der dusche. dabei schlug sie sich den kopf an. sie war nicht bewusstlos, hatte jedoch danach starke kopfschmerzen.

da die schmerzen nicht nachlassen wollten, und ihr ganz schön übel war, fuhren sie und der werdende papa abends ins krankenhaus. lunas mama wurde mit verdacht auf gehirnerschütterung stationär aufgenommen. luna ging es bestens.

wenige stunden nachdem sie im krankenhaus aufgenommen wurde, hatte lunas mutter einen schweren krampfanfall. luna musste per notsectio geholt werden. es stellte sich heraus, dass lunas mama eine ziemlich große hirnblutung erlitten hatte. nach dem kaiserschnitt wurde sie sofort notoperiert und danach auf die intensivstation verlegt. es ging ihr sehr schlecht.

luna hingegen ging es ganz gut. auch sie verbrachte ihre ersten lebenstage auf der intensivstation. danach wurde sie zu uns verlegt.

luna war nicht das erste kind dieser familie, sie war das dritte. der vater war also ganz schön eingespannt zwischen kindergartenkind, schulkind, schwer kranker frau und frühgeborenem baby. er kam zwar täglich zu besuch, konnte aber nicht sehr lange bleiben. er hatte unterstützung von den großeltern, anders hätte das wohl alles nicht funktioniert.

der zustand von lunas mutter war lange kritisch. sie musste mehrmals operiert werden. in den ersten wochen war nicht klar, ob sie überhaupt überleben würde. doch mit der zeit stabilisierte sie sich. als man sie nach über drei wochen aufwachen ließ, konnte sie nicht sprechen und sich nur sehr eingeschränkt bewegen.

von anfang an war klar, dass lunas mama lange brauchen würde, um sich zu erholen. das bedeutete, dass sie die ersten lebenswochen ihres dritten kindes nicht (oder nur sehr eingeschränkt) miterleben würde. deshalb begannen die schwestern der neo-intensiv, ein luna-tagebuch zu führen. vom ersten lebenstag an wurde täglich ein eintrag von der betreuenden schwester geschrieben. das haben wir natürlich begeistert übernommen. ab und zu wurden auch mal fotos gemacht und eingeklebt. oder hand- und fußabdrücke gemacht. auch der papa durfte mitschreiben.

die idee des intensivtagebuchs kommt eigentlich aus der erwachsenenintensivpflege. wenn erwachsene längere zeit im „künstlichen koma“ (wie es umgangssprachlich so schön heißt) liegen, fehlt ihnen danach jede erinnerung an diese zeit. um ihnen die möglichkeit zu geben, zumindest im nachhinein etwas daran teil zu haben, und es somit verarbeiten zu können, schreibt man dort tagebuch für die patienten. das gibt es natürlich nicht auf jeder intensivstation, und es ist auch nicht bei jedem patienten notwendig, aber mir gefällt diese idee.

in diesem tagebuch werden keine medizinischen fakten aufgeschrieben. dafür gibt es sowieso die offizielle doku. es soll tatsächlich wie ein „normales“ tagebuch geführt werden. im falle unserer luna haben wir es in der ich-form geschrieben. zum beispiel sowas:

heute gings mal wieder rund hier! in der früh durfte ich in der großen badewanne eine runde schwimmen gehen. das hat mir super gefallen, ich war ganz munter und entspannt. aber baden ist auch ganz schön anstrengend, deshalb wollte ich danach auch nicht von der flasche trinken. dafür hab ich bei der nächsten mahlzeit ordentlich reingehaun und 40ml selbst getrunken! zu mittag war dann der augenarzt da. diese untersuchung mag ich ja nicht so, das hab ich dem doktor auch deutlich gezeigt! trotzdem war er sehr zufrieden mit mir. am nachmittag war oma zu besuch und hat ganz viel mit mir gekuschelt und mir lieder vorgesungen. das mag ich gerne, dabei schaue ich mir oma immer sehr genau an. die schwestern sagen, dass ich morgen oder übermorgen vielleicht wieder mit papa zu mama auf besuch gehen darf, wenn es mir und ihr weiterhin so gut geht. das wär super! auf mama schlafe ich nämlich am allerbesten.  

ps: zugenommen habe ich auch wieder! ich wiege jetzt 2285g und bin 46cm groß!“

lunas mutter hat sich wahnsinnig darüber gefreut. sie hat uns gebeten das tagebuch bis zur entlassung weiter zu schreiben.

