Posts Tagged ‘frühchen’

drogenparty!

23. September 2011

ja, das veranstalten wir derzeit jeden tag…   😀

wir haben momentan gleich 3 (in worten: DREI) patienten im neonatalen drogenentzug.

mädchen 1: reifes kind, zwei wochen alt. mutter im substitutionsprogramm, hat ab und zu mal „ausrutscher“, vater alkoholiker, wird von der mutter alle paar wochen wegen streitereien aus der wohnung geworfen. aber  nur, um ihn wenige tage später wieder rein zu lassen. mit weiterer verwandtschaft besteht kein kontakt. das kind ist noch mitten im entzug. ich schätze, dass wir derzeit auf der spitze des eisberges stehen. jedenfalls hoffe ich das. denn das kind bekommt morphin in hohen dosen, entzieht aber weiterhin sehr stark. chancen, dass das kind in der familie bleiben darf: 50%, derzeit besteht ein ausfolgeverbot. die mutter könnte es mit unterstützung schaffen, aber es ist noch unklar, inwieweit die situation mit dem (offensichtlich tw. gewalttätigen) vater tragbar ist.

mädchen 2: frühchen aus der 33. schwangerschaftswoche, 6 wochen alt, hat den entzug schon so gut wie hinter sich. mutter ebenfalls seit einigen jahren in einem substitutionsprogramm, HIV positiv, nimmt aber regelmäßig ihre medikamente. der vater, derzeit im entzug, hat sich nach der nachricht über die schwangerschaft von der mutter getrennt und den kontakt abgebrochen. unglücklich ist die mutter darüber nicht. die noch recht junge mutter wird von ihren eltern gut unterstützt, zieht gerade wieder bei ihnen ein. es ist bereits fix, dass die mutter ihr kind mit nach hause nehmen darf. natürlich ist sie ans jugendamt angebunden.

und der junge: frühchen aus der 35. woche, 4 tage alt und bereits mitten im entzug. und zwar richtig. das kind bekommt morphin seit es 7 stunden alt ist. die mutter ist obdachlos, nimmt alle möglichen drogen (hauptsächlich heroin), ist hiv positiv. etwa einen monat vor der geburt des kindes wurde sie bewusstlos auf der straße gefunden und ins krankenhaus gebracht. seit dem ist sie auf der psychiatrie aufgenommen. vater „gibt es keinen“. anderer verwandte auch nicht. das jugendamt ist bereits auf der suche nach pflegeeltern, möglicherweise sogar adoptiveltern. denn die mutter hat kein interesse am kind. sie sagt, sie hätte es eben irgendwann geboren und irgendwo abgelegt. damit hätte sie das „problem“ schon gelöst. allerdings hat sie bisher einer freigabe zur adoption (noch) nicht zugestimmt.

man darf gespannt sein, wies weiter geht mit diesen kiddies…

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leo, 16 wochen zu früh

28. Juli 2011

heute erzähle ich euch von leo. er war ein sehr kleines extrem-frühchen, wurde in der schwangerschaftswoche 23+4 mit nur 438g geboren. sein start ins leben war sehr schwer, er hatte viele „baustellen“. kaum ging es ihm mal besser, tauchte schon das nächste problem auf. die ersten 2 monate verbrachte er auf der intensivstation. dann wurde er zu uns transferiert.

leo hatte so ziemlich jede komplikation, die ein frühchen nur haben kann. IVH, BPD, PAH, PDA, NEC, ROP… alles keine schönen sachen. er musste einige operationen über sich ergehen lassen.

leos eltern mussten ebenfalls viel ertragen. monatelang haben sie um das leben ihres kindes gebangt, die wenigen fortschritte wurde von rückschritten und neuen problemen überschattet. mehr als einmal haben sie von ärzten gehört, dass leo den tag oder die bevorstehende operation möglicherweise nicht überleben wird.

 

dann hatte er die kritische phase endlich überwunden. sein kreislauf war soweit stabil, ohne zusätzliche medikamente. die lunge wurde besser, leo konnte selbstständig atmen ohne sich ständig zu erschöpfen. die verdauung funktionierte gut, auch wenn leo seinen stuhl über einen künstlichen darmausgang an der bauchdecke ausschied. die augen entwickelten sich nach einer laserung zufriedenstellend.

als er zu uns kam hatte leo im prinzip nur mehr ein medizinisches problem. und zwar zu viel flüssigkeit im kopf. leo hatte einen hydrocephalus, also einen „wasserkopf“. deshalb wurde noch auf der intensivstation eine sogenannte externe ventrikel drainage (evd) gelegt. damit wurde der überschüssige liquor (hirnwasser) aus seinem kopf nach außen abgeleitet, um den druck im kopf zu normalisieren.

nun ist eine evd ja keine dauerlösung. deshalb bekam leo nach etwa 2 wochen evd einen shunt implantiert, der von nun an das überschwüssige wasser in den bauch ableiten sollte.

tja. um die nächsten wochen zusammenzufassen: es gab viele probleme. liquorkissen, wieder evd, undichte evd, liquorkissen, sekundärnaht, infektion, wieder shunt, shuntventil wechsel, liquorkissen, wieder evd, wieder shunt, infektion… so ging das sicher 2 monate lang. wenn nicht sogar 3.

ehrlich. so viele probleme bei etwas so „simplen“ wie einem shunt hab ich im leben noch nicht gesehen. leo war ein echter unglücksrabe. er zog komplikationen scheinbar magisch an.

