Posts Tagged ‘notfall’

immer erst den eigenen puls fühlen

20. April 2011

es ist nachtmittag und somit auch besuchszeit. während ich bei einem kind stehe und es pflege, beobachte ich aus dem augenwinkel, wie das kind auf der nachbarposition friedlich auf dem arm seiner tante schläft. die mutter sitzt auch dabei. die beiden unterhalten sich angeregt über die jüngste gewichtszunahme des kleinen zwerges. ich konzentriere mich wieder auf meine arbeit.

etwas später bemerke ich, wie die mutter der tante hektisch das kind aus dem arm nimmt. die tante greift sich immer wieder an den kopf, wirkt plötzlich sehr blass. offensichtlich gehts ihr nicht gut. das passiert öfter mal. die besucher sind aufgeregt, haben vielleicht heute nicht viel gegessen, dann diese doch sehr technische und „intensive“ umgebung, klimaanlagenluft, krankenhausgeruch. das alles führt in mehr oder weniger regelmäßigen abständen dazu, dass jemandem schlecht oder schwindelig wird (oder beides).

also hab ich mich gleich ungefragt auf den weg gemacht und der tante ein glas wasser und einen feuchten, kühlen lappen gebracht. sie bedankt sich und meint, es würde schon wieder gehen. wir vereinbaren, dass sie noch ein paar minuten sitzen bleiben und dann einen kaffee (oder was auch immer) trinken gehen. so weit, so gut.

ich wende mich also wieder meiner arbeit zu und gehe den notfallwagen auffüllen. keine 5 minuten später: „schwester! schnell!“, die mutter, die ihr kind im übrigen noch immer am arm hat, trippelt nervös von einem fuß auf den andern. die tante ist offensichtlich gerade am kollabieren. wie in zeitlupe rutscht sie aus dem stuhl. ich bin gerade noch rechtzeitig bei ihr, um den kopf abzufangen, bevor er auf den boden geknallt wäre. mutter: „oh mein gooott, susi, mach doch die augen auf! komm schon! schwester, die susi hat einen herzfehler!“

das auch noch. so. und plötzlich wird mir bewusst, dass das mein erster notfall seit jahren ist, bei dem ich keinen monitor vor der nase habe, der mir sagt ob mein patient atmet, wie herzfrequenz und sättigung sind und mit dessen hilfe ich mal eben schnell blutdruck messen kann. und das auch noch bei einem erwachsenen. also, was muss ich jetzt noch gleich tun???

als erstes kommt immer der hilferuf. also hab ich nach einer kollegin gerufen, die auch gleich bei mir war. ansprechen, schmerzreiz. keine reaktion. eine zweite kollegin kommt dazu. ich schicke sie das mobile pulsoxy holen (ja, ohne technik bin ich verloren). atemwege frei machen und nach kreislaufzeichen suchen. ich weise die andere kollegin an, nach dem puls zu suchen. ich überprüfe die atmung. das ist echt nicht einfach. ich bin mir nicht sicher, ob sie atmet. die kollegin hat den puls gefunden. ich bitte sie, die atmung zu prüfen. das pulsoxy ist da. ich monitiere die patientin. puls regelmäßig um die 50. ist das gut? wie waren nochmal die normwerte bei erwachsenen? sättigung 85%. die kollegin hat atmung festgestellt. also stabile seitenlage. eine kollegin ruft einen arzt dazu. er will einen zugang legen und volumen geben. außerdem sauerstoff. ich sage ihm, dass die frau laut aussage der mutter einen herzfehler hat. welchen kann sie uns aber nicht sagen. beim zugang legen wird die frau munter, ist aber sehr benommen.

so. nun ist die situation soweit im griff. ganz klar ist, dass die frau sofort in die notfallambulanz und untersucht werden muss. nur, wie machen wir das jetzt? alleine mit einem träger kann man die frau nicht rüber schicken. zu gefährlich. wir dürfen auch nicht mitgehen. also mal auf der notfall anrufen und fragen. sie kommen sie holen.

alles in allem ist es gut gelaufen für die frau. die situation ist recht ruhig und routiniert abgelaufen. dennoch gibt es ein paar dinge, über die wir uns nachher in der gruppe gedanken gemacht haben.

– was wäre gewesen, wenn wir sie bebeuteln hätten müssen? erschreckend, aber wahr: wir haben keinen erwachsenen-ambu an der station. auch keine maske. nichtmal eine sauerstoffmaske. wir sind nur für säuglingsnotfälle ausgelegt. das heißt, wir hätten die frau entweder mit einem säuglingsambu, oder mund-zu-mund beatmen müssen, bis das rea-team da ist. intubieren hätten wir sowieso vergessen können, da unser größer tubus ein 5.5er ist. das hätte also auch erst das rea-team tun können.

– wir haben keine blutdruckmanschetten für erwachsene.

– wir haben zwar einen defi (kann man den überhaupt auch für erwachsene verwenden? – keine ahnung), aber keine ekg-elektroden für erwachsene.

