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mal etwas zum ansehen

14. November 2011

da die rufe nach bildmaterial immer lauter werden, hab ich mich mal im netz auf die suche nach reprotagen zum thema neonatologie gemacht. einfach wars nicht, denn oft gibt es da szenen, die ich euch nicht guten gewissens zeigen kann (also solche mit fürchterlichem handling mit den kleinen, oder fachlich falsch, oder sehr veraltet und so…).

aber schließlich hab ich doch noch was gefunden. eine reportage aus dem jahr 2010. da gibts zwar auch die ein oder andere sache, die ich nur ungern so unkommentiert im raum stehen lasse, aber naja. es kommt (meiner) realität auf jeden fall sehr nahe.

also, hier ist sie. eine reportage über die neonatologische intensivstation des AK altona in hamburg. ist zwar recht lange, aber es lohnt sich. trotz etwas langatmigeren mittelteils nicht vorzeitig aufgeben! gegen ende sieht man eine erstversorgung inkl. reanimation eines babys der 24. schwangerschaftswoche (mit sehr angespannten oberarzt).

 

 (ich weiß ja nicht obs an mir liegt, aber das ruckelt ganz schön. bitte über den youtube-link ansehen, da gehts einwandfrei!)

jan extubiert sich mal eben selbst

28. Mai 2010

 jan wurde im februar in der 28. schwangerschaftswoche geboren. einen tag nach seiner geburt haben wir ihn übernommen. er hat(te) probleme wie jedes andere frühchen auch. schlechte atmung, apnoen, bradykardien, sättigungsabfälle, trinkschwierigekeiten. er war eine gefühlte ewigkeit am infant flow (atmemunterstützung). ab und zu auch mal mit frequenz (hierbei gibt das gerät auch atmenhübe ab). danach nochmal ewig an der sauerstoffbrille. zwischendurch war er auch immer wieder mal für ein paar tage ohne allem.

immer wieder wurde die entlassung geplant, verschoben, abgesagt. sogar eine transferierung in ein anderes haus war mal angedacht. wurde aber nix.

nun sollte es letzte woche doch tatsächlich soweit sein. die entlassung wurde (wiedermal) geplant. wir konnten es alle kaum glauben. etwas traurig waren wir auch. man gewöhnt sich halt an solche patienten und baut eine besondere beziehung zu ihnen auf. wir waren wirklich fest davon überzeugt, dass jan nun endlich nach hause gehen würde. immerhin war er seit fast 2 wochen völlig stabil und das mit dem trinken hatte er auch endlich gelernt.

am freitag hätte er nach hause gehen sollen. alles war vorbereitet, die mama bestens eingeschult, ambulante kontrolltermine vereinbart.

offensichtlich hat er das irgendwie mitbekommen und beschlossen, dass es ihm bei uns eigentlich ganz gut gefällt.

als ich letzte woche am mittwoch abend den nachtdienst angetreten bin habe ich ja mit vielem gerechnet. aber nicht damit: jan liegt im wärmebett und hat einen schnorchel (sprich tubus) in der nase.

was war passiert? das weiß keiner so genau. jedenfalls hat jan am vormittag spontan die atmung eingestellt. und zwar komplett. einfach so. nach 10minütigem bebeuteln und stimulieren ohne erfolg wurde jan eben intubiert. lustigerweise war jan noch nie intubiert. eine atemunterstützung hatte ihm bisher immer gereicht. aber nicht diesesmal.

jan war nur mehr minimal sediert, war beim wickeln sogar richtig wach, und atmete schon halbwegs gut mit. aber halbwegs gut ist nicht genug. in rücksprache mit dem arzt wurde die sedierung komplett abgedreht und die extubation noch für die nacht geplant. das machen wir normalerweise nicht, in der nacht extubieren. aber bei jan gelten andere regeln.

kurz vor mitternacht, ich war gerade dabei mir einen mitternachtssnack zu genehmigen, höre ich ein beatmungsgerät wie wild piepsen. meine kollegin geht nachsehn. alarmiert durch ihren kurzen aufschrei, gehe ich ihr nach. wir starren jan an, der uns wild schreiend (oder eher krächzend) mit dem tubus in der hand zuwinkt.