na jedenfalls, nach einer gefühlten ewigkeit war auch dieses problem überwunden. nun musste leo nur noch trinken lernen. für uns war er von da an wie jedes andere unserer kinder auch.

nur die eltern konnten es irgendwie nicht so richtig begreifen. obwohl sie auf grund der vielen regelmäßigen arztgespräche wussten, dass leo nun (für seine verhältnisse) gesund war und man ihn wie ein normales baby behandeln konnte, hatten sie große probleme, das auch zu akzeptieren und zu verinnerlichen. sie waren es irgendwie schon gewohnt, dass ein problem nach dem anderen auftauchte, weshalb sie der ruhe nicht trauen konnten.

lange zeit waren sie sehr unsicher im umgang mit leo. der junge mann hatte mitterweile seinen errechneten geburtstermin überschritten, war schon sehr aufmerksam und wollte unterhalten werden. damit konnten die eltern aber gar nix anfangen. für sie war leo noch immer das klitzekleine, schwerkranke kind, das man am besten in ruhe schlafen lässt. aber schlafen war für leo längst nicht mehr interessant.

es dauerte sicher 2-3 wochen, in denen wir uns sehr intensiv mit den eltern beschäftigt haben (fast schon mehr, als mit leo selbst), bis sie die bedürfnisse ihres kindes erkennen und angemessen darauf reagieren konnten.

 

seit einem knappen halben jahr ist leo nun schon zu hause. und er entwickelt sich sehr gut, kann mittlerweile sogar schon alleine sitzen. leo und seine eltern sind zu einem richtigen dreamteam zusammengewachsen.

lars kommt in die ambulanz

25. Juli 2011

lars wurde in der 34. woche mit etwa 2kg geboren. da es ihm gut ging und er keinerlei probleme hatte, wurde er nach seiner geburt nicht auf der neo aufgenommen. er durfte gleich mit seiner mutter auf die wochenbettstation.

auch dort ging es ihm weiterhin gut. beim trinken an der brust war er zwar ziemlich langsam, aber irgendwie klappte es doch. außerdem war er etwas gelb, hatte eine milde neugeborenengelbsucht, die aber nicht therapiert werden musste.

nach 6 tagen wurde er, gemeinsam mit seiner mutter, nach hause entlassen. da der gelbsuchtwert noch erhöht war, sollte die mutter in 2 tagen zur kontrolle in die ambulanz kommen. außerdem sollte sein gewicht dort nochmal kontrolliert werden, da er noch nicht zugenommen hatte.

2 tage später sitzt die mutter nun in der ambulanz. sie hat ein gutes gefühl und ist sehr stolz auf ihren sohn. er ist ja so ein braver. eine schwester ruft sie in ein behandlungszimmer und bittet sie, lars erstmal auszuziehen. die waage zeigt 1770g an. das sind 100g weniger, als noch vor 2 tagen. außerdem fällt der schwester gleich auf, dass lars sich ziemlich warm anfühlt. die rektal gemessene temperatur liegt bei 38,7°C.

dann kommt die ärztin zur untersuchung und blutabnahme. von der schwester hat sie schon gehört, dass lars in keinem besonders guten zustand zu sein scheint. ihre untersuchung bestätigt den eindruck der schwester. lars ist schlapp, blass, bewegt sich kaum, hat trockene lippen, eingefallene augen und fontanelle, der herzschlag und die atemfrequenz sind erhöht.

während der untersuchung stellt die schwester der mutter ein paar fragen. wird er voll gestillt? ja. wie oft trinkt er von der brust? alle 4-5 stunden, nachts hat er eine pause von 8-10 stunden. wie lange trinkt er pro mahlzeit? etwa 20 minuten. wieviele nasse windeln hat er am tag? er wird immer nach dem stillen gewickelt, da ist eigentlich immer pipi drin. wann hatte er das letzt  mal stuhl? heute morgen. ist lars immer so ruhig, weint er auch ab und zu? *stolzgeschwelltebrust* nein, lars weint nie. er ist so brav. wenn er munter wird, dann druckst er nur so rum. aber weinen tut er nie. also, am tag der entlassung hat er noch viel geweint, aber das war sicher nur vom stress. jetzt ist er sehr entspannt.

ein kurzer blick zwischen schwester und ärztin. die mutter hat ihn gesehen und ist jetzt etwas beunruhigt. stimmt etwas nicht? die ärztin erklärt ihr, dass lars wohl dehydriert ist und wahrscheinlich aufgenommen werden muss. er ist möglicherweise deshalb so ruhig, weil er keine kraft mehr hat.

*BUMM* ein schlag ins gesicht für lars‘ mutter. darauf war sie wirklich nicht vorbereitet.

die blutabnahmen bestätigten den verdacht. lars wird stationär aufgenommen. und hier komme ich ins spiel. lars kommt nämlich zu uns. begleitet wird er von seiner mutter und einer ambulanzschwester, die sich nach der übergabe wieder verabschiedet.

das übliche, gut eingespielte aufnahmeprocedere beginnt. ein arzt und ich fummeln an lars rum, monitieren und untersuchen ihn, eine kollegin zieht eine infusion auf, die wir auch gleich anhängen. eine andere kollegin erledigt den papierkram und wieder eine andere versucht die mutter aufzufangen und erklärt ihr, was hier gerade passiert.

nach etwa 10 minuten ist auch schon alles erledigt und ich wende mich der mutter zu. sie ist total durch den wind. ich biete ihr an, im mutter-kind-zimmer zu schlafen, damit sie bei ihrem sohn bleiben und ihn auch nachts anlegen kann. sie lehnt (derzeit) dankend ab. was mich nicht überrascht. offensichtlich zweifelt sie gerade stark an ihrer stillkompetenz. aber das wird schon wieder.

