Archive for Mai 2010

wenn kinder sterben

31. Mai 2010

heute hatten wir besuch auf der station. die eltern eines ehemaligen patienten waren da. normalerweise kommen bei solchen besuchen die kinder mit. in diesem fall aber nicht. denn simon, das kind dieser eltern, ist bei uns auf der station gestorben.

schon während der schwangerschaft wurde bei simon ein schwerer herzfehler festgestellt. anzeichen für eine frühgeburt gab es nie. doch in der 30. schwangerschatswoche bekam simons mama unhemmbare wehen. also wurde simon in der 30. woche spontan (!) geboren. die chancen, dass er die geburt überlebt waren schwindend gering. die eltern wussten das und waren darauf eingestellt, dass ihr kind entweder tot zur welt kommen, oder nach wenigen minuten sterben würde.

doch simon war ein kämpfer. er kam lebend zur welt und atmete selbstständig. er war zwar auf grund seines herzfehlers ziemlich blau, aber er war am leben. noch im kreisssaal wurde simons herz per ultraschall untersucht. der herzfehler wurde offiziell bestätigt. innerhalb von minuten mussten die neonatologen, die bei der geburt anwesend waren, und simons eltern eine entscheidung treffen. es gab 2 möglichkeiten

1. simon würde auf der stelle in den op gebracht werden um sein krankes herz zu operieren. dabei müsste er an die herz-lungen-maschine angeschlossen werden. seine chancen die op zu überleben wären gering. er war immerhin 10 wochen zu früh und sehr schwach.

2. man würde simon nicht operieren und ihn in gehen lassen.

seine eltern entschieden sich für die 2. variante. so wurde simon zu uns transferiert. mutter und vater begleiteten ihr kind.

als simon zu uns kam ging es ihm bereits sehr schlecht. ihm wurde ein venöser zugang gelegt, um ihn mit flüssigkeit und schmerzmitteln zu versorgen.

die eltern wollten ihren sohn gerne taufen lassen. also organisierte ich eine nottaufe. es war eine sehr traurige, aber doch irgendwie schöne zeremonie. alle kolleginnen, die gerade zeit hatten, waren dabei.

etwa 2 stunden nach der nottaufe ging es simon deutlich schlechter. er hatte keine kraft mehr. ich rief die ärztin dazu. bevor wir etwas zu den eltern sagen können fragte die mutter: „ist es jetzt soweit?“, wir nickten nur. und setzten uns zu ihnen. ich schaltete die alarme des monitors aus. jetzt würde es nicht mehr lange dauern.

plötzlich schreckte die mutter auf: „wir haben noch kein foto! ich will ein foto von simon, vom lebenden simon.“ also holte ich die kamera und machte fotos von simon und seinen eltern. irgendwie kam ich mir dabei blöd vor. fotos machen von einer familie, die gerade dabei ist ihr kind zu verlieren. aber es war ihr wunsch.

es dauerte länger als gedacht, aber etwa eine halbe stunde später hörte simons herzchen auf zu schlagen. die eltern weinten. und wir mit ihnen.

es kommt auf unserer station sehr selten vor, aber manchmal kann man einfach nichts dagegen tun. kinder sterben. so ist das nunmal in einem kinderkrankenhaus.

jan extubiert sich mal eben selbst

28. Mai 2010

 jan wurde im februar in der 28. schwangerschaftswoche geboren. einen tag nach seiner geburt haben wir ihn übernommen. er hat(te) probleme wie jedes andere frühchen auch. schlechte atmung, apnoen, bradykardien, sättigungsabfälle, trinkschwierigekeiten. er war eine gefühlte ewigkeit am infant flow (atmemunterstützung). ab und zu auch mal mit frequenz (hierbei gibt das gerät auch atmenhübe ab). danach nochmal ewig an der sauerstoffbrille. zwischendurch war er auch immer wieder mal für ein paar tage ohne allem.