hat sich der schlimme bub doch tatsächlich selbst extubiert! ich greife schnell nach dem ambu, bereit alle notfallmaßnahmen einzuleiten, meine kollegin ruft den diensthanden arzt dazu. nachdem jan aber stabil ist lege ich den ambu wieder beiseite und beruhige ihn erstmal. kein wunder, dass er so schreit, hat er sich doch alle penibel in seinem gesicht fixierten klebestreifen von der haut gefetzt. er blutet an einer stelle sogar etwas.

nachdem wir nun zu dritt mindestens eine halbe stunde neben dem spontan atmenden jan gestanden sind, beschließt der arzt ihn eben spontan atmen zu lassen. extubation war ja sowieso geplant.

und, for the record: das war in fast 8 jahren seit beginn meiner intensiv-karriere das allererste mal, dass sich bei mir ein patient selbst extubiert hat. und ich hoffe es war das letzte mal.

jedenfalls atmet jan seit dem einwandfrei selbstständig. für ende nächster woche ist wieder mal die entlassung geplant. haha.

damals, das war noch action!

4. Mai 2010

heute erzähle ich euch mal was von „früher“. damals hab ich in einem anderen haus gearbeitet, auf einer neo-intensiv. also einer richtigen. da wo ich jetzt bin dürfen wir maximal 24 stunden beatmen und machen so dinge wie kleine chirurgische eingriffe, zvk und evd-legen nicht. deshalb bezeichne ich uns gern als halbintensiv. offiziell sind wir eine intensivstation mit imc-betten. imc steht hier für intermediate care (=“überwachungsstation“).

jedenfalls, auf meiner alten station haben wir zwischen 17 und 7 uhr den kreissaal und auch den sectio-op mitbetreut. das heißt, stand in der nacht eine sectio (=kaiserschnitt) an, oder eine vaginale geburt bei der probleme des neugeborenen erwartet wurden, dann mussten ein arzt und eine schwester antreten und das kind erstversorgen. meistens war das recht unspektakulär, nur selten mussten wir ein kind tatsächlich zu uns mitnehmen. manchmal aber eben doch. letztens hab ich mich wieder mal an einen der dramatischeren fälle erinnert.

es ist ca. 22 uhr, als unser notfalltelefon läutet. der sectio-op ist dran, wir sollen bitte kommen, sie haben eine frau in der 37. woche. komplikationen erwarten sie keine, aber die frau hatte schon 2 sectios und deshalb wollen sie keine spontangeburt riskieren. ich erkläre mich bereit rüber zu gehen, übergebe meine kinder kurz meinen kolleginnen, währenddessen kommt schon unser arzt, dr. nervös. er ist wirklich ein ganz lieber, auch sehr intelligenter mann, aber leider wird er unheimlich schnell nervös wenns ernst wird. aber ich mache mir darüber keine gedanken, denn ich erwarte eine schnelle, komplikationslose sectio. weit gefehlt, aber immer der reihe nach.

als wir im op ankommen wird der noch-schwangeren (übrigens eine wirklich hübsche dunkelhäutige afrikanerin) gerade eine pda gelegt. wir bereiten alles vor, checken die geräte und unterhalten uns kurz mit der hebamme, die das kind in empfang nehmen wird. dann heißt es schon „schnitt“ im op. kurze zeit später schallen die worte „grünes fruchtwasser“ zu uns rüber. das allein ist zwar noch keine große sache, aber dennoch muss man eine mögliche mekoniumaspiration im hinterkopf haben.

keine minute später hören wir den ersten schrei (= gutes zeichen), die hebamme eilt mit dem bündel zu uns rüber. ich greife mir den absauger, der arzt hält den an den sauerstoff angeschlossenen ambu bereit. für laien sei kurz erklärt: bei grünem fruchtwasser wird auf jeden fall der aus dem mund und der nase abgesaugt. und zwar um zu sehen ob das kind mekoniumhaltiges (=grünes) fruchtwasser in den oberen atemwegen hat. wenn nicht is alles ok. wenn doch muss man noch weiter runter saugen.