gemeinsam besprechen wir das weitere vorgehen. lars wird nun alle 4 stunden zum essen geweckt und soll 40ml trinken. die mutter darf natürlich weiterhin anlegen. sollte lars deutlich weniger als diese 40ml trinken, dann bekommt er eine magensonde. bezüglich des fiebers wird vorerst noch zugewartet. man nimmt an, dass es von der dehydration kommt, also ein sog. „durstfieber“ ist. die entzündungswerte sind nur minimal erhöht. wir sind sicher, dass sich der immer noch erhöhte gelbsuchtwert, temperatur, atmung und herzfrequenz mit flüssigkeitszufuhr per infusion wieder normalisieren werden. wenn lars es dann auch noch schafft genügend nahrung selbst zu trinken, dann darf er wieder nach hause.

 

entgegen all unserer erwartungen hat es doch länger gedauert um lars zum trinken zu bringen. er war knapp 3 wochen bei uns aufgenommen. und es war wirklich harte arbeit. denn lars war sehr trinkfaul. letztlich hat er es aber doch geschafft und konnte heute gesund und voll gestillt nach hause entlassen werden.

liebe wütende mama…

7. Juli 2011

nein, ich sehe nicht ein, dass ich daran schuld sein soll, dass dein frühchen jetzt einen schnupfen hat und wegen rhinoviren isoliert werden muss.

vielleicht sprichst du mal mit dem papa. der hat nämlich seit einer knappen woche schnupfen. ja, er setzt sich immer brav eine maske auf, wenn er an die station kommt. aber den sinn dieser maßnahme hat er offensichtlich nicht verstanden. denn er schiebt sie ständig zur seite, um euer gemeinsames kind am kopf zu küssen. ich weiß genau, dass du das auch weißt, du bist nämlich meistens dabei.

und ja, er wurde deshalb von uns schon mehrmals ermahnt. das war ihm aber ziemlich egal. „ja, ich weiß eh…“ und „ist ja nur kurz…“ sagt er immer. du hast ihn bisher auch noch nie davon abgehalten.

 

ich verstehe, dass du aufgewühlt bist. aber du musst mich deshalb nicht beschuldigen „wie ein drecksschwein“ zu arbeiten.

melanies erste lebenswochen

11. Juni 2011

ich finde, ich habe schon viel zu lange nichts mehr über erfreuliche verläufe bei meinen kleinen patienten berichtet. deshalb möchte ich euch von der kleinen melanie erzählen. (vorsicht, lang!)

melanie wurde in der schwangerschaftswoche 28+3 wegen vorzeitigem blasensprung und steigenden infektwerten der mutter per kaiserschnitt geboren. sie war 1057g schwer und 38cm lang.

von anfang an ging es ihr gut. sie atmete selbstständig (mit etwas unterstützung vom infant flow) und brauchte nur wenig zusätzlichen sauerstoff. ihr kreislauf war, bis auf die üblichen gelegentlichen abfälle, stabil. deshalb wurde sie am 4. lebenstag zu uns transferiert.

melanies 1. lebenswoche:

wie bereits erwähnt braucht melanie beim atmen etwas unterstützung vom infant flow (IF). dabei hat sie einen sauerstoffbedarf von etwa 30-35%. pausen toleriert sie noch nicht. wenn man ihr den IF abnimmt, reagiert sie gleich mit sättigungsabfällen und deutlich erschwerter atmung. mehrmals täglich hat melanie atemaussetzer (apnoen), bei denen sie zum weiteratmen angeregt werden muss. deshalb bekommt sie nun coffein-kurzinfusionen. wegen leicht positiver infektwerte bekommt sie außerdem antibiotika.

mit der ernährung wurde gleich am ersten tag begonnen, sie bekam alle 3 stunden 0,5ml muttermilch oder frühchen-ersatznahrung. mittlerweile konnte sie auf 8x4ml (also alle 3 stunden 4ml) gesteigert werden. den rest der flüssigkeit, elektrolyte und kalorien, die sie braucht, bekommt melanie über ihren zentralen venenzugang als infusion. trinkbereitschaft zeigt melanie noch keine. sie saugt noch nicht am milchstäbchen oder am schnuller.

melanie hat eine gelbsucht entwickelt und liegt deshalb insgesamt 2 tage unter der phototherapie. außerdem hat sie in der ersten woche etwas an gewicht verloren und auf 957g abgenommen. das liegt aber im normbereich und ist deshalb auch nicht weiter tragisch. generell geht es der kleinen maus gut. sie verschläft den ganzen tag, ist nur bei der pflege kurz wach.

melanies eltern sind mit der situation noch etwas überfordert. sie haben noch leichte brührungsängste, gehen aber sehr liebevoll mit ihrer tochter um. die mutter känguruht jeden tag für eine stunde. der vater ist dazu noch nicht bereit, er hält und streichelt melanie lieber im inkubator.

2. lebenswoche:

die respiratorische situation ist unverändert. melanie braucht noch immer etwa 30% sauerstoff am IF. pausen sind weiterhin nicht möglich. auch apnoen hat sie weiterhin, aber nicht mehr so viele. außerdem sind sie leichter zu stimulieren.

melanies blutdruck ist auffällig. die differenz (bzw amplitude) zwischen systole und diastole ist hoch. das deutet auf einen PDA hin. ein herzultraschall bestätigt diese diagnose. es wird mit dem ersten ibuprofen-zyklus begonnen. dieses medikament soll den PDA schließen. leider schlägt es nicht so wirklich an. der PDA ist zwar etwas kleiner, aber nicht verschlossen. deshalb wird mit dem 2. zyklus begonnen.

die ernährung wird weiter jeden tag um einen milliliter gesteigert. bis melanie beginnt sich zu erbrechen und plötzlich immer wieder einige milliliter magenreste hat. die ernährung wird wieder zurückgenommen, die infusion dafür erhöht. infektwerte sind aber negativ. auch beim stuhlausscheiden braucht die kleine maus unterstützung. sie scheidet nur auf bauchmassage stuhl aus. wegen des IF ist melanies bauch ziemlich aufgebläht, aber die bauchmassagen helfen ihr auch die luft loszuwerden.

melanie hat begonnen zuzunehmen und wiegt nun ca. 1100g. die eltern gewinnen zunehmend sicherheit in der pflege ihrer maus. sie können ihre tochter mit etwas hilfe wickeln und massieren ihre gerne die füßchen und den bauch.

3. lebenswoche:

nach dem 2. ibuprofen-zyklus hat sich der PDA leider auch nicht geschlossen. der blutdruck ist weiterhin auffällig. deshalb wird der PDA bei einer kleinen herz-op nun chirurgisch verschlossen. die op verläuft problemlos. für den eingriff wurde melanie intubiert. am nächsten tag kann sie schon wieder extubiert werden.

sie ist weiterhin am IF. mittlerweile toleriert melanie kurze pausen, für etwa 15-20 minuten. danach ist sie aber sehr erschöpft. die ernährung lässt sich wieder gut steigern, die zufuhr über die infusion wird reduziert. melanie beginnt nun auch langsam zu trinken. 3-5ml schafft sie schon selbst.

melanie lagert etwas wasser ein, bekommt 2 oder 3 mal einzeldosen eines harntreibenden medikaments. damit stabilisiert sich ihre bilanz wieder. auch die stuhlausscheidung kommt nun besser in gang. melanie hat in dieser woche auf ca. 1300g zugenommen und ist einen zentimeter gewachsen.

für die eltern war diese woche nicht leicht. eine op am herzen des eigenen kleinen töchterchens muss erstmal verkraftet werden.

4. lebenswoche:

melanie geht es bestens. apnoen hat sie keine mehr. sie ist bis auf gelegentliche bradykardien und sättigungsabfälle, von denen sie sich meist selbst erholt, stabil. sie wird nun langsam vom IF entwöhnt. in den IF-pausen ist sie an der sauerstoffbrille bei etwa 25% O2. am IF braucht sie 21-23%. zu beginn der woche schafft sie 2-3 stunden an der brille. am ende der woche ist die entwöhnung geglückt und melanie braucht den IF gar nicht mehr.

da die kleine maus ihre temperatur nun schon viel besser halten kann, übersiedelt sie mit ihren 1500g vom inkubator ins wärmebett. auch das essen wird weiter gesteigert. melanie ist am ende der woche mit 8x28ml voll enteral aufgebaut. das heißt, sie braucht nun keine infusion mehr. der zugang wird entfernt. melanie trinkt schon bis zu 12ml selbst.

die eltern sind überglücklich. melanie hat diese woche viele fortschritte gemacht. seit der IF und der zugang weg sind, sind die eltern deutlich sicherer mit ihr geworden.

5. lebenswoche:

melanie ist weiterhin an der sauerstoffbrille. meistens braucht die 23% sauerstoff. nach dem essen eher 25%. beim kuscheln mit den eltern ist die stabil bei luft (also 21%). 3-4 mal am tag hat sie recht tiefe bradykardien, bei denen die manchmal auch stimuliert werden muss. von den sättigungsabfällen erholt sie sich nun in der regel selbst.

auch die ernährung verträgt sie ganz gut. ab und zu hat sie mal den ein oder anderen milliliter magenrest. aber diese sind immer schön angedaut, also kein grund zur sorge. melanie trinkt pro mahlzeit zwischen 10 und 20ml selbst. beim trinken hat sie oft tiefe sättigungsabfälle.

die ausscheidung funktioniert gut. allerdings presst melanie viel und hat viele blähungen, weshalb sie manchmal etwas unruhig ist. melanie hat auch einen kleinen nabelbruch. ist aber auch nix tragisches. melanie nimmt weiterhin brav zu, wir sind nun etwa bei 1700g angekommen.

ihre eltern sind sehr stolz auf ihre kleine maus. sie durften melanie endlich zum ersten mal in der großen badewanne baden. das hat allen 3n sehr gefallen. die restliche pflege übernehmen sie nun schon komplett selbstständig. ein weiteres highlight der woche: das erste mal stillen. melanie hat zwar nur einige wenige male an der brust gesaugt und auch nichts erwischt, aber das war der stolzen mama egal.