immer wieder wurde die entlassung geplant, verschoben, abgesagt. sogar eine transferierung in ein anderes haus war mal angedacht. wurde aber nix.

nun sollte es letzte woche doch tatsächlich soweit sein. die entlassung wurde (wiedermal) geplant. wir konnten es alle kaum glauben. etwas traurig waren wir auch. man gewöhnt sich halt an solche patienten und baut eine besondere beziehung zu ihnen auf. wir waren wirklich fest davon überzeugt, dass jan nun endlich nach hause gehen würde. immerhin war er seit fast 2 wochen völlig stabil und das mit dem trinken hatte er auch endlich gelernt.

am freitag hätte er nach hause gehen sollen. alles war vorbereitet, die mama bestens eingeschult, ambulante kontrolltermine vereinbart.

offensichtlich hat er das irgendwie mitbekommen und beschlossen, dass es ihm bei uns eigentlich ganz gut gefällt.

als ich letzte woche am mittwoch abend den nachtdienst angetreten bin habe ich ja mit vielem gerechnet. aber nicht damit: jan liegt im wärmebett und hat einen schnorchel (sprich tubus) in der nase.

was war passiert? das weiß keiner so genau. jedenfalls hat jan am vormittag spontan die atmung eingestellt. und zwar komplett. einfach so. nach 10minütigem bebeuteln und stimulieren ohne erfolg wurde jan eben intubiert. lustigerweise war jan noch nie intubiert. eine atemunterstützung hatte ihm bisher immer gereicht. aber nicht diesesmal.

jan war nur mehr minimal sediert, war beim wickeln sogar richtig wach, und atmete schon halbwegs gut mit. aber halbwegs gut ist nicht genug. in rücksprache mit dem arzt wurde die sedierung komplett abgedreht und die extubation noch für die nacht geplant. das machen wir normalerweise nicht, in der nacht extubieren. aber bei jan gelten andere regeln.

kurz vor mitternacht, ich war gerade dabei mir einen mitternachtssnack zu genehmigen, höre ich ein beatmungsgerät wie wild piepsen. meine kollegin geht nachsehn. alarmiert durch ihren kurzen aufschrei, gehe ich ihr nach. wir starren jan an, der uns wild schreiend (oder eher krächzend) mit dem tubus in der hand zuwinkt.

hat sich der schlimme bub doch tatsächlich selbst extubiert! ich greife schnell nach dem ambu, bereit alle notfallmaßnahmen einzuleiten, meine kollegin ruft den diensthanden arzt dazu. nachdem jan aber stabil ist lege ich den ambu wieder beiseite und beruhige ihn erstmal. kein wunder, dass er so schreit, hat er sich doch alle penibel in seinem gesicht fixierten klebestreifen von der haut gefetzt. er blutet an einer stelle sogar etwas.

nachdem wir nun zu dritt mindestens eine halbe stunde neben dem spontan atmenden jan gestanden sind, beschließt der arzt ihn eben spontan atmen zu lassen. extubation war ja sowieso geplant.

und, for the record: das war in fast 8 jahren seit beginn meiner intensiv-karriere das allererste mal, dass sich bei mir ein patient selbst extubiert hat. und ich hoffe es war das letzte mal.

jedenfalls atmet jan seit dem einwandfrei selbstständig. für ende nächster woche ist wieder mal die entlassung geplant. haha.

nina’s MRT-cocktail

27. Mai 2010

seit etwa 3 wochen betreuen wir ein mädchen, das in der 39. schwangerschaftswoche geboren wurde. nennen wir sie nina. ninas mama war in der gesamten schwangerschaft nicht ein einziges mal beim gynäkologen oder sonst einem arzt. sie hält von der schulmedizin nichts. außerdem ist eine schwangerschaft ja keine krankheit, also warum sollte man da auch einen arzt aufsuchen.

als die geburt dann aber los ging bekam ninas mama offensichtlich doch etwas panik. wegen der schmerzen und so. deshalb wurde nina dann doch bei uns im haus geboren. mit PDA versteht sich.

