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carolin

9. November 2011

ein wunderschöner herbsttag im oktober. die sonne scheint, das laub raschelt, die blätter der bäume zeigen ihre schönsten farben. der perfekte tag für einen ausgedehnten spaziergang.

doch daran kann carolins mama gar nicht denken. sie hat nämlich gerade nach 14 stunden wehen ihre zweite tochter carolin geboren. sie ist ein süßes reifes mädchen mit 3700g und 51cm. sie schreit kräftig und wird rasch rosig. auch die plazenta wird bald geboren. alles ist perfekt.

um den eltern die möglichkeit zu geben ihr kind in trauter zweisamkeit zu begrüßen, verlässt die hebamme für einige minuten den kreißsaal. zu diesem zeitpunkt ist carolin etwa eine halbe stunde alt.

mama und papa kuscheln sich aneinander, carolin liegt auf der brust ihrer mutter. alle sind sehr erschöpft, glücklich und dösen vor sich hin.

nach etwa 10 minuten kommt die hebamme wieder und fragt nach, ob alles ok ist. mama und papa nicken. die mutter berichtet, dass carolin sogar eingeschlafen sei. mit einem lächeln auf den lippen geht die hebamme ums kreißbett herum, um die zufrieden schlafende carolin zu bestaunen. doch das lächeln weicht plötzlich einem ernsthaft erschrockenen ausdruck.

carolin atmet nicht. sie ist tiefblau und leblos. die hebamme löst sofort alarm aus und legt die kleine in das rea-bett. wenige sekunden später ist ein neo-team vor ort. carolin wird intubiert, reanimiert, stabilisiert und auf die intensivstation gebracht.

die eltern sind schwer geschockt. natürlich. sie haben alles mitangesehen. die psychologin wird informiert und beginnt sofort mit der krisenintervention.

die folgende woche verbringt carolin auf der intensivstation. auf grund des starken sauerstoffmangels wird sie für 3 tage auf 33,5°C körperkerntemperatur gekühlt, um ein starkes anschwellen des gehirns zu verhindern. schon der erste ultraschall des kopfes unmittelbar nach der aufnahme auf der intensivstation zeigt eine mittelgroße hirnblutung auf beiden seiten.

das ist etwa 2 wochen her. seit einer woche ist carolin nun schon bei uns. und es geht ihr erstaunlich gut. sie verhält sich wie ein „normales“ baby, trinkt brav und nimmt gut zu. das einzig auffälle ist ihr EEG, dieses zeigt eine deutlich erhöhte krampfbereitschaft. dagegen bekommt sie nun ein medikament. mit auswirkungen auf ihre entwicklung ist derzeit nicht zu rechnen.

ankommen

12. März 2011

die geburt ist für ein kind eine ganz schön anstrengende sache. besonders für frühchen.

die kleinen sind nach der erstversorgung unmittelbar nach der geburt erstmal ganz schön ko und brauchen sehr viel ruhe. je nach woche und allgemeinzustand werden sie erst nach mehreren stunden (wieder) halbwegs wach. dann werden sie unruhig, lassen sich mitunter nur schwer beruhigen. manche werden auch erst dann wieder ruhig, wenn ihnen die kraft ausgeht.

im letzten nachtdienst habe ich ein solches kind betreut. frühgeburt in der 30. woche, leichte respiratorische anpassungsstörung, etwa 17 stunden alt. die kleine dame war, als ich sie vom tagdienst übernommen habe, noch müde und schlapp. sie ist beim wickeln kaum wach geworden, wollte nicht am teestäbchen saugen, man konnte sie hin und herdrehen und lagern, war ihr alles egal. nicht mal die blutabnahme, für die ich sie am abend stechen musste, hat sie gestört.

erst kurz nach mitternacht ist sie aufgewacht. und hat gleich mal vollgas gegeben (= lautstark geweint).  im idealfall führt man die pflege bei so „frischen“ und unruhigen kindern zu zweit durch. einer hält das kind, gibt ihm begrenzung und sicherheit, während der andere pflegt. leider war das zu dem zeitpunkt nicht möglich. schade, denn sie hätte das gebraucht.

naja, jedenfalls, ich hab sie gewickelt, ihr essen und den schnuller angeboten und sie umgelagert. aber sie war danach noch immer unruhig. erst nach einer ausgiebigen hand- und fußmassage hat sie sich beruhigt und ist eingeschlafen.

als ich noch in der ausbildung war, habe ich mal ne schwester gefragt warum viele kinder stunden nach ihrer geburt so unruhig werden. diese frau war sehr erfahren und etwas esoterisch veranlagt (was ich ja ehrlich gesagt nicht so bin). trotzdem fand ich ihre worte schön, und irgendwie wahr.

sie sagte, die kleinen sind einfach noch nicht wirklich hier und müssen erst ankommen. sie werden plötzlich und viel zu früh aus ihrer gewohnten umgebung gerissen. in der „neuen welt“ ist alles anders. keine schützende gebärmutter. viele neue, ungewohnte und vor allem viel lautere geräusche. helles, blendendes licht. berührungen. atmen. es ist alles neu. das muss verarbeitet werden. und das braucht eben seine zeit.

sie meinte, es ist unsere aufgabe, die kinder willkommen zu heißen und ihnen zu zeigen, dass nicht alles in dieser neuen welt schlecht und unangenehm ist.  🙂