6. lebenswoche:

melanie wirkt anfang der woche sehr schlapp und müde. außerdem ist sie sehr blass und braucht nun auch wieder 25-30% sauerstoff über die brille. sie atmet auch schneller als normal und hat mehr abfälle. für uns ist klar: melanie ist krank. die infektwerte sind allerdings (noch) negativ. deshalb wird noch zugewartet.

am nächsten tag hat melanie eine tiefe apnoe und muss bebeutelt werden. ihr atemmuster hat sich deutlich verschlechtert und nun sind auch die infektwerte positv. melanie dürfte einen harnwegsinfekt haben. deshalb wird eine antibiotika-therapie begonnen. dafür bekommt sie einen venenzugang. außerdem muss melanie wegen des schlechten atemmusters wieder an den infant flow. sie braucht aber keinen zusätzlichen sauerstoff. da melanie so blass ist bekommt sie auch eine bluttransfusion.

nach 2 tagen geht es ihr wieder deutlich besser. die atmung hat sich stabilisert, den IF braucht sie nicht mehr, sie ist wieder an der brille. insgesamt wirkt melanie wieder fitter. für die eltern war diese woche wieder ein kleiner rückschlag. da sich melanie aber von ihrer infektion rasch erholt, erholen sich auch die eltern von diesem schreck recht bald.

7. lebenswoche:

anfang der woche werden die antibiotika abgesetzt und der zugang entfernt. auch die sauerstoffbrille braucht melanie nun nichtmehr. sie ist jetzt durchgehend spontanatmend und damit soweit auch stabil. nur beim trinken hat sie weiterhin sättigungsabfälle und schwankungen.

da melanie kaum fortschritte beim trinken macht, wird die logopädie eingeschaltet. einmal täglich (wenn es sich ausgeht sogar zweimal) kommt nun eine logopädin zu melanie, um sie beim trinkenlernen zu unterstützen.

bis auf die trinkschwierigkeiten entwickelt sich melanie gut. sie nimmt brav an gewicht zu und hat (sehr zur freude der eltern) endlich die 2000g geschafft. auch das wärmebett braucht sie nun nicht mehr, sie schläft nun in einem normalen bett.

die eltern sind sehr zufrieden mit ihrer kämpferin. langsam beginnen sie sich gedanken darüber zu machen, wie es mit melanie zu hause sein wird. auch stillen wird nun wieder mehr zum thema. wir vereinbaren für nächste woche einen termin mit unserer stillberaterin.

8. lebenswoche:

von einem tag auf den anderen stellt melanie plötzlich ihre abfälle beim trinken ein. einfach so. die eltern können es kaum glauben. wir schmunzeln, denn das ist oft so. die koordination beim trinken funktioniert nun sehr gut, nur kraft hat melanie noch wenig. die logopädin ist aber sehr zufrieden mit melanies fortschritten. und wir auch.

melanie wird nun von 3stündlich auf 4stündlich umgestellt, um sie endlich von der magensonde zu entwöhnen. also, statt bisher 8x40ml bekommt melanie nun 6x55ml zu essen. dafür wird melanie aber eben auch jedes mal die flasche angeboten und nicht, wie bisher, jedes 2. mal. das tut ihr offensichtlich sehr gut, denn von nun an trinkt melanie besser. gegen ende der woche schafft sie von ihren 6 mahlzeiten schon 4-5 ganz alleine. von der brust schafft sie meist 5-10ml. danach ist sie aber ganz schön erledigt und muss nachsondiert werden.

die eltern besuchen diese woche unseren säuglings-reanimationskurs. ihnen wird eine entlassung bis ende nächster woche in aussicht gestellt, wenn melanie es bis dahin schafft, alle ihre mahlzeiten selbst zu trinken (wovon wir ausgehen).

9. lebenswoche:

die logopädin überlegt, ob es für melanie sinnvoller wäre, wenn sie ad libitum trinken dürfte. leider meldet sich melanie überhaupt nicht zu den mahlzeiten und muss jedes mal geweckt werden. deshalb würde das keinen sinn machen. aber melanie macht auch so weiter fortschritte.

nachdem sie am montag erstmals alle ihre 6 mahlzeiten selbst ausgetrunken hat, entfernt melanie sich am dienstag die magensonde selbst. ab diesem zeitpunkt ist das trinken aus der flasche für die kleine laus kein problem mehr. nur nach dem stillen, bei dem sie noch immer nicht mehr als 20ml schafft, ist melanie so erledigt, dass sie maximal 20ml von der flasche „nachtrinkt“.

gemeinsam mit der stillberaterin und unseren ärzten hat die mutter dann beschlossen, melanie zu hause nur 2mal täglich anzulegen, bis sie mehr kraft hat. so steht einer entlassung nichts im wege. die eltern werden auf die zwei medikamente, die melanie bekommt, eingeschult und besorgen diese in der apotheke.

einen tag vor der entlassung lässt sich melanies mutter mitaufnehmen und zieht mit ihrer kleinen ins mutter-kind-zimmer. dort versorgt sie melanie komplett selbstständig. sie fühlt sich dabei sehr wohl und alles klappt bestens.

melanie wird nach gut 9 wochen krankenhausaufenthalt, etwa 3 wochen vor dem errechneten geburtstermin mit knapp  2500g gesund nach hause entlassen. 😀

mythos magensonde

26. April 2011

irgendwie ist es mir grad ein bedürfnis euch etwas über die ernährung von frühchen zu erzählen. möglicherweise deshalb, weil die mutter im letzten posting bei manchen von euch in ungnade gefallen zu sein scheint. aber primär nicht deshalb, weil sie ihrem kind die flasche (und das damit verbundene geschmacks- und saugerlebnis) verweigert – um das es mir eigentlich ging – sondern weil sie ihrem kind etwas anderes „schlimmes“ antut, nämlich die magensonde. zur (teilweisen) rettung des rufes dieser stillwütigen mutter muss ich euch aber sagen, dass dieses kind sowieso (auch) über die magensonde ernährt wird.