da es nina gut ging wurde sie auf die neugeborenenstation, die zur wöchnerinnenstation dazu gehört, gebracht. etwas auffällig sah nina schon aus, ein bisschen nach syndrom-kind. aber naja, es sind eben nicht alle neugeborenen schön.

am 2. lebenstag verschluckte sich nina beim trinken an der brust so stark, dass sie bebeutelt und herzmassiert werden musste. danach gibts aber wieder halbwegs. da man aber eine aspiration vermutete wurde nina zur weiteren abklärung zu uns auf die station transferiert.

im rahmen der routinemäßigen untersuchungen wurde festgestellt, dass nina leider kein gesundes mädchen ist. sie hat fehlbildungen an den nieren und auffälligkeiten im gehirn.

soviel zur vorgeschichte. nun wurde gestern bei nina ein MRT des kopfes gemacht. diese untersuchung dauert schon so ihre zeit. und da man einem säugling schlecht erklären kann, dass er doch bitte mal ganz still halten soll um die bilder nicht zu verwackeln, sollte nina sediert werden. nur ganz wenig. damit sie eben ruhig schläft. die untersuchung war für eine bestimmte uhrzeit angesetzt. also wurde rechtzeitig, eine halbe stunde vor dem geplanten untersuchungsbeginn, etwas zum schlafen verabreicht.

10 minuten bevor sich die truppe auf den weg machen wollten kam jedoch ein anruf. die untersuchung verzögert sich um etwa zwei stunden. juhu. nina schlief bereits tief und fest. aber was solls.

2 stunden später war nina natürlich wieder putzmunter. ok, nochmal das gleiche medikament in gleicher dosierung. und auf gehts zum MR.

dort angekommen wird nina erstmal umgelagert und fertig gemacht für die untersuchung. leider ist sie noch immer etwas unruhig. es wird beschlossen nina noch etwas dormicum zu spritzen, damit sie auch wirklich ruhig ist. gesagt, getan. alles bestens. nina schläft ruhig und ist stabil.

einige zeit später ist sie wieder an der station. nina schläft noch immer. kein wunder bei dem cocktail.

aber dann legt nina los. nicht mit schreien oder so. neiiiin. sie schläft weiter tief und fest. aber sie hat jetzt eine apnoe nach der anderen. und ein paar bradykardien, so  zum drüberstreuen. ups, der cocktail war vielleicht doch zu viel.

nina wird vorübergehend intubiert und beatmet. in der nacht beginnt sie aber wieder fleißig mitzuatmen. also wurde der tubus heute morgen wieder entfernt.

und nina tut jetzt so, als wäre nichts gewesen. 🙂

neulich im aufzug

25. Mai 2010

ich habe mit einem jungen arzt ein frühchen aus dem op abgeholt. wir sind mitten am weg richtung station. als wir gerade im aufzug stehen wird das kind bradykard, keine besserung auf stimulation.

er: meinst du ich soll atropin geben?

ich: nein, is doch viel lustiger wenn wir noch etwas warten und ihn dann mitten im lift oder am gang unter den neugierigen blicken von patienten und besuchern herzmassieren müssen. dazu kommt man ja leider nicht allzu oft. wäre schon gut.

entzugskinder

18. Mai 2010

ich habe ja schon mal erwähnt, dass wir öfter mal neugeborene im neonatalen drogenentzug bei uns liegen haben. momentan haben wir wieder mal zwei solcher exemplare. diese kinder sind meistens sehr anstengend aufwendig. sie schreien praktisch rund um die uhr, lassen sich kaum beruhigen und schlafen ist ja sowieso ein fremdwort. kein wunder, ein entzug ist nunmal hart. besonders für ein neugeborenes.

zu einem kind gehören ja zwangsläufig auch die eltern. und wie man sich vorstellen kann sind die oft nicht ganz ohne. die mütter sind in der regel in irgendeinem entzugsprogramm, mit mehr oder minder viel erfolg. viele konsumieren zusätzlich noch diverse andere dinge. die väter sind meistens entweder selbst drogenabhängig, gewalttätig, in psychiatrischer behandlung, im gefängnis, alkoholiker oder gar nicht vorhanden. gerne auch alles zusammen.