jedenfalls, die hebamme legt uns das kind hin, es wirkt etwas schlapp, atmet aber selbstständig, wenn auch oberflächlich. kaum liegt das kind da, schon presst der herr doktor den ambu auf das gesicht und gibt ihm eine PEEP-vorlage. etwas verwirrt schaue ich ihn an und sage „absaugen?!“  er: „oh, ja, stimmt..“ ich sauge das kind also ab. zähes grünes fruchtwasser. und zwar reichlich. also sauge ich weiter rein, es kommt ein gefühlter liter grünes zeugs aus der lunge des kindes raus. während ich das mache hört der arzt mal eben schnell aufs herz. „unter 60“ sagt er. also beginne ich wie wild das kind zu stimulieren. die atmung ist immer noch da, immer noch oberflächlich. er hört wieder aufs herz. herzfrequenz bei 80. ich hänge das kind schnell an den monitor und stimuliere weiter. die sättigung liegt bei 75, also für diese situation gar nicht schlecht. ich gebe dem kind trotzdem etwas sauerstoff. dr. nervös legt dem kind einen zugang, verabreicht medikamente und flüssigkeit. langsam aber sicher stabilisiert sich das kind.

die hebamme fragt mich, ob wir der mutter das kind vielleicht mal zeigen könnten. äääääh, nein. dem kind gehts nicht so toll, wir werden es auf die intensivstation mitnehmen.

während ich auf station anrufe und sage, dass die uns einen transportinkubator schicken und alles für die aufnahme vorbereiten sollen, setzt allerding die atmung komplett aus. mist. dr. nervös beginnt zu bebeuteln. die atmung setzt wieder ein. glück gehabt.

da kommt auch schon der transportinkubator. ich checke die beatmungsmaschine und die absaugung des transportinkubators. man kann ja nie wissen. dann packen wir das kind rein und ab gehts.

auf station angekommen sieht es erstmal nicht so schlecht aus. kreislauf ist stabil, atmung jedoch nicht so berauschend. wir werden auf jeden fall intubieren. in aller ruhe bereiten meine kolleginnen die notwendigen utensilien vor. unter kontrollierten bedingungen wird intubiert. außerdem führen wir eine surfactant-lavage durch. mit mäßigem erfolg. der sauerstoffbedarf ist schon bei 80%. die ärzte entscheiden sich für eine NO-beatmung.

doch plötzlich wird unser kleiner patient bradykard. also wieder stimulieren. keine reaktion. die herzfrequenz fällt und fällt. reanimation. ich beginne zu drücken, meine kollegin zieht notfallmedikamente auf. dr. nervös verabreicht sie mit zitternden händen.  ich höre kurz auf zu drücken, wir starren alle gespannt auf den monitor. herzfrequenz 37. das ist eindeutig zu wenig. ich drücke weiter. wir spritzen noch was nach. mittlerweile beatmen wir mit 100% sauerstoff, bringen aber trotzdem nur eine 80er-sättigung zusammen. auch absaugen hilft da nicht mehr.

nach der letzten medikamentengabe hat sich der kreislauf halbwegs stabilisiert. es wird mit der NO-beatmung begonnen. die erste blutabnahme zeigt CO2-werte jenseits von gut und böse. das röntgen des thorax ist blendend weiß (=schlecht). die restliche nacht bleibt der kleine patient stabil.

später kommt die hebamme noch vorbei, will wissen wies dem kleinen geht. erst jetzt realisiere ich, dass ich dem kind noch nicht mal zwischen die beine geschaut hab. es geht IHM den umständen entsprechend, er ist stabil. ich mache ein foto und einen fußabdruck für die mutter und gebe beides der hebamme mit.

als ich nach diesem dienst nach hause komme bin ich zwar hundemüde, aber schlafen kann ich nicht so wirklich. ich spiele die situation immer wieder durch. besonders die tatsache, dass der kleine nicht sofort abgesaugt wurde, sondern das mekonium richtig in seine lunge reingepresst wurde beschäftigt mich. wäre es mit einem anderen arzt besser für den kleinen gelaufen?

übrigens, der kleine wurde ca. 2 monate später gesund nach hause entlassen. ist also alles gut gegangen.

irgendwie bin ich froh, dass ich auf meiner jetzigen station nicht mehr so häufig so viel action hab 😀