luna wurde etwa 2 wochen vor ihrem errechneten geburtstermin nach hause entlassen. am gleichen tag wurde ihre mama in eine reha-einrichtung transferiert.

tim und tom

11. Februar 2011

tim und tom wurden in der 31. schwangerschaftswoche geboren. wenige stunden nach ihrer geburt durften sie bereits zu uns. tim, mit fast 1200g der größere von beiden, war von anfang an immer stabil, hat nie sauerstoff oder atemhilfen gebraucht. tom, mit 900g deutlich zu klein für die woche, war eher das sorgenkind. obwohl es ihm eigentlich auch nie wirklich schlecht ging, er brauchte nur etwas sauerstoff in den ersten tagen.

beide entwickelten sich gut. nach wenigen tagen haben beide begonnen ihre mahlzeiten mit begeisterung selbst zu trinken. tom, der kleinere, schaffte nach einer woche sogar schon jede 2. mahlzeit komplett selbst. auch tim trank 1-2mal am tag seine ganze flasche selbst aus.

die eltern von tim und tom waren überglücklich zwei so süße und tapfere jungs zu haben. sie waren täglich viele stunden da und versorgten ihre beiden mit viel liebe und sorgfalt.

als die beiden 2 wochen alt waren, entwickelte tim plötzlich eine schwere, frühchentypische komplikation, eine NEC. sein darm entzündete sich und perforierte. er wurde operiert. die kaputten darmteile mussten entfernt werden und er bekam einen künstlichen darmausgang. nach der op wurde er direkt auf die intensivstation gebracht. es ging ihm wirklich sehr schlecht und er war sehr instabil. nach einigen tagen schien es bergauf zu gehen.

10 tage nach der op dachte man schon daran, tim zu extubieren, als sich sein zustand wieder drastisch verschlechterte. tim wurde ein zweites mal operiert, da man den verdacht hatte, dass weitere teile des darmes abgestorben sein könnten. dieser verdacht bestätigte sich.

in den folgenden tagen ging es tim immer schlechter. seine nieren arbeiteten kaum noch. er war nur schwer stabil zu halten. sein herzchen wurde immer schwächer.

wieder einige tage später war tim dem tod näher als dem leben. trotz maximaler intensivtherapie. langsam wurde klar, tim wird es nicht schaffen.

an einem mittwoch war es soweit. die eltern der zwillinge waren gerade bei uns an der station und haben mit tom gekuschelt. da rief die intensivstation bei uns an. wir sollten die eltern rüber schicken. es war wohl mit eines der schlimmsten dinge, die ich jemals zu eltern sagen musste. die intensivstation hat angerufen. tim geht es sehr schlecht. sie wussten, was das bedeutet. der endgültige abschied war nahe. die eltern legten tom wieder in sein bett und gingen zu tim.

an diesem tag kamen sie nicht wieder. ich wusste, was das bedeutet.

tims tod hat mich mehr mitgenommen, als ich es eigentlich zulassen wollte. ich habe die zwillinge am tag ihrer geburt von der intensiv übernommen und oft betreut. ich habe tim mit der akuten NEC in den OP gebracht. ich habe den eltern gesagt, dass tims tod unmittelbar bevor steht. ich habe tom im arm gehalten, als sein bruder starb.

es ist wirklich schwer, die richtige mischung zwischen nähe und distanz zu finden. aber für die eigene psyche ist distanz wohl die bessere lösung.

tom ist heute etwa 3 jahre alt und entwickelt sich bestens. vor wenigen monaten hat er eine gesunde kleine schwester bekommen.

intensive tage

27. Januar 2011

die letzten wochen waren heftig. wegen der vielen krankenstände auf unserer neo-intensivstation, habe ich dort für ein paar dienste ausgeholfen. es hat mir echt viel spaß gemacht, war interessant und was gelernt hab ich auch. ich konnte sogar mal wieder bei erstversorgungen von frühchen dabei sein.

es waren stressige dienste. obwohl ich mangels routine natürlich nicht die schlechtesten kinder betreut hab. aber man hilft sich eben gegenseitig wo man kann. besonders, wenn so viel los ist, wie momentan. und dazwischen die armen, völlig überforderten eltern. das gute ist, da man nur 1 oder 2 kinder betreut, hat man mehr zeit sich intensiver um die eltern zu kümmern, mit ihnen zu sprechen und dinge zu erklären. wobei man schon aufpassen muss, dass es ihnen nicht zu viel wird.

