mythos magensonde

irgendwie ist es mir grad ein bedürfnis euch etwas über die ernährung von frühchen zu erzählen. möglicherweise deshalb, weil die mutter im letzten posting bei manchen von euch in ungnade gefallen zu sein scheint. aber primär nicht deshalb, weil sie ihrem kind die flasche (und das damit verbundene geschmacks- und saugerlebnis) verweigert – um das es mir eigentlich ging – sondern weil sie ihrem kind etwas anderes „schlimmes“ antut, nämlich die magensonde. zur (teilweisen) rettung des rufes dieser stillwütigen mutter muss ich euch aber sagen, dass dieses kind sowieso (auch) über die magensonde ernährt wird.

praktisch alle frühgeborenen haben eine magensonde liegen. dieser dünne schlauch wird entweder über die nase, oder (wenn nicht anders möglich) über den mund bis in den magen vorgeschoben. das stört die meisten kinder kaum. auch wenn man sich das nicht vorstellen kann. klar kommt es vor, dass ein kind beim magensonde legen weint oder unruhig ist. angenehm ist es wohl nicht. und es kitzelt in der nase. aber es ist in wenigen sekunden erledigt und sicher viel weniger anstrengend und unangenehm, als das legen eines venösen zugangs. übrigens ist magensonde legen bei uns reine schwesternaufgabe und gehört für uns zum alltag, wie das wickeln und füttern der babys.

das magensonde legen beim frühchen bzw. säugling ist nicht zu vergleichen mit dem magensonde legen bei erwachsenen. für erwachsene ist es deutlich unangenehmer und wird deutlich schlechter toleriert. deshalb werden erwachsenen dafür mitunter sogar leicht sediert. (hab ich mir sagen lassen.)

ihre erste magensonde bekommen frühchen entweder direkt bei, oder unmittelbar nach der erstversorgung gelegt.

wozu? nun, zum einen werden frühchen, je nach schwangerschaftswoche, zustand usw., in den ersten tagen, wochen oder auch monaten darüber ernährt. eh klar.

zum anderen kontrolliert man damit vor jeder mahlzeit, wie gut die kleinen ihre milch verdaut haben. die farbe, menge und beschaffenheit der magenreste (also der flüssigkeit, die vor der mahlzeit noch im magen ist), gibt aufschluss darüber, wie gut die verdauung des frühchen funktioniert. der frühchen-darm ist eben noch unreif, und eigentlich noch nicht dafür gemacht milch zu verdauen. und da kann es schon mal zu problemen kommen. um erste symptome drohender komplikationen, die möglicherweise sogar eine operation nötig machen würden, möglichst früh zu erkennen, muss man die magenreste im auge behalten. zusammen mit dem gesamteindruck, den das kind macht. eh klar.

wenn ein frühchen eine magensonde hat, heißt das nicht, dass es nicht trinken darf. im gegenteil. vom ersten tag an sollen die kleinen ihre noch schwache saugmuskulatur trainieren. dafür gibt es mehrere möglichkeiten. zum beispiel ein wattestäbchen, das in milch oder tee getränkt ist. oder der schnuller. oder stillen, bzw. an der brust nuckeln. oder die flasche.

neben dem training ist es auch wichtig, dass die kinder ihre milch schmecken und so kennenlernen können. das ist eine angenehme erfahrung, die den kleinen würmern in ihrem (oft nicht so angenehmen) alltag auf der neonatologie gut tut.

aber auch wenn ein kind schließlich kräftig genug ist, um einige male an der brust oder der flasche zu saugen, heißt das noch nicht, dass es trinken kann. dazu gehört nämlich auch noch die koordination zwischen saugen, schlucken und atmen. und das ist auch sehr anstrengend. auch die ausdauer darf man nicht vergessen. wenn ein kind 4 oder 5 mal kräftig saugen kann, dann ist das wirklich toll, aber es reicht eben nicht aus, um eine ganze mahlzeit selbst zu trinken.  

