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rico und seine unerklärlichen krankheiten

5. Juli 2010

letzens hab ich eine kollegin einer allgemeinpädiatrischen station bei einer fortbildung getroffen. wir kennen uns schon länger, und immer wenn wir uns sehen plaudern wir ein bisschen über die dramatischten fälle, die uns bei der arbeit so begegnen.

nachdem ich ihr von der psychisch kranken mutter und dem schnellen handeln des jugendamtes (ziehe letztes posting) berichtet hatte, erzählte sie mir folgendes:

seit etwas mehr als einem jahr hatten sie immer wieder einen kleinen patienten auf der station, nennen wir ihn rico. rico ist 2 jahre alt, sehr aufgeweckt und eigentlich kerngesund. dennoch brachte ihn seine mutter seit über einem jahr fast regelmäßig in die kinder-notfall-ambulanz unseres hauses, mit unterschiedlichen, unerklärlichen symptomen und krankheiten. zunächst waren es banalitäten, wie verkühlungen, durchfall, erbrechen, usw. auch ein knochenbruch und mehrere platzwunden waren dabei.

im märz diesen jahres alarmierte die mutter mitten in der nacht die rettung, ihr kind hätte einen fieberkrampf. als der notarzt kurze zeit später bei der mutter zu hause eintraf, hatte rico eine körpertemperatur von 36,8°C. auf nachfrage des notarztes gab die mutter an, rico ein fiebersenkendes zäpfchen verabreicht zu haben, kurz vor dem krampfanfall. rico, der sich an keinen vorfall erinnern konnte (was bei einem krampfanfall nicht unnormal ist), wurde zur überwachung stationär aufgenommen. alle untersuchungen waren unauffällig. wenige tage später wurde rico gesund nach hause entlassen.

3 wochen später war rico wieder in der ambulanz. die mutter sagte, er habe blutauflagerungen am stuhl. wieder wurde das kind stationär aufgenommen. die mutter zeigte der diensthabenden schwester am nächsten tag wieder eine windel, da war tatsächlich frisches blut am stuhl. daraufhin wurden wieder einige untersuchungen veranlasst, alle waren unauffällig. nach den untersuchungen trat kein blut mehr am stuhl auf. rico wurde nach einer woche krankenhausaufenthalt wieder nach hause entlassen.

in einer nacht im mai ging bei der rettung wieder ein notruf der kindesmutter ein. ihr kind sei blau, atme nicht und würde sich nicht bewegen und nicht reagieren. die mutter wurde telefonisch angewiesen wiederbelebende maßnahmen einzuleiten. als der notarzt wenige minuten später eintraf, lag rico friedlich schlafend in den armen seiner mutter. sie sagte, sie habe ihn erfolgreich wiederbelebt.

rico wurde selbstverständlich sofort in die klinik gebracht und wieder stationär aufgenommen. er verbrachte die nacht auf der intensivstation, wurde dann auf normalstation, zu meiner kollegin, verlegt. wieder waren alle untersuchungen völlig unauffällig.

zu diesem zeitpunkt wurde das erste mal darüber nachgedacht, ob vielleicht nicht rico, sondern seine mutter krank sein könnte. sie war mit rico sichtlich überfordert, klingelte ständig nach einer schwester und konnte ihrem kind keine grenzen setzen.

wenige tage, nachdem rico „erfolgreich reanimiert“ wurde, alarmierte die mutter eine schwester. rico würde aus dem ohr bluten. tja, und da war tatsächlich frisches blut am ohr des kindes. da sowohl arzt als auch schwester zweifel hatte, dass es sich um ricos blut handelte (es konnten keine verletzungen festgestellt werden), wurde eine probe des blutes ins DNA-labor geschickt.

die analyse ergab, dass es sich um das blut der mutter handeln musste. es wurde eine gefährdungsmeldung ans jugendamt gemacht und die mutter wurde psychiatrisch untersucht. es wurde die diagnose münchhausen-stellvertreter-syndrom gestellt. rico wurde in einer nacht-und-nebel-aktion zu seinen neuen pflegeeltern gebracht.

manche kinder habens wirklich schwer…

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