die kinder, die ich betreut habe waren auch sehr interessant. das kleinste hatte nur 560g. wirklich nur eine hand voll leben. aber sehr tapfer. auch die erstversorgungen, bei denen ich dabei sein durfte, waren sehr aufregend. also für mich. diese paar sekunden, bevor man das kind hingelegt bekommt sind nervenkitzel pur. im kopf geht man alle eventualitäten durch. vom vitalen bis zum rea-plichtigen kind. jeder handgriff muss sitzen. ich steh auf sowas! ehrlich!

alle waren sehr zufrieden mit mir. bin sogar gefragt worden, ob ich nicht zu ihnen wechseln will. und was soll ich sagen… reizen würde es mich schon. aber ich weiß nicht. eigentlich bin ich sehr froh, dass ich von diesem ständigen sterben weg bin. das is nämlich echt nicht schön.  naja, in zugzwang bin ich jedenfalls nicht. sie suchen nämlich eh ständig personal. ich kanns mir also in ruhe überlegen.

mutterglück am muttertag

10. Mai 2010

gestern, also am muttertag, wurde bei uns im haus ein kleines mädchen in der 31. schwangerschaftswoche geboren. sophie war ein lange ersehntes wunschkind. 9 wochen vor dem errechneten geburtstermin hatte ihre mama unerwartet einen blasensprung. gleichzeitig bekam sie starke blutungen. sie wurde von ihrem mann so schnell wie möglich ins krankenhaus gebracht. dort stellte man fest, dass sophies mama viel blut verlor, was sophie auch schon bemerkte. deshalb wurde sofort ein notkaiserschnitt gemacht. sophie wird also am muttertag geboren. sie wiegt knappe 1200g und ist 41cm lang. sie wird sofort von der intensivstation übernommen, braucht noch etwas sauerstoff. nach einer stunde allerdings nicht mehr. sophie geht es gut. ihrer mama leider nicht. auch sie wird auf die intensivstation gebracht. gesehen hat sie sophie noch nicht. nur der papa durfte einen kurzen blick auf seine tochter werfen.

da es sophie gut geht wird sie auf eine andere station transferiert. 4 stunden nach ihrer geburt übernehme ich sophie von der intensivstation. wenig später kommt der papa. er ist sichtlich mitgenommen von der ganzen situation, blickt seine tochter immer wieder ungläubig an und hat tränen in den augen. ich frage nach der mama. es geht ihr nicht so gut, sie hat viel blut verloren, hat noch „einen schlauch im hals“, der soll aber heute noch entfernt werden. hm. ich frage den papa, ob er mit sophie kuscheln will. ja er will. ich lege ihm seine neugeborene tochter auf die nackte haut. beide genießen es sichtlich. ich mache ein foto von vater und tochter. nach einer stunde möchte der vater wieder zu seiner frau schauen. wir legen spohie gemeinsam wieder in ihren inkubator. ich gebe dem vater das foto mit.

sophie geht es wirklich gut, sie ist völlig stabil. aber unruhig. sie will kuscheln. aber was tun, wenn die mutter nicht zum kind kommen kann? ganz einfach, das kind muss zur mutter kommen. ich bespreche das mit den ärzten und bekomme ein ok. ich rufe auf der intensivstation der mutter an. sie ist bereits extubiert und stabil, also sind auch sie einverstanden. perfekt.

einer der ärzte schnappt sich den notfallrucksack und auf gehts. wir schieben sophie im inkubator durch die halbe klinik. als wir auf der intensivstation ankommen werden wir schon freudig erwartet. nicht nur von mama und papa. auch das personal will unbedingt einen blick unter die vielen tücher, in die sophie eingewickelt ist, werfen.

schon als ich sophie „auspacke“ beginnt die mutter zu weinen. sie weiß, dass sie gleich zum aller aller ersten mal ihre tochter sehen wird. ein wirklich bewegender moment. als ich ihr sophie auf die brust lege ist ihr glück perfekt. mama, papa, kind. so wie es sein soll. auch hier wird schnell ein foto gemacht. wir stellen die überwachung von mutter und kind sicher und ziehen uns zurück, trinken einen kaffee mit den kollegInnen, plaudern.

nach 2 stunden kuscheln wird es zeit für uns. wir müssen sophie leider wieder mitnehmen. wir geben den eltern zeit sich von sophie zu verabschieden. wieder fließen tränen.

den restlichen tag schläft sophie ruhig. der papa kommt nochmal kurz vorbei und bedankt sich. gern geschehen. wirklich sehr gern. 🙂