trinken lernen ist also keine einfache sache für frühchen. und es spielen sehr viele faktoren eine rolle. es kann auch tage geben, in denen man bewusst keine trinkversuche macht. zum beispiel dann, wenn das kind sehr mit der atmung zu kämpfen hat. dann ist trinken schlicht nebensache und wird auch mal komplett auf eis gelegt. oder kinder, die längere zeit intubiert sind, die müssen natürlich auch erst einiges aufholen.

sind die kinder fit und passt alles soweit, dann macht man etwa 4-6 trinkversuche pro tag (also in 24 stunden). wobei man natürlich immer auf die signale des kindes achtet. zeigt ein kind, dass es jetzt gerade keine lust hat zu trinken, dann muss man das akzeptieren. es hat, wie auch bei größeren kindern, keinen sinn, sie zum essen zwingen zu wollen. motivieren – ja. zwingen – klares  nein.

viele frühchen haben sehr lange eine magensonde. das ist nichts schlimmes. die kinder sind es von anfang an gewöhnt. und auch die eltern gewöhnen sich meistens bald daran.

ja, es kommt öfter mal vor, dass die kleinen es schaffen sich die sonde selbst zu entfernen. aber das tun sie nicht, weil die sonde sie stört (schon deshalb nicht, weil sie sich gar nicht so zielgerichtet bewegen können). es passiert eben manchmal. das ist keine große sache.

fazit: eine magensonde ist keine quälerei und auch kein teufelszeug. es ist eines der vielen dinge, die auf einer station wie meiner ganz normal sind. so wie inkubatoren und beatmungsgeräte, infusionen und monitore.

zum mythos saugverwirrung werd ich mich ein andermal äußern.

Advertisements

Schlagwörter: , , , ,

9 Antworten to “mythos magensonde”

  1. Knutschkugel's Mama Says:

    ich oute mich mal als stille Mitleserin, ich denke jeder Mutter versucht das beste für das eigene Kind zu entscheiden. Ich konnte „nur“ 7Monate stillen, danach bekam meine Tochter halt Milchnahrung aus der Drogerie. Für mich selbst ist es ok gewesen und ich denke man sollte niemanden in ungnade fallen lassen. Grad Früchchen haben es schwerer als die „normal“ geborenen.

  2. cassa Says:

    Ich kann die Skepsis heutiger Patienten und Eltern von Patienten schon verstehen… Ich glaube, viele sind heuter weit weniger „autoritätsgläubig“ als früher. Da wird schneller mal hinterfragt, ob der Experte wirklich die einzig richtige Vorgehensweise kennt oder ob das eigene Bauchgefühl nicht doch richtiger liegt.

    Beispiel aus den 70ern/80ern: Damals war es ja auch völlig normal, die Neugeborenen sofort von der Mutter zu trennen und um Säuglingszimmer zu parken – und Schreien stärkte die Lungen. Alles fachlich kompetent abgesegnet. Nur die wenigsten haben sich getraut, dagegen aufzubegehren (und ich bin mir sicher, dass viele vom Bauchgefühl geahnt haben, dass das nich tgut ist!).

    Heute ist man als Patient also widerspruchsbereiter – da hilft vom Fachpersonal eigentlich nur fachlich gut fundierte und vor allem kommunikativ kompetente Aufklärung. Wenn ich einer Mutter sage „Ja, da haben Sie recht, bei einem reif geborenen Baby ist es in der Regel tatsächlich so, dass Schnuller und Flasche oft überflüssig und störend sind. Aber bei Frühchen müssen wir noch folgendes bedenken, nämlich XYZ und daher ist es hier sogar sinnvoll, Flasche und Schnuller einzusetzen.“ löst das doch eine ganz andere Kooperationsbereitschaft aus als wenn ich sage: „Sie haben keine Ahnung, ich bin hier die Fachfrau. Sie schaden ihrem Kind, wenn sie sich weigern, unterschreiben sie mir gefälligst, dass das auf ihre Verantwortung geschieht“.

