eine ganz normale nacht, teil 2

teil 1

18:50 uhr: die letzten nachtdienstkolleginnen trudeln ein, wir sitzen gemütlich beisammen, plaudern etwas, fragen die tagdienstkolleginnen wie der dienst so war, was so passiert ist, wie es dem ehemann und den kindern zu hause geht.

19:00 uhr: dienstbeginn. wir, 3 schwestern, teilen die kinder untereinander auf. nach möglichkeit nimmt man sich die kinder, die man kennt und in letzter zeit öfter betreut hat. vorrecht aufs aussuchen der kinder hat die kollegin, die den letzten dienst hatte. dann beginnt die übergabe. dazu gehen wir zum bett, also zu den patienten, dort sind unsere dokumentations-pcs angebracht (wir dokumentieren hauptsächlich am computer, dafür haben wir ein spezielles programm).

19:20 uhr: die übergabe ist vorbei, der tagdienst geht sich umziehen und tritt die heimreise an. ich überprüfe die absaugungen und die ambubeutel, die jedes kind beim bett hat, auf funktionstüchtigkeit und sehe mir die zugänge der kinder an, alles gut. danach gehe ich zu lukas‘ mama und frage ob sie was braucht, sage ihr, dass sie bei fragen oder problemen jederzeit kommen kann. eine kollegin stellt in der zwischenzeit die fläschchen für die 20 uhr runde ein.

19:40 uhr: ich gehe das coffein für lara aufziehen. anhängen werde ich es ihr erst bei der pflege.

19:45 uhr: ich beginne mit der ersten pflegerunde des abends. und zwar bei meinem noch namenlosen mäuschen. ich erhöhe dafür die temperatur ihres inkus, damit sie nicht auskühlt. dann verpasse ich ihr eine neue pampers, die alte wiege ich ab um das mäuschen bilanzieren zu können. viel harn hat sie nicht ausgeschieden. mir kommt außerdem vor, als wären auch ihre handrücken etwas ödematös. könnte aber auch einbildung sein. das werde ich weiter beobachten. da das mäuschen beatmet ist und somit nicht trinken kann, biete ich ihr ein in tee getränktes wattestäbchen an, zum saugen und zur mundpflege. aber sie saugt nicht. ich wische ihr damit den mund noch aus und creme die lippen mit einer fettcreme ein, damit sie nicht austrocknen. am beatmungsgerät sehe ich, dass das mäuschen beim wickeln und pflegen schon ziemlich fleißig mitatmet. jetzt, nachdem ich sie umgelagert habe und sie wieder ruhe hat, tut sie allerdings nichts mehr. die augen hat sie während der pflege nicht geöffnet. zeit fürs essen. bevor ich ihr die paar milliliter über die magensonde sondiere, sehe ich noch nach, ob sie magenreste hat. hat sie aber nicht, wunderbar.

20:00 uhr: eigentlich wollte ich noch schnell die plegerunde beim mäuschen dokumentieren, aber lara randaliert schon in ihrem inku. also gebe ich nur schnell das gewicht der abgewogene windel ein, damit ichs nicht vergesse. ab zu lara. auch bei ihr erhöhe ich die inkutemperatur für die dauer der pflege. lara ist hellwach, sieht mich mit ihren großen augen erwartungsvoll an und schmatzt – sie ist also hungrig. also gebe ich ihr gleich ihr essen und starte einen trinkversuch. natürlich erst, nachdem ich auch bei ihr magenreste kontrolliert habe. da sie nur 6ml bekommt und es keinen sinn macht, sie in ein fläschchen zu füllen, ziehe ich erstmal 2ml in einer spritze auf und hole mit einen sauger (also das ding, das man aufs fläschchen schraubt). ich spritze die 2ml hinein und biete ihn lara zum trinken an. sie saugt ein paar mal ganz gut, dann ist es aber vorbei. sie schleckt noch etwas herum, schläft dann aber wieder ein. immerhin war sie beim trinken stabil. ich wechsel noch die windel, wiege sie ab, lege lara in die bauchlage, packe sie gut ein, hänge ihr das coffein an und sondiere ihr die restliche mahlzeit. zum dokumentieren der pflege vom mäuschen und von lara setzte ich mich an den pc neben ihren bett. denn ich erwarte, dass sie bald mit sättigungsschwankungen beginnen wird. das tut sie auch, aber sauerstoff braucht sie von mir nicht.