der umgang mit diesen eltern ist oft nicht leicht. sie halten sich leider viel zu selten an vereinbarungen, bequatschen das personal und die anderen eltern ständig, usw. einen liebevollen umgang haben allerdings die meisten. kein wunder, denn sie lieben ihr kind. und sie wissen, dass das jugendamt schon vor der tür steht.

in der regel verhängt das jugendamt sofort nach der geburt des kindes ein ausfolgeverbot. das bedeutet, den eltern wird das erziehungs- und pflegerecht erstmal entzogen. dann finden einige termine mit sozialarbeitern, richtern und wohnungsbegehungen statt. dann wird entschieden, ob das kind zu pflegeeltern kommt oder nicht. in dieser zeit haben die eltern ein besuchsrecht. das heißt die dürfen jeder zeit zu uns kommen und ihr kind auch unter aufsicht selbst versorgen. das funktioniert meistens ganz gut. wie gesagt, die mütter lieben ihre kinder wirklich und hängen sehr an ihnen.

die väter sind da leider nicht immer so. sie sind mitunter sogar aggressiv. vor einiger zeit hat ein vater sogar mal der mutter ins gesicht geschlagen, während sie das kind am arm hatte. weil das kind sich nicht beruhigen wollte und der vater der meinung war, die mutter müsse das aber jetzt mal sofort hinkriegen. klatsch. vor meinen augen. ich war im ersten moment so perplex, dass ich nichts sagen konnte. die netten herren vom sicherheitsdienst haben das dann erledigt.

aber auch die mütter sind manchmal echt schräg drauf. vor etwa einem jahr ist mir folgendes passiert:

ich war abends am weg in die klinik, zum nachtdienst. vor dem eingang kommt mir die mutter eines entzugskindes entgegen. unter ihrer jacke trug sie etwas. ich konnte aber nicht sehen was, denn die jacke war bis oben hin zu. sie lächelt mich noch freundlich an, sagt hallo und geht an mir vorbei. in dem moment höre ich ein baby winseln. klick. die hat das kind unter der jacke! ich wusste, dass das kind noch mitten im entzug war und somit sicher nicht entlassen wurde. ich geh ihr also nach, halte sie auf und frage sie, ob sie ihre tochter da unter der jacke hat. ja, das ist mein kind und ich darf es mitnehmen hat die schwester gesagt. ja klar. ganz sicher. nach 10 mintuen diskussion hatte ich sie soweit, dass sie mir das kind gegeben hat. ich war so erleichtert. wäre sie mit dem kind einfach gegangen hätte ich auch nix machen können. festhalten darf ich sie ja nicht.

könnt ihr euch den gesichtsausdruck meiner kollegin vorstellen, als ich mit dem kind am arm aus dem lift ausgestiegen bin? hihi. der schock ihres lebens. sie hatte noch nicht mal gemerkt, dass das kind weg war. sie war der meinung die mutter wickelt das kind gerade.

aber natürlich sind nicht alle eltern von entzugskindern so. einige sind auch wirklich bemüht und sehr freundlich. die bekommen ihr kind dann meistens auch mit nach hause. leider gibt es aber auch viel zu viele der anderen sorte.

ruhige dienste

14. Mai 2010

die letzten dienste waren zur abwechslung mal wieder recht ruhig. sehr angenehm. man kann sich so richtig zeit für die kleinen würmer und ihre eltern nehmen. alle sorgen und ängste besprechen, in ruhe bei der pflege anleiten, babymassage zeigen, unruhige babys im tragetuch herumschleppen.