praktisch alle frühgeborenen haben eine magensonde liegen. dieser dünne schlauch wird entweder über die nase, oder (wenn nicht anders möglich) über den mund bis in den magen vorgeschoben. das stört die meisten kinder kaum. auch wenn man sich das nicht vorstellen kann. klar kommt es vor, dass ein kind beim magensonde legen weint oder unruhig ist. angenehm ist es wohl nicht. und es kitzelt in der nase. aber es ist in wenigen sekunden erledigt und sicher viel weniger anstrengend und unangenehm, als das legen eines venösen zugangs. übrigens ist magensonde legen bei uns reine schwesternaufgabe und gehört für uns zum alltag, wie das wickeln und füttern der babys.

das magensonde legen beim frühchen bzw. säugling ist nicht zu vergleichen mit dem magensonde legen bei erwachsenen. für erwachsene ist es deutlich unangenehmer und wird deutlich schlechter toleriert. deshalb werden erwachsenen dafür mitunter sogar leicht sediert. (hab ich mir sagen lassen.)

ihre erste magensonde bekommen frühchen entweder direkt bei, oder unmittelbar nach der erstversorgung gelegt.

wozu? nun, zum einen werden frühchen, je nach schwangerschaftswoche, zustand usw., in den ersten tagen, wochen oder auch monaten darüber ernährt. eh klar.

zum anderen kontrolliert man damit vor jeder mahlzeit, wie gut die kleinen ihre milch verdaut haben. die farbe, menge und beschaffenheit der magenreste (also der flüssigkeit, die vor der mahlzeit noch im magen ist), gibt aufschluss darüber, wie gut die verdauung des frühchen funktioniert. der frühchen-darm ist eben noch unreif, und eigentlich noch nicht dafür gemacht milch zu verdauen. und da kann es schon mal zu problemen kommen. um erste symptome drohender komplikationen, die möglicherweise sogar eine operation nötig machen würden, möglichst früh zu erkennen, muss man die magenreste im auge behalten. zusammen mit dem gesamteindruck, den das kind macht. eh klar.

wenn ein frühchen eine magensonde hat, heißt das nicht, dass es nicht trinken darf. im gegenteil. vom ersten tag an sollen die kleinen ihre noch schwache saugmuskulatur trainieren. dafür gibt es mehrere möglichkeiten. zum beispiel ein wattestäbchen, das in milch oder tee getränkt ist. oder der schnuller. oder stillen, bzw. an der brust nuckeln. oder die flasche.

neben dem training ist es auch wichtig, dass die kinder ihre milch schmecken und so kennenlernen können. das ist eine angenehme erfahrung, die den kleinen würmern in ihrem (oft nicht so angenehmen) alltag auf der neonatologie gut tut.

aber auch wenn ein kind schließlich kräftig genug ist, um einige male an der brust oder der flasche zu saugen, heißt das noch nicht, dass es trinken kann. dazu gehört nämlich auch noch die koordination zwischen saugen, schlucken und atmen. und das ist auch sehr anstrengend. auch die ausdauer darf man nicht vergessen. wenn ein kind 4 oder 5 mal kräftig saugen kann, dann ist das wirklich toll, aber es reicht eben nicht aus, um eine ganze mahlzeit selbst zu trinken.  

trinken lernen ist also keine einfache sache für frühchen. und es spielen sehr viele faktoren eine rolle. es kann auch tage geben, in denen man bewusst keine trinkversuche macht. zum beispiel dann, wenn das kind sehr mit der atmung zu kämpfen hat. dann ist trinken schlicht nebensache und wird auch mal komplett auf eis gelegt. oder kinder, die längere zeit intubiert sind, die müssen natürlich auch erst einiges aufholen.

sind die kinder fit und passt alles soweit, dann macht man etwa 4-6 trinkversuche pro tag (also in 24 stunden). wobei man natürlich immer auf die signale des kindes achtet. zeigt ein kind, dass es jetzt gerade keine lust hat zu trinken, dann muss man das akzeptieren. es hat, wie auch bei größeren kindern, keinen sinn, sie zum essen zwingen zu wollen. motivieren – ja. zwingen – klares  nein.

viele frühchen haben sehr lange eine magensonde. das ist nichts schlimmes. die kinder sind es von anfang an gewöhnt. und auch die eltern gewöhnen sich meistens bald daran.

ja, es kommt öfter mal vor, dass die kleinen es schaffen sich die sonde selbst zu entfernen. aber das tun sie nicht, weil die sonde sie stört (schon deshalb nicht, weil sie sich gar nicht so zielgerichtet bewegen können). es passiert eben manchmal. das ist keine große sache.

fazit: eine magensonde ist keine quälerei und auch kein teufelszeug. es ist eines der vielen dinge, die auf einer station wie meiner ganz normal sind. so wie inkubatoren und beatmungsgeräte, infusionen und monitore.

zum mythos saugverwirrung werd ich mich ein andermal äußern.

ich bin stillfeindlich

22. April 2011

ja, so ist es. jedenfalls musste ich mir das letztens an den kopf werfen lassen. ich PÖÖÖHSE schwester.

und das nur, weil ich es nicht besonders förderlich für die entwicklung eines frühgeborenen kindes halte, dass es, auf wunsch der mutter, in ihrer abwesenheit nur sondiert werden soll. das kind soll sich keinesfalls an die flasche gewöhnen. sonst kriegt es eine saugverwirrung. PÖÖÖHSE saugverwirrung! schnuller ist deshalb natürlich auch nicht gestattet. maximal ein tee- oder milchstäbchen.