20:15 uhr: ich bin gerade mit allem fertig, da kommen mäuschens eltern an die station. der vater schiebt die mutter im rollstuhl, sie hat noch starke schmerzen beim gehen, wegen des kaiserschnitts. eigentlich wollten sie ja auch erst morgen kommen, aber die mutter wollte ihre kleine unbedingt heute noch sehen. meine kollegin bringt die aufgeregten eltern zu mir. und ich bringe sie zu ihrer tochter. wir sprechen kurz darüber wie es der kleinen geht, wieso sie intubiert werden musste, usw. dann frage ich, ob sie sich schon für einen namen entschieden haben – haben sie nicht. und wie es dem bruder geht – nicht sehr gut, er braucht viel sauerstoff zur beatmung und ist instabil. da die eltern noch länger bleiben wollen, biete ich an, die kleine zum kuscheln rauszugeben. die mutter ist sich unsicher, aber der vater und ich reden ihr gut zu, und sie stimmt zu. also helfen wir der mutter vom rollstuhl in unseren liegestuhl und ich hole mir eine kollegin, die mir beim rauslegen hilft. ich nehme das kind, die kollegin achtet auf den tubus und die verkabelung. die mutter ist zu tränen gerührt. es ist das erste mal, dass sie eines ihrer kinder am arm hat. der vater packt die kamera aus und macht haufenweise fotos. haaaach, ich mag meinen beruf. 🙂

20:30 uhr: isch habe feddisch. vorerst. tobias schläft, lara und das mäuschen sind versorgt, lukas wird offensichtlich gerade versorgt, denn am zentralmonitor sehe ich, dass ihn seine mama gerade vom monitor abgehängt hat. meine kolleginnen und ich setzen uns in die küche, unseren aufenthaltsraum wenn man so will. und wir haben hunger. da keiner so richtig motiviert ist etwas zu kochen, bestellen wir beim italiener unseres vertrauens. ein perfusor alarmiert, es ist der von lara, ihr coffein ist fertig. ich schalte das gerät ab, abhängen werde ich sie dann, wenn ich das antibiotikum anhänge.

21:00 uhr: meine beiden kolleginnen versorgen ihre 4stündlichen kinder (also die, die alle 4 stunden essen). ich habe heute kein solches kind. also eigentlich schon, aber lukas wird ja von seiner mama versorgt. ich sehe mal kurz nach tobias. der schläft noch immer. eigentlich müsste ich ihn dann mal wickeln, aber dafür werde ich ihn sicher nicht aufwecken. laras eltern geht es auch gut. also nix zu tun für mich. ich drehe mal den fernseher auf. da kommt auch schon das essen – und das duuuuftet! ich decke den tisch und warte darauf, dass meine kollginnen zum essen kommen. das tun sie dann auch kurz darauf, jede von ihnen mit kind und fläschchen bewaffnet. stabile kinder müssen nicht am monitor gefüttert werden, und die nehmen wir gerne mal zu uns in die küche mit. und so beginnt das große essen vor dem tv – fast wie zu hause… hihi. den zentralmonitor, auf dem wir alle kinder sehen, haben wir natürlich immer im blick. ab und zu gibt es mal einen alarm, aber allen geht es gut.

21:50 uhr: alle sind satt und zufrieden. bis auf tobias, der sich jetzt lautstark meldet. also geh ich ihn mal wickeln. der verband seiner wunde am bauch ist tocken, der bauch zwar etwas angeschwollen, aber weich. er ist sehr hungrig, saugt wie wild an seinem schnuller. aber essen darf er ja leider noch nicht. ein teestäbchen mag er nicht. schmerzen scheint er auch nicht zu haben. schlafen will er aber auch nicht mehr. da ich nicht die ganze zeit bei seinem bett stehen kann und will, um ihn zu bespaßen, packe ich ihn in den kinderwagen, nehme die perfusoren, in die seine infusionen eingespannt sind mit und gehe mit ihm wieder in die küche. dort wird dann ausgiebigst (aber vorsichtig) gekuschelt und gespielt, mit allen kolleginnen. denn wir alle kennen tobias ja schon lange und haben ihn ins herz geschlossen.

