Posts Tagged ‘ehemalige frühgeburt’

manchmal muss man sich schon wundern

22. Juli 2010

gestern im tagdienst, etwa um 11 uhr, läutet unser telefon. dran ist die frau sonstwie, die mutter eines ehemaligen patienten, den wir irgendwann im mai entlassen haben.

mutter: mein sohn hat seit gestern abend fieber!

ich: aha…?

mutter: ich hab ihm gestern schon ein fieberzäpfchen gegeben, aber heute in der früh hatte er wieder 38,8 grad!

ich: aha…?

mutter: was hat er denn?? und soll ich ihm nochmal ein zäpfchen geben? oder soll ich gleich ins krankenhaus fahren?

ich: ok, STOP. es ist erst 11 uhr, wieso fahren sie denn nicht einfach zu ihrem kinderarzt?

mutter: naja, kennt sich der mit sowas überhaupt aus?

HÄ?? wenn nicht damit, womit denn dann?? hab ich natürlich nicht gesagt. hätt ich aber gern. auch das argument, dass ihr sohn ja eine frühgeburt war, zog bei mir nicht. wie auch immer, ich hab ihr empfohlen mit dem kind zum kinderarzt zu fahren oder wenigstens dort anzurufen.

war ihr scheinbar ziemlich egal, denn eine stunde später ruft ein erzürnter ambulanzarzt bei uns an. er möchte wissen wie wir dazu kommen dieser mutter zu empfehlen, sie solle mit ihrem kind lieber nicht zum kinderarzt gehen, weil der sich „damit“ nicht auskennt und sie lieber in die ambulanz kommen soll. ja ne, is klar.

das 5kg-kind im inkubator

18. Juni 2010

klingt verrückt? ist es auch! aber fangen wir von vorne an…

tommy ist eine ehemaliges frühchen (25. schwangerschaftswoche) und war lange bei uns auf der station in betreuung. er hatte so ziemlich jede komplikation, die es bei frühgeborenen so geben kann. vor nicht ganz einem monat konnte er (endlich) nach hause entlassen werden.

vorgestern nachmittag brachte ihn seine mutter in die ambulanz, da er nicht trinken wollte und starken husten hatte. seine sauerstoffsättigung war schlecht, und er hatte schwierigkeiten beim atmen. deshalb wurde tommy sofort stationär aufgenommen und zu uns auf die station gebracht. schnell war klar, dass er eine lungenentzündung hat.

bei der aufnahme wurde ein rachenabstrich abgenommen, um herauszufinden welcher keim dem kleinen tommy so zu schaffen macht. gestern kam dann der befund: influenza. wie warscheinlich eh schon jeder weiß, ist influenza sehr ansteckend. und leider für früh- und neugeborene nicht ungefählich. deshalb musste tommy sofort isoliert werden.

unsere station besteht im prinzip nur aus einem großen raum. wir haben keine zimmer oder „boxen“. wenn wir patienten isolieren, dann machen wir es so, dass wir einen paravent rund um das bett des kindes aufstellen. hinter diese abschirmung darf man nur mit entsprechender gewandung.

soweit, so gut. die kollegin gestern hat also den kleinen tommy lt. unseren richtlinien isoliert. aber aus irgendeinem grund, der uns allen echt unerklärlich ist, fühlte sich einer der assistenzärzte scheinbar dazu verpflichtet bei unserer krankenhaushygienefachfrau anzurufen und um eine empfehlung für die isolierung zu fragen. diese dame meinte, wir sollten das kind auf jeden fall in einen inkubator legen. eigentlich ja kein blöder gedanke. problem an der sache: tommy wiegt schon fast 5kg und ist dementsprechend schon recht groß! außerdem ist die niedrigste temperatur, die man bei unseren 0815-inkus einstellen kann 28°C. das ist ganz schön warm für so ein riesen kind wie tommy. aber die dame ließ sich nicht davon abbringen, also wanderte tommy in den inku.

heute hatte ich das vergnügen tommy zu betreuen. der arme kleine kerl. und ich arme kleine schwester. habt ihr schon mal probiert ein 5kg-kind in einem inku zu wickeln? und zu füttern und das alles? ist echt kein spaß. es ist einfach sehr wenig platz, wenn so ein riesen kind da drinnen liegt. außerdem war tommy viel zu warm, obwohl er außer seiner pampers schon nichts mehr angezogen hatte. achja, rausnehmen ist übrigens von der hygiene-frau verboten worden. tommy war gar nicht glücklich. jedesmal, wenn er eine hand in irgendeine richtung ausgestreckt hat, ist er an die inku-wand angeschlagen. nicht sehr gemütlich.

doch dann hatte ich eine geniale idee. es gibt bei uns im haus einen zwillingsinkubator. der ist erstens viel cooler (weil relativ neu) und zweitens deutlich größer. außerdem kann man den auf 25°C „kühlen“. nach etwas herumtelefoniererei konnte ich ihn ausfindig machen und veranlassen, dass er zu uns gebracht wird. juhuu 🙂

tommy war sichtlich dankbar dafür endlich mehr platz zu haben und nicht mehr so viel schwitzen zu müssen.

maxi

28. April 2010

gestern starte ich froh und gut gelaunt in meinen tagdienst. gleich in der früh kommt der oberarzt zu mir und verkündet, dass wir ein kind von der intensiv eines anderen hauses bekommen werden. kein problem, wir sind zwar voll, aber immerhin steht heute ja auch eine entlassung an, also keine große sache. ich rufe schon mal auf dieser intensiv an und erkundige mich nach dem kind. eigentlich nicht mein job, aber ich will ja wissen was ich vorbereiten muss.

ich erfahre: maxi ist ehemaliges frühchen der 25. schwangerschaftswoche, mittlerweile fast 3 monate alt, IVH III rechts und links (=starke Hirnblutung auf beiden seiten), hat vor 14 tagen einen shunt (zur ableitung von hirnwasser) erhalten, ein weiterer ventrikel ziemlich erweitert, aber noch kein handlungsbedarf, voll parenteral ernährt, verträgt orale nahrung gar nicht, duodenalsonde im gespräch, außerdem hat das kind hin und wieder mal krampfanfälle.

gut, ich starte mit den vorbereitungen, richte ein wärmebett und sonstiges zubehör her. gleichzeitig schreibe ich schon mal die papiere für meine entlassung vor und versorge „nebenbei“ auch noch meine anderen beiden kleinen patienten.

um 10 uhr steht mein neuer patient, maxi, vor der tür. ich übernehmen ihn von der unsympatischen kollegin des anderen hauses. ein blick in maxis gesicht und ich bin erstaunt. er hat deutliche hirndruck zeichen. die fontanelle ist gewölbt, er schielt stark und das sonnenuntergangsphänomen ist nicht zu übersehen. ich frage die kollegin seit wann er schon hirndruckzeichen hat. seit ein paar tagen. aha. nachdem ich es maxi in seinem neuen bett gemütlich gemacht habe gebe ich der ärztin bescheid. sie sieht sich maxi an und beschließt den oberarzt drauf schaun zu lassen. nachdem alle anwesenden ärzte (und medizinstundenten) maxi ausführlich begutachtet haben wird beschlossen einen ultaschall des schädels zu machen. wie erwartet ist der erwähnte ventrikel stark erweitert. das kind braucht also sofort eine externe ventrikeldrainage. ok, gerne, aber nicht bei uns. wir sind nur eine „halb“-intensiv und machen solche eingriffe nicht. also gut, das kind wird auf unsere intensiv transferiert. aber erst nach der visite.

also fange ich den ganzen schreibkram, den ich für die aufnahme schon erledigt habe wieder von vorne an, für die transferierung. in der zwischenzeit sind endlich die eltern meiner entlassung hier und holen ihr kind ab. eine sorge weniger.

während ich gerade bei der visite bin alarmiert maxis monitor in schrillen tönen. ich renne hin, maxi ist blitzblau, steif, atmet nicht, zuckt mit den armen. ein krampfanfall. ich verabreiche ihm sofort (s)ein krampflösendes mittel. jetzt ist er schlaff, atmet aber noch immer nicht. gut, dann eben bebeuteln. einer der ärzte kommt gemütlich spazierend ins zimmer und fragt mich ob alles ok ist. dann sieht er, dass ich am beuteln bin und bewegt sich nun doch etwas schneller zum bett her. aber das schlimmste ist schon vorbei. maxi erholt sich nur langsam, aber immerhin setzt die atmung wieder ein.

als maxi wieder eine annehmbare sättigung und atmung hat schaue ich auf und blicke in entsetzte gesichter. die gesichter der eltern und besucher der anderen patienten. ich habe irgendwie das gefühl was beruhigendes sagen zu müssen. also sage ich sowas wie: alles ok. ich gebe dem sichtlich genauso erschockenem arzt zu verstehen, dass ich maxi gerne JETZT transferieren würde.

das geht dann auch erstaunlich schnell. 15 minuten später bringe ich maxi rauf auf die intensiv. eine stunde später hat er eine externe ventrikel drainage gelegt bekommen, ist nach einer 7minütigen reanimation intubiert und hat katecholamine laufen.

die eltern der anderen patienten beschäftigt maxi noch immer. mehrmals werde ich an diesem tag noch gefragt was mit dem kleinen denn los war, ob es ihm gut geht, sogar ob er gestorben ist fragt mich eine mutter.. nein ist er noch nicht. ich bin nur froh, dass maxis mutter nicht anwesend war..