gegenargumente? nutzlos. schließlich ist sie die mutter und weiß, was das beste für ihr kind ist. okay.

das wird ein hartes stück arbeit für die stillberaterin, die psychologin und uns.

ein besonderes tagebuch

11. April 2011

als lunas mutter in der 30. schwangerschaftswoche war, stürzte sie morgens im badezimmer beim aussteigen aus der dusche. dabei schlug sie sich den kopf an. sie war nicht bewusstlos, hatte jedoch danach starke kopfschmerzen.

da die schmerzen nicht nachlassen wollten, und ihr ganz schön übel war, fuhren sie und der werdende papa abends ins krankenhaus. lunas mama wurde mit verdacht auf gehirnerschütterung stationär aufgenommen. luna ging es bestens.

wenige stunden nachdem sie im krankenhaus aufgenommen wurde, hatte lunas mutter einen schweren krampfanfall. luna musste per notsectio geholt werden. es stellte sich heraus, dass lunas mama eine ziemlich große hirnblutung erlitten hatte. nach dem kaiserschnitt wurde sie sofort notoperiert und danach auf die intensivstation verlegt. es ging ihr sehr schlecht.

luna hingegen ging es ganz gut. auch sie verbrachte ihre ersten lebenstage auf der intensivstation. danach wurde sie zu uns verlegt.

luna war nicht das erste kind dieser familie, sie war das dritte. der vater war also ganz schön eingespannt zwischen kindergartenkind, schulkind, schwer kranker frau und frühgeborenem baby. er kam zwar täglich zu besuch, konnte aber nicht sehr lange bleiben. er hatte unterstützung von den großeltern, anders hätte das wohl alles nicht funktioniert.

der zustand von lunas mutter war lange kritisch. sie musste mehrmals operiert werden. in den ersten wochen war nicht klar, ob sie überhaupt überleben würde. doch mit der zeit stabilisierte sie sich. als man sie nach über drei wochen aufwachen ließ, konnte sie nicht sprechen und sich nur sehr eingeschränkt bewegen.

von anfang an war klar, dass lunas mama lange brauchen würde, um sich zu erholen. das bedeutete, dass sie die ersten lebenswochen ihres dritten kindes nicht (oder nur sehr eingeschränkt) miterleben würde. deshalb begannen die schwestern der neo-intensiv, ein luna-tagebuch zu führen. vom ersten lebenstag an wurde täglich ein eintrag von der betreuenden schwester geschrieben. das haben wir natürlich begeistert übernommen. ab und zu wurden auch mal fotos gemacht und eingeklebt. oder hand- und fußabdrücke gemacht. auch der papa durfte mitschreiben.

die idee des intensivtagebuchs kommt eigentlich aus der erwachsenenintensivpflege. wenn erwachsene längere zeit im „künstlichen koma“ (wie es umgangssprachlich so schön heißt) liegen, fehlt ihnen danach jede erinnerung an diese zeit. um ihnen die möglichkeit zu geben, zumindest im nachhinein etwas daran teil zu haben, und es somit verarbeiten zu können, schreibt man dort tagebuch für die patienten. das gibt es natürlich nicht auf jeder intensivstation, und es ist auch nicht bei jedem patienten notwendig, aber mir gefällt diese idee.

in diesem tagebuch werden keine medizinischen fakten aufgeschrieben. dafür gibt es sowieso die offizielle doku. es soll tatsächlich wie ein „normales“ tagebuch geführt werden. im falle unserer luna haben wir es in der ich-form geschrieben. zum beispiel sowas:

heute gings mal wieder rund hier! in der früh durfte ich in der großen badewanne eine runde schwimmen gehen. das hat mir super gefallen, ich war ganz munter und entspannt. aber baden ist auch ganz schön anstrengend, deshalb wollte ich danach auch nicht von der flasche trinken. dafür hab ich bei der nächsten mahlzeit ordentlich reingehaun und 40ml selbst getrunken! zu mittag war dann der augenarzt da. diese untersuchung mag ich ja nicht so, das hab ich dem doktor auch deutlich gezeigt! trotzdem war er sehr zufrieden mit mir. am nachmittag war oma zu besuch und hat ganz viel mit mir gekuschelt und mir lieder vorgesungen. das mag ich gerne, dabei schaue ich mir oma immer sehr genau an. die schwestern sagen, dass ich morgen oder übermorgen vielleicht wieder mit papa zu mama auf besuch gehen darf, wenn es mir und ihr weiterhin so gut geht. das wär super! auf mama schlafe ich nämlich am allerbesten.  

ps: zugenommen habe ich auch wieder! ich wiege jetzt 2285g und bin 46cm groß!“

lunas mutter hat sich wahnsinnig darüber gefreut. sie hat uns gebeten das tagebuch bis zur entlassung weiter zu schreiben.

luna wurde etwa 2 wochen vor ihrem errechneten geburtstermin nach hause entlassen. am gleichen tag wurde ihre mama in eine reha-einrichtung transferiert.

ankommen

12. März 2011

die geburt ist für ein kind eine ganz schön anstrengende sache. besonders für frühchen.

die kleinen sind nach der erstversorgung unmittelbar nach der geburt erstmal ganz schön ko und brauchen sehr viel ruhe. je nach woche und allgemeinzustand werden sie erst nach mehreren stunden (wieder) halbwegs wach. dann werden sie unruhig, lassen sich mitunter nur schwer beruhigen. manche werden auch erst dann wieder ruhig, wenn ihnen die kraft ausgeht.

im letzten nachtdienst habe ich ein solches kind betreut. frühgeburt in der 30. woche, leichte respiratorische anpassungsstörung, etwa 17 stunden alt. die kleine dame war, als ich sie vom tagdienst übernommen habe, noch müde und schlapp. sie ist beim wickeln kaum wach geworden, wollte nicht am teestäbchen saugen, man konnte sie hin und herdrehen und lagern, war ihr alles egal. nicht mal die blutabnahme, für die ich sie am abend stechen musste, hat sie gestört.

erst kurz nach mitternacht ist sie aufgewacht. und hat gleich mal vollgas gegeben (= lautstark geweint).  im idealfall führt man die pflege bei so „frischen“ und unruhigen kindern zu zweit durch. einer hält das kind, gibt ihm begrenzung und sicherheit, während der andere pflegt. leider war das zu dem zeitpunkt nicht möglich. schade, denn sie hätte das gebraucht.

naja, jedenfalls, ich hab sie gewickelt, ihr essen und den schnuller angeboten und sie umgelagert. aber sie war danach noch immer unruhig. erst nach einer ausgiebigen hand- und fußmassage hat sie sich beruhigt und ist eingeschlafen.

als ich noch in der ausbildung war, habe ich mal ne schwester gefragt warum viele kinder stunden nach ihrer geburt so unruhig werden. diese frau war sehr erfahren und etwas esoterisch veranlagt (was ich ja ehrlich gesagt nicht so bin). trotzdem fand ich ihre worte schön, und irgendwie wahr.

sie sagte, die kleinen sind einfach noch nicht wirklich hier und müssen erst ankommen. sie werden plötzlich und viel zu früh aus ihrer gewohnten umgebung gerissen. in der „neuen welt“ ist alles anders. keine schützende gebärmutter. viele neue, ungewohnte und vor allem viel lautere geräusche. helles, blendendes licht. berührungen. atmen. es ist alles neu. das muss verarbeitet werden. und das braucht eben seine zeit.

sie meinte, es ist unsere aufgabe, die kinder willkommen zu heißen und ihnen zu zeigen, dass nicht alles in dieser neuen welt schlecht und unangenehm ist.  🙂

tim und tom

11. Februar 2011

tim und tom wurden in der 31. schwangerschaftswoche geboren. wenige stunden nach ihrer geburt durften sie bereits zu uns. tim, mit fast 1200g der größere von beiden, war von anfang an immer stabil, hat nie sauerstoff oder atemhilfen gebraucht. tom, mit 900g deutlich zu klein für die woche, war eher das sorgenkind. obwohl es ihm eigentlich auch nie wirklich schlecht ging, er brauchte nur etwas sauerstoff in den ersten tagen.

beide entwickelten sich gut. nach wenigen tagen haben beide begonnen ihre mahlzeiten mit begeisterung selbst zu trinken. tom, der kleinere, schaffte nach einer woche sogar schon jede 2. mahlzeit komplett selbst. auch tim trank 1-2mal am tag seine ganze flasche selbst aus.

die eltern von tim und tom waren überglücklich zwei so süße und tapfere jungs zu haben. sie waren täglich viele stunden da und versorgten ihre beiden mit viel liebe und sorgfalt.

als die beiden 2 wochen alt waren, entwickelte tim plötzlich eine schwere, frühchentypische komplikation, eine NEC. sein darm entzündete sich und perforierte. er wurde operiert. die kaputten darmteile mussten entfernt werden und er bekam einen künstlichen darmausgang. nach der op wurde er direkt auf die intensivstation gebracht. es ging ihm wirklich sehr schlecht und er war sehr instabil. nach einigen tagen schien es bergauf zu gehen.

10 tage nach der op dachte man schon daran, tim zu extubieren, als sich sein zustand wieder drastisch verschlechterte. tim wurde ein zweites mal operiert, da man den verdacht hatte, dass weitere teile des darmes abgestorben sein könnten. dieser verdacht bestätigte sich.

in den folgenden tagen ging es tim immer schlechter. seine nieren arbeiteten kaum noch. er war nur schwer stabil zu halten. sein herzchen wurde immer schwächer.

wieder einige tage später war tim dem tod näher als dem leben. trotz maximaler intensivtherapie. langsam wurde klar, tim wird es nicht schaffen.

an einem mittwoch war es soweit. die eltern der zwillinge waren gerade bei uns an der station und haben mit tom gekuschelt. da rief die intensivstation bei uns an. wir sollten die eltern rüber schicken. es war wohl mit eines der schlimmsten dinge, die ich jemals zu eltern sagen musste. die intensivstation hat angerufen. tim geht es sehr schlecht. sie wussten, was das bedeutet. der endgültige abschied war nahe. die eltern legten tom wieder in sein bett und gingen zu tim.

an diesem tag kamen sie nicht wieder. ich wusste, was das bedeutet.

tims tod hat mich mehr mitgenommen, als ich es eigentlich zulassen wollte. ich habe die zwillinge am tag ihrer geburt von der intensiv übernommen und oft betreut. ich habe tim mit der akuten NEC in den OP gebracht. ich habe den eltern gesagt, dass tims tod unmittelbar bevor steht. ich habe tom im arm gehalten, als sein bruder starb.

es ist wirklich schwer, die richtige mischung zwischen nähe und distanz zu finden. aber für die eigene psyche ist distanz wohl die bessere lösung.

tom ist heute etwa 3 jahre alt und entwickelt sich bestens. vor wenigen monaten hat er eine gesunde kleine schwester bekommen.