nicht, dass ich das sonst nicht auch mache. aber es ist einfach was ganz anderes, wenn man nicht jemanden im nacken sitzen hat, der einem am liebsten auf der stelle und höchst akut ein kind unterschieben möchte. obwohl man eigentlich kein bett frei hat. „aber das kind hat ja nix“. ja klar. und warum muss es dann sooo akut zu uns? bettenmangel. ja, bei uns auch. schließlich übernimmt man es dann aber doch. und wenn man dann dieses „kerngesunde“ kind übernimmt kommt man aus dem rennen nicht mehr raus. außerdem muss man dann auch bald wen finden (am liebsten ein anderes haus, möglichst weit weg), der einem das stabilste kind der station abnimmt. denn überbelag ist nicht gern gesehn. juhu. made my day. aaaaaber, wir wollen ja nicht jammern. immerhin gibt es zwischendurch ja auch tatsächlich den ein oder anderen ruhigen dienst.

übrigens auch ein vorteil der ruhigen dienste: man kann sich um schülerInnen kümmern. also sie geziehlt anleiten. ein klarer vorteil für den sonst viel zu häufig als dienstboten und putzpersonal missbrauchten nachwuchs. aber dazu ein andermal mehr.

mutterglück am muttertag

10. Mai 2010

gestern, also am muttertag, wurde bei uns im haus ein kleines mädchen in der 31. schwangerschaftswoche geboren. sophie war ein lange ersehntes wunschkind. 9 wochen vor dem errechneten geburtstermin hatte ihre mama unerwartet einen blasensprung. gleichzeitig bekam sie starke blutungen. sie wurde von ihrem mann so schnell wie möglich ins krankenhaus gebracht. dort stellte man fest, dass sophies mama viel blut verlor, was sophie auch schon bemerkte. deshalb wurde sofort ein notkaiserschnitt gemacht. sophie wird also am muttertag geboren. sie wiegt knappe 1200g und ist 41cm lang. sie wird sofort von der intensivstation übernommen, braucht noch etwas sauerstoff. nach einer stunde allerdings nicht mehr. sophie geht es gut. ihrer mama leider nicht. auch sie wird auf die intensivstation gebracht. gesehen hat sie sophie noch nicht. nur der papa durfte einen kurzen blick auf seine tochter werfen.

da es sophie gut geht wird sie auf eine andere station transferiert. 4 stunden nach ihrer geburt übernehme ich sophie von der intensivstation. wenig später kommt der papa. er ist sichtlich mitgenommen von der ganzen situation, blickt seine tochter immer wieder ungläubig an und hat tränen in den augen. ich frage nach der mama. es geht ihr nicht so gut, sie hat viel blut verloren, hat noch „einen schlauch im hals“, der soll aber heute noch entfernt werden. hm. ich frage den papa, ob er mit sophie kuscheln will. ja er will. ich lege ihm seine neugeborene tochter auf die nackte haut. beide genießen es sichtlich. ich mache ein foto von vater und tochter. nach einer stunde möchte der vater wieder zu seiner frau schauen. wir legen spohie gemeinsam wieder in ihren inkubator. ich gebe dem vater das foto mit.

sophie geht es wirklich gut, sie ist völlig stabil. aber unruhig. sie will kuscheln. aber was tun, wenn die mutter nicht zum kind kommen kann? ganz einfach, das kind muss zur mutter kommen. ich bespreche das mit den ärzten und bekomme ein ok. ich rufe auf der intensivstation der mutter an. sie ist bereits extubiert und stabil, also sind auch sie einverstanden. perfekt.

einer der ärzte schnappt sich den notfallrucksack und auf gehts. wir schieben sophie im inkubator durch die halbe klinik. als wir auf der intensivstation ankommen werden wir schon freudig erwartet. nicht nur von mama und papa. auch das personal will unbedingt einen blick unter die vielen tücher, in die sophie eingewickelt ist, werfen.

schon als ich sophie „auspacke“ beginnt die mutter zu weinen. sie weiß, dass sie gleich zum aller aller ersten mal ihre tochter sehen wird. ein wirklich bewegender moment. als ich ihr sophie auf die brust lege ist ihr glück perfekt. mama, papa, kind. so wie es sein soll. auch hier wird schnell ein foto gemacht. wir stellen die überwachung von mutter und kind sicher und ziehen uns zurück, trinken einen kaffee mit den kollegInnen, plaudern.