– wir haben keine viggos für erwachsene. naja, jedenfalls nicht viele. wir haben genau 1 rosa und 1 grünen viggo im notfallwagen. eigentlich gedacht sind sie für die notfallmäßige entlastung von pneus bei säuglingen.

– wir haben überhaupt kein training für erwachsenen-notfälle.

– wir sind total auf unsere technik angewiesen.

alles punkte, an denen wir arbeiten werden.

der tante susi gehts übrigens wieder gut. sie war eine nacht zur beobachtung aufgenommen. gefunden wurde aber nix, sagt die mutter.

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eltern als zeugen von notfallsituationen bei anderen patienten

29. Dezember 2010

jaaa, es geht schon wieder um eltern. ein erlebnis im letzten dienst hat mich auf die „frage“ gebracht, wie stark eltern eigentlich durch die schicksale und notfälle der anderen patienten belastet werden.

folgendes ist passiert:

die mutter eines patienten känguruht mit ihrem kind (34. woche, 2 wochen alt, ohne gröbere probleme). gegenüber liegt ein 4 tage altes kind aus der 31. woche im inku. dieses hat plötzlich eine apnoe, der monitor alarmiert. ich gehe hin, sättigung bei 70%. ich stimuliere zunächst sanft, nix tut sich, sättigung 62%. ich drehe das licht neben dem bett auf, um das kind besser beurteilen zu können, und stimuliere fester. keine reaktion, sättigung 50%, zusätzlich wird das kind bardykard mit einer herzfrequenz von 81, tendenz fallend. ich greife zum ambu, drehe den sauerstoff auf und beginne das kind zu bebeuteln, die sättigung ist jetzt bei nur mehr 35%, herzfrequenz 70. nach einigen beatmungshüben ist die herzfrequenz wieder im normbereich, die sättigung bei 80%. ich mache eine kurze pause um zu sehen ob das kind wieder atmet, tut es aber nicht. nach einigen weiteren beatmungshüben setzt die atmung wieder ein. das wars. alles wieder gut.

die situation ist ruhig abgelaufen. schon beim ankommen beim bett des patienten habe ich alle alarme ausgeschaltet, es hat also nicht die ganze zeit alarmiert. ich habe ruhig vor mich hin gearbeitet, war nicht hektisch oder so. ich habe keine kollegin zu hilfe gerufen, nur leise mit dem kind gesprochen. gedauert hat die ganze aktion viellecht 2 minuten.

für mich war das keine dramatische situation. sie war gut beherrschbar. deshalb hab ich auch nicht weiter drüber nachgedacht. was ich aber nicht bedacht habe war, dass mir die mutter des patienten gegenüber die ganze zeit zugesehen hat.

etwas später, nach der pflegerunde bei ihrem kind, hat sie mich darauf angeprochen. sie hat mich gefragt ob es dem kind eh wieder gut geht, weil es doch fast gestorben wäre. wir haben die situation besprochen, danach war sie wieder beruhigt. sie sagte, sie hätte wirklich gedacht, dass das kind jetzt sterben würde. soeine situation, mit so extrem niedrigen werten der vitalparameter und bebeuteln, hat sie noch nicht beobachtet. es hat ihr große angst gemacht.

richtige notfälle, im sinne einer handfesten reanimation, haben wir ja sehr selten. aber so kleinere dinge, wie eine nicht stimulierbare apnoe, das gibt es häufig. ist das für alle eltern so belastend, wie für diese mutter?

ich kanns ja verstehen. die eltern kennen die normwerte von sauerstoffsättiung und herzfrequenz, wir erklären sie ihnen ja. wir zeigen den eltern von instabilen kindern auch, wie sie ihr kind sanft stimulieren können, wenn es einen längeren atemaussetzer hat und der monitor anschlägt. das hat sich sehr bewährt. sie gewinnen sicherheit in solchen situationen und können besser damit umgehen. außerdem verhindert man so mitunter sogar tiefere abfälle. ich brauch halt einfach einige sekunden, bis ich beim bett bin. die eltern sind sowieso ganz nah bei ihrem kind und können sozusagen schon mal mit der „erste hilfe“ beginnen. manchmal reicht das dann auch schon aus.

so, jetzt bin ich am überlegen, wie man mit der sache der beobachtung von kleineren „notfällen“ umgehen könnte, wenn die eltern (oder auch andere besucher) nicht direkt auf einen zukommen und danach fragen. das problem ist, dass einem meist nicht bewusst ist, dass man beobachtet wird. also mir zumindest nicht. und ich finde es nicht sinnvoll, jemanden aktiv auf sowas anzusprechen, obwohl ich mir gar nicht sicher bin, ob ers überhaupt mitbekommen hat. vielleicht gibt es auch menschen, die über das gesehene lieber gar nicht reden möchten.

ein unlösbares problem? vorschläge? ideen?