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mythos magensonde

26. April 2011

irgendwie ist es mir grad ein bedürfnis euch etwas über die ernährung von frühchen zu erzählen. möglicherweise deshalb, weil die mutter im letzten posting bei manchen von euch in ungnade gefallen zu sein scheint. aber primär nicht deshalb, weil sie ihrem kind die flasche (und das damit verbundene geschmacks- und saugerlebnis) verweigert – um das es mir eigentlich ging – sondern weil sie ihrem kind etwas anderes „schlimmes“ antut, nämlich die magensonde. zur (teilweisen) rettung des rufes dieser stillwütigen mutter muss ich euch aber sagen, dass dieses kind sowieso (auch) über die magensonde ernährt wird.

praktisch alle frühgeborenen haben eine magensonde liegen. dieser dünne schlauch wird entweder über die nase, oder (wenn nicht anders möglich) über den mund bis in den magen vorgeschoben. das stört die meisten kinder kaum. auch wenn man sich das nicht vorstellen kann. klar kommt es vor, dass ein kind beim magensonde legen weint oder unruhig ist. angenehm ist es wohl nicht. und es kitzelt in der nase. aber es ist in wenigen sekunden erledigt und sicher viel weniger anstrengend und unangenehm, als das legen eines venösen zugangs. übrigens ist magensonde legen bei uns reine schwesternaufgabe und gehört für uns zum alltag, wie das wickeln und füttern der babys.

das magensonde legen beim frühchen bzw. säugling ist nicht zu vergleichen mit dem magensonde legen bei erwachsenen. für erwachsene ist es deutlich unangenehmer und wird deutlich schlechter toleriert. deshalb werden erwachsenen dafür mitunter sogar leicht sediert. (hab ich mir sagen lassen.)

ihre erste magensonde bekommen frühchen entweder direkt bei, oder unmittelbar nach der erstversorgung gelegt.

wozu? nun, zum einen werden frühchen, je nach schwangerschaftswoche, zustand usw., in den ersten tagen, wochen oder auch monaten darüber ernährt. eh klar.

zum anderen kontrolliert man damit vor jeder mahlzeit, wie gut die kleinen ihre milch verdaut haben. die farbe, menge und beschaffenheit der magenreste (also der flüssigkeit, die vor der mahlzeit noch im magen ist), gibt aufschluss darüber, wie gut die verdauung des frühchen funktioniert. der frühchen-darm ist eben noch unreif, und eigentlich noch nicht dafür gemacht milch zu verdauen. und da kann es schon mal zu problemen kommen. um erste symptome drohender komplikationen, die möglicherweise sogar eine operation nötig machen würden, möglichst früh zu erkennen, muss man die magenreste im auge behalten. zusammen mit dem gesamteindruck, den das kind macht. eh klar.

wenn ein frühchen eine magensonde hat, heißt das nicht, dass es nicht trinken darf. im gegenteil. vom ersten tag an sollen die kleinen ihre noch schwache saugmuskulatur trainieren. dafür gibt es mehrere möglichkeiten. zum beispiel ein wattestäbchen, das in milch oder tee getränkt ist. oder der schnuller. oder stillen, bzw. an der brust nuckeln. oder die flasche.

neben dem training ist es auch wichtig, dass die kinder ihre milch schmecken und so kennenlernen können. das ist eine angenehme erfahrung, die den kleinen würmern in ihrem (oft nicht so angenehmen) alltag auf der neonatologie gut tut.

aber auch wenn ein kind schließlich kräftig genug ist, um einige male an der brust oder der flasche zu saugen, heißt das noch nicht, dass es trinken kann. dazu gehört nämlich auch noch die koordination zwischen saugen, schlucken und atmen. und das ist auch sehr anstrengend. auch die ausdauer darf man nicht vergessen. wenn ein kind 4 oder 5 mal kräftig saugen kann, dann ist das wirklich toll, aber es reicht eben nicht aus, um eine ganze mahlzeit selbst zu trinken.  

trinken lernen ist also keine einfache sache für frühchen. und es spielen sehr viele faktoren eine rolle. es kann auch tage geben, in denen man bewusst keine trinkversuche macht. zum beispiel dann, wenn das kind sehr mit der atmung zu kämpfen hat. dann ist trinken schlicht nebensache und wird auch mal komplett auf eis gelegt. oder kinder, die längere zeit intubiert sind, die müssen natürlich auch erst einiges aufholen.

sind die kinder fit und passt alles soweit, dann macht man etwa 4-6 trinkversuche pro tag (also in 24 stunden). wobei man natürlich immer auf die signale des kindes achtet. zeigt ein kind, dass es jetzt gerade keine lust hat zu trinken, dann muss man das akzeptieren. es hat, wie auch bei größeren kindern, keinen sinn, sie zum essen zwingen zu wollen. motivieren – ja. zwingen – klares  nein.

viele frühchen haben sehr lange eine magensonde. das ist nichts schlimmes. die kinder sind es von anfang an gewöhnt. und auch die eltern gewöhnen sich meistens bald daran.

ja, es kommt öfter mal vor, dass die kleinen es schaffen sich die sonde selbst zu entfernen. aber das tun sie nicht, weil die sonde sie stört (schon deshalb nicht, weil sie sich gar nicht so zielgerichtet bewegen können). es passiert eben manchmal. das ist keine große sache.

fazit: eine magensonde ist keine quälerei und auch kein teufelszeug. es ist eines der vielen dinge, die auf einer station wie meiner ganz normal sind. so wie inkubatoren und beatmungsgeräte, infusionen und monitore.

zum mythos saugverwirrung werd ich mich ein andermal äußern.

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