22:10 uhr: die eltern vom mäuschen wollen jetzt gehen, die mutter ist schon sehr müde. ich hole mir wieder eine kollegin zur hilfe und wir legen sie wieder in den inku. die eltern verabschieden sich und gehen. ich stelle die fläschchen für 23 uhr in den wärmer ein und wir setzen uns wieder vor die flimmerkiste. immer wieder gibt es monitoralarme, manchmal gehts von selbst wieder, manchmal muss man den kindern helfen.

22:45 uhr: tobias ist im kinderwagen eingeschlafen. wenn ich ihn jetzt ins bett lege ist er sicher wieder wach, deshalb lasse ich ihn um kiwa schlafen, schiebe ihn nach hinten zu seinem bett und schließe ihn wieder an den monitor an. danach gehe ich meine antibiotika aufziehen.

23:00 uhr: für die 3stündlichen kinder ist es wieder zeit fürs essen. in meinem fall für lara und das mäuschen. da die beiden schlafen sondiere ich ihnen ihr essen über die magensonde, hänge die antibiotika an und lasse sie sonst in ruhe. bei lara muss ich die inkutemperatur erhöhen, sie ist etwas kühl. noch schnell dokumentieren, dann wars das auch schon wieder.

23:30 uhr: die antibiotika sind fertig. sie bleiben angehängt bis zur nächsten pflegerunde, um die kinder nicht unnötig zu stören. ich gehe das schmerzmedikament für tobias aufziehen und will sie ihm gleich anhängen. doch der zugang ist para, die infusion läuft also nicht mehr in die vene sondern ins gewebe. shit. ich stoppe die infusion und entferne den zugang. tobias ist sehr schwer zu stechen, deshalb versuche ich es erst gar nicht selbst. ich rufe den diensthabenden arzt an, damit er einen neuen zugang legt. ich bereite dafür schonmal alles vor. und wenn wir ihn schon stechen müssen, dann nehmen wir ihm auch gleich etwas blut ab.

23:40 uhr: der arzt ist da, ich lege tobias in sein bett. dabei wacht er natürlich auf und wird unruhig. wir beginnen mit dem stechen. 5 mal wird tobias gestochen, bevor der zugang sitzt und die blute abgenommen sind. er brüllt wie am spieß. bevor ich ihn wieder an die infusion hänge spritze ich ihm sein schmerzmedikament aus der hand und tragen ihn etwas herum. er beruhigt sich nur langsam, aber schließlich schläft er wieder ein.

teil 3

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12 Antworten to “eine ganz normale nacht, teil 2”

  1. Isabella Says:

    Ich glaube ich habe einen Denkfehler. Warum gibt es 3stündige und 4stündige Babys und warum durfte Tobias nicht essen als er hunger hatte?

    • neonatalie Says:

      so lange die kinder nichts oder nur wenig selbst trinken, bekommen sie alle 3 stunden eine fixe menge ihrer nahrung. der grund dafür ist, dass die kleinen, wenn sie das trinken lernen, noch nicht sehr lange saugen können, weil ihnen dafür die kraft fehlt. würde man so ein kind alle 4 stunden füttern, dann müsste es eine größere menge auf einmal trinken. da wir aber wissen, dass sie dafür keine kraft haben, macht das keinen sinn. deshalb geben wir alle 3 stunden eine kleinere menge. trinkversuche machen wir aber nur bei jeder 2. mahlzeit (also alle 6 stunden).

      sind die kinder dann größer und kräftiger und melden sich vielleicht sogar alle 3 stunden, weil sie hunger haben, dann werden sie auf 4stündlich umgestellt (die menge, die sie dann pro mahlzeit trinken müssen ist dann natürlich größer), um ihnen längere ruhephasen zwischen den mahlzeiten zu ermöglichen.

      wenn ein 4stündliches kind dann beginnt, sich zu jeder mahlzeit zu melden (das heißt, es wird wach und weint, weil es hunger hat), dann wird es auf „ad libitum“ umgestellt. ab da wird es wie jedes normale neugeborene dann gefüttert, wenn es sich meldet und hunger hat. dann gibt es auch keine fixe menge mehr, die das kind pro mahlzeit trinken muss, sondern nur mehr eine mindestmenge, die in 24 stunden erreicht werden muss.

      tobias durfte nichts essen, da er am darm operiert wurde. ihm wurde der künstliche darmausgang rückoperiert. das heißt die beiden enden des darmes wurden wieder zusammengefügt. um dem darm zeit zu geben etwas „anzuheilen“ dürfen kinder nach dieser operation 2 tage lang nichts essen. sie werden über infusionen ernährt.

  2. Sandy Says:

    Fräuleinmama darf ich dir die Frage beantworten (bin ebenfalls Kinderkrankenschwester)? Magenreste kontrollieren ist recht einfach du setzt die Spritze auf das Ende der Magensonde auf und ziehst etwas Mageninhalt an , ist dieser recht klar verdaut das Kind gut , hast du Milchreste evtl mit leichten blutigen Beimengungen dabei verdaut der Zwerg schlecht oder träge.

    Natalie war das so korrekt??? =)

    Schön geschrieben erinnert mich an meine eigenen Nachtdienste auf der Neointensiv die Schönste Zeit überhaupt in meiner Ausbildung!

  3. sibel Says:

    ich kann mich nur barbara anschliessen. damals habe ich mir auch immer gedanken gemacht, wie es meinem sohn geht. ob sie gut auf ihn aufpassen und er sich wohlfühlt.

    heute nachmittag habe ich auch an die zeit im kh denken müssen. und wie schlimm es für mich war, dass ich nicht immer bei ihm war. ich habe ein richtig schlechtes gewissen, dass ich nicht durchgehend bei ihm war, erst am 2. tag und dann musste ich für ein paar tage wieder nach hause, weil sich meine kaiserschnitt-narbe entzündet hatte. aber ich habe den schwestern und dem pfleger (es gab nur einen jungen mann auf der station) sehr vertraut.

    durch deine einträge kann ich mir ein besseres bild von dem alltag meines sohnes machen. vielen dank, dass du mit deinen kollegen die kinder nicht nur versorgt und pflegt, sondern auch körperliche nähe spüren lässt.

  4. fraeuleinmama Says:

    Darf ich vielleicht fragen, wie man Magenreste kontrolliert?

    • neonatalie Says:

      wie sandy schon sagte, man setzt eine spritze an und zieht das, was im magen ist raus um zu sehen, ob das kind die nahrung komplett verdaut hat. funktioniert genauso wie sondieren, nur eben in die andere richtung 😉

  5. Mich Says:

    Ich finds auch interessant.
    Ich habe mal auf einer neonatologie hospitiert. Da haben die Schwestern gestrickt, also für dei Frühchen (mützen, socken, handschuhe), und die Eltern durfte die dann acuh mit nach Hause nehmen. Es war alles in einem Raum und da gabs keinen Fernseher und es durfte immer nur eine zur Pause rausgehen, so konnte man sich die Zeit vertreiben.

  6. DelfinStern Says:

    schön geschrieben, da weiß man immerhin mal was andere Berufsgrupppen so den ganzen Tag bzw. Nacht tun.

  7. Barbara Says:

    Wenn ich bei Dir lese, füllen sich für mich die Lücken, die entstanden sind, wenn ich nicht bei meinem Sohn am Bett sein konnte…
    Ich kann nur schwer sagen, wie das für mich ist 🙂
    Einerseits rührt es zu Tränene an Zeiten, die glücklich vorbei sind, und doch immer noch schmerzen und beklemmen.
    Andererseits sehe ich, meine Ahnung, dass Jonathan gut aufgehoben war, bestätigt. Und das tut unglaublich gut!

    Gemeinsam dieses kleine Kind, und doch so unglaublich stark, auf den Weg der Besserung zu bringem..
    Danke dafür, auch an die Kolleginnen!

    Voller Hochachtung
    Barbara

  8. svuechiatrie Says:

    Also… ich persönlich finde ja schon den „langweiligen Alltag“ super spannend… 🙂

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