nach 2 stunden kuscheln wird es zeit für uns. wir müssen sophie leider wieder mitnehmen. wir geben den eltern zeit sich von sophie zu verabschieden. wieder fließen tränen.

den restlichen tag schläft sophie ruhig. der papa kommt nochmal kurz vorbei und bedankt sich. gern geschehen. wirklich sehr gern. 🙂

damals, das war noch action!

4. Mai 2010

heute erzähle ich euch mal was von „früher“. damals hab ich in einem anderen haus gearbeitet, auf einer neo-intensiv. also einer richtigen. da wo ich jetzt bin dürfen wir maximal 24 stunden beatmen und machen so dinge wie kleine chirurgische eingriffe, zvk und evd-legen nicht. deshalb bezeichne ich uns gern als halbintensiv. offiziell sind wir eine intensivstation mit imc-betten. imc steht hier für intermediate care (=“überwachungsstation“).

jedenfalls, auf meiner alten station haben wir zwischen 17 und 7 uhr den kreissaal und auch den sectio-op mitbetreut. das heißt, stand in der nacht eine sectio (=kaiserschnitt) an, oder eine vaginale geburt bei der probleme des neugeborenen erwartet wurden, dann mussten ein arzt und eine schwester antreten und das kind erstversorgen. meistens war das recht unspektakulär, nur selten mussten wir ein kind tatsächlich zu uns mitnehmen. manchmal aber eben doch. letztens hab ich mich wieder mal an einen der dramatischeren fälle erinnert.

es ist ca. 22 uhr, als unser notfalltelefon läutet. der sectio-op ist dran, wir sollen bitte kommen, sie haben eine frau in der 37. woche. komplikationen erwarten sie keine, aber die frau hatte schon 2 sectios und deshalb wollen sie keine spontangeburt riskieren. ich erkläre mich bereit rüber zu gehen, übergebe meine kinder kurz meinen kolleginnen, währenddessen kommt schon unser arzt, dr. nervös. er ist wirklich ein ganz lieber, auch sehr intelligenter mann, aber leider wird er unheimlich schnell nervös wenns ernst wird. aber ich mache mir darüber keine gedanken, denn ich erwarte eine schnelle, komplikationslose sectio. weit gefehlt, aber immer der reihe nach.

als wir im op ankommen wird der noch-schwangeren (übrigens eine wirklich hübsche dunkelhäutige afrikanerin) gerade eine pda gelegt. wir bereiten alles vor, checken die geräte und unterhalten uns kurz mit der hebamme, die das kind in empfang nehmen wird. dann heißt es schon „schnitt“ im op. kurze zeit später schallen die worte „grünes fruchtwasser“ zu uns rüber. das allein ist zwar noch keine große sache, aber dennoch muss man eine mögliche mekoniumaspiration im hinterkopf haben.

keine minute später hören wir den ersten schrei (= gutes zeichen), die hebamme eilt mit dem bündel zu uns rüber. ich greife mir den absauger, der arzt hält den an den sauerstoff angeschlossenen ambu bereit. für laien sei kurz erklärt: bei grünem fruchtwasser wird auf jeden fall der aus dem mund und der nase abgesaugt. und zwar um zu sehen ob das kind mekoniumhaltiges (=grünes) fruchtwasser in den oberen atemwegen hat. wenn nicht is alles ok. wenn doch muss man noch weiter runter saugen.

jedenfalls, die hebamme legt uns das kind hin, es wirkt etwas schlapp, atmet aber selbstständig, wenn auch oberflächlich. kaum liegt das kind da, schon presst der herr doktor den ambu auf das gesicht und gibt ihm eine PEEP-vorlage. etwas verwirrt schaue ich ihn an und sage „absaugen?!“  er: „oh, ja, stimmt..“ ich sauge das kind also ab. zähes grünes fruchtwasser. und zwar reichlich. also sauge ich weiter rein, es kommt ein gefühlter liter grünes zeugs aus der lunge des kindes raus. während ich das mache hört der arzt mal eben schnell aufs herz. „unter 60“ sagt er. also beginne ich wie wild das kind zu stimulieren. die atmung ist immer noch da, immer noch oberflächlich. er hört wieder aufs herz. herzfrequenz bei 80. ich hänge das kind schnell an den monitor und stimuliere weiter. die sättigung liegt bei 75, also für diese situation gar nicht schlecht. ich gebe dem kind trotzdem etwas sauerstoff. dr. nervös legt dem kind einen zugang, verabreicht medikamente und flüssigkeit. langsam aber sicher stabilisiert sich das kind.

die hebamme fragt mich, ob wir der mutter das kind vielleicht mal zeigen könnten. äääääh, nein. dem kind gehts nicht so toll, wir werden es auf die intensivstation mitnehmen.

während ich auf station anrufe und sage, dass die uns einen transportinkubator schicken und alles für die aufnahme vorbereiten sollen, setzt allerding die atmung komplett aus. mist. dr. nervös beginnt zu bebeuteln. die atmung setzt wieder ein. glück gehabt.

da kommt auch schon der transportinkubator. ich checke die beatmungsmaschine und die absaugung des transportinkubators. man kann ja nie wissen. dann packen wir das kind rein und ab gehts.

auf station angekommen sieht es erstmal nicht so schlecht aus. kreislauf ist stabil, atmung jedoch nicht so berauschend. wir werden auf jeden fall intubieren. in aller ruhe bereiten meine kolleginnen die notwendigen utensilien vor. unter kontrollierten bedingungen wird intubiert. außerdem führen wir eine surfactant-lavage durch. mit mäßigem erfolg. der sauerstoffbedarf ist schon bei 80%. die ärzte entscheiden sich für eine NO-beatmung.

doch plötzlich wird unser kleiner patient bradykard. also wieder stimulieren. keine reaktion. die herzfrequenz fällt und fällt. reanimation. ich beginne zu drücken, meine kollegin zieht notfallmedikamente auf. dr. nervös verabreicht sie mit zitternden händen.  ich höre kurz auf zu drücken, wir starren alle gespannt auf den monitor. herzfrequenz 37. das ist eindeutig zu wenig. ich drücke weiter. wir spritzen noch was nach. mittlerweile beatmen wir mit 100% sauerstoff, bringen aber trotzdem nur eine 80er-sättigung zusammen. auch absaugen hilft da nicht mehr.

nach der letzten medikamentengabe hat sich der kreislauf halbwegs stabilisiert. es wird mit der NO-beatmung begonnen. die erste blutabnahme zeigt CO2-werte jenseits von gut und böse. das röntgen des thorax ist blendend weiß (=schlecht). die restliche nacht bleibt der kleine patient stabil.

später kommt die hebamme noch vorbei, will wissen wies dem kleinen geht. erst jetzt realisiere ich, dass ich dem kind noch nicht mal zwischen die beine geschaut hab. es geht IHM den umständen entsprechend, er ist stabil. ich mache ein foto und einen fußabdruck für die mutter und gebe beides der hebamme mit.

als ich nach diesem dienst nach hause komme bin ich zwar hundemüde, aber schlafen kann ich nicht so wirklich. ich spiele die situation immer wieder durch. besonders die tatsache, dass der kleine nicht sofort abgesaugt wurde, sondern das mekonium richtig in seine lunge reingepresst wurde beschäftigt mich. wäre es mit einem anderen arzt besser für den kleinen gelaufen?

übrigens, der kleine wurde ca. 2 monate später gesund nach hause entlassen. ist also alles gut gegangen.

irgendwie bin ich froh, dass ich auf meiner jetzigen station nicht mehr so häufig so viel action hab 😀