    Und all die zynischen, giftigen Kommentare zum letzten Artikel bewegen sicher erst recht keine Mutter, den Rat der Schwestern anzunehmen…

  3. remis Says:

    Eine Magensonde durch die Nase hatte ich „damals“ irgendwann in den Tagen nach Weihnachten ’75 auch bekommen, allerdings vom niedergelassenen Kinderarzt. Ich war kein Frühchen, habe aber selbst erfahrene Kinderkrankenschwestern, die meine Mutter zu nächst für unfähig erklärt hatten, in die Verzweiflung getrieben. Über mehrere Wochen haben mich dann meine Eltern alle 4 Stunden über eine Sonde ernährt. Erst als ich genügend Speck angefüttert bekommen hatte, wurde sie entfernt. Als der Hunger dann zu groß wurde habe ich auch die „normale“ Flasche akzeptiert. Muttermilch gab’s nicht, da die Milchbildung bei meiner Mutter nicht funktionierte.

  4. golm1512 Says:

    Zu meiner Zeit- daaaaamals- haben Krankenschwestern die Magensonden- nicht zu verwechseln mit der PEG-Sonde- auch bei Erwachsenen gelegt. Das gehörte zur fast täglichen Aufgabe und war selten ein Problem. Auch Erwachsene tolerieren das Legen in der Regel ganz gut. Allerdings DENKEN Erwachsene dabei und manche wollen einfach keine.
    Gut, aber heute wird man wahrscheinlich die wenigsten Sonden bei Erwachsenen durch die Nase legen, sondern auf die gute PEG zurückgreifen. Die Diskussion darüber erspare ich euch jetzt.

  5. Blogolade Says:

    Ich stelle mir das mit den Wattestäbchen eklig vor, hat das Baby da nicht Fusseln im Mund oder sind die nicht mit den handelsübliche zu vergleichen?

    • Hajo Says:

      ich kenn‘ das, wenn ein (erwachsener) Patient nach einer Operation nichts trinken darf, dann benetzt man die Lippen auch mit Hilfe von Wattestäbchen.
      .. und da bleibt auch nichts hängen bzw. es ist belanglos 😉

  6. rockige Says:

    Mir ist die Funktionsweise der Magensonde, die Anwendung bei Säuglingen durchaus noch geläufig (so lang ists bei uns auch nicht her). Und das ein Baby sich eher zufällig die Sonde rauszieht ist mir ja auch klar… sorry, ich hatte im entsprechenden Kommentar vergessen einen zwinkernden Smiley anzuhängen.
    Diese Magensonden gehören einfach zur Frühchenintensiv, ich kenne so gesehen kein anderes Bild.

    In punkto Geschmackserlebnis, trainieren des saugens und schluckens gebe ich dir auch recht. Ich hätte vielleicht eher im Kommentar zu deinem vorherigen Post schreiben sollen das ich Eltern nicht verstehe die aus purem Egoismus und einseitiger Information durch XYZInformationsquelle nicht sehen (wollen) was wirklich wichtig ist. Und (meiner Meinung nach) ist es piepegal ob die Eltern Veganer sind, Flaschen verteufeln, oder oder oder… solche Einstellungen sollten Eltern einfach zurückschrauben wenn es um das Leben und die Gesundung ihres Kindes geht. Die Würmchen liegen ja nicht zum Spaß auf der Frühchenintensiv.

    Bin dann mal weg,…. Kind bespaßen…

  7. Anne Says:

    Vielen Dank für die umfangreiche Aufklärung, Natalie. Ich hab noch keine Kinder, lese aber trotzdem sehr gespannt mit ;-).
    Was die in Ungnade gefallene Mutter betrifft: ich hatte eher das Gefühl, dass die Leute nicht mit der Magensonde an sich ein Problem haben, sondern eher mit der künstlichen Ernährung, sprich dem „Chemiecocktail, den ihr den armen wehrlosen Kindern da einflößt“. Dabei ist es doch Muttermilch bzw. Milchersatz, den auch nicht-Frühchen von nicht stillenden (nicht stillen könnenden) Müttern erhalten, oder?

    • rockige Says:

      (ich quetsch mich kurz mal dazu)
      Als meine Tochter auf der Frühchenintensiv lag, gab es 2 Sachen zur Auswahl: meine Muttermilch (durfte erst nicht wegen Medikamenten, später gings nimmer da der Milchfluss stoppte) oder eine spezielle künstliche Milch für Frühgeborene und untergergewichtige Säuglinge. Und ich bin vollkommen überzeugt von dieser Frühchenmilch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: