immer erst den eigenen puls fühlen

es ist nachtmittag und somit auch besuchszeit. während ich bei einem kind stehe und es pflege, beobachte ich aus dem augenwinkel, wie das kind auf der nachbarposition friedlich auf dem arm seiner tante schläft. die mutter sitzt auch dabei. die beiden unterhalten sich angeregt über die jüngste gewichtszunahme des kleinen zwerges. ich konzentriere mich wieder auf meine arbeit.

etwas später bemerke ich, wie die mutter der tante hektisch das kind aus dem arm nimmt. die tante greift sich immer wieder an den kopf, wirkt plötzlich sehr blass. offensichtlich gehts ihr nicht gut. das passiert öfter mal. die besucher sind aufgeregt, haben vielleicht heute nicht viel gegessen, dann diese doch sehr technische und „intensive“ umgebung, klimaanlagenluft, krankenhausgeruch. das alles führt in mehr oder weniger regelmäßigen abständen dazu, dass jemandem schlecht oder schwindelig wird (oder beides).

also hab ich mich gleich ungefragt auf den weg gemacht und der tante ein glas wasser und einen feuchten, kühlen lappen gebracht. sie bedankt sich und meint, es würde schon wieder gehen. wir vereinbaren, dass sie noch ein paar minuten sitzen bleiben und dann einen kaffee (oder was auch immer) trinken gehen. so weit, so gut.

ich wende mich also wieder meiner arbeit zu und gehe den notfallwagen auffüllen. keine 5 minuten später: „schwester! schnell!“, die mutter, die ihr kind im übrigen noch immer am arm hat, trippelt nervös von einem fuß auf den andern. die tante ist offensichtlich gerade am kollabieren. wie in zeitlupe rutscht sie aus dem stuhl. ich bin gerade noch rechtzeitig bei ihr, um den kopf abzufangen, bevor er auf den boden geknallt wäre. mutter: „oh mein gooott, susi, mach doch die augen auf! komm schon! schwester, die susi hat einen herzfehler!“

das auch noch. so. und plötzlich wird mir bewusst, dass das mein erster notfall seit jahren ist, bei dem ich keinen monitor vor der nase habe, der mir sagt ob mein patient atmet, wie herzfrequenz und sättigung sind und mit dessen hilfe ich mal eben schnell blutdruck messen kann. und das auch noch bei einem erwachsenen. also, was muss ich jetzt noch gleich tun???

als erstes kommt immer der hilferuf. also hab ich nach einer kollegin gerufen, die auch gleich bei mir war. ansprechen, schmerzreiz. keine reaktion. eine zweite kollegin kommt dazu. ich schicke sie das mobile pulsoxy holen (ja, ohne technik bin ich verloren). atemwege frei machen und nach kreislaufzeichen suchen. ich weise die andere kollegin an, nach dem puls zu suchen. ich überprüfe die atmung. das ist echt nicht einfach. ich bin mir nicht sicher, ob sie atmet. die kollegin hat den puls gefunden. ich bitte sie, die atmung zu prüfen. das pulsoxy ist da. ich monitiere die patientin. puls regelmäßig um die 50. ist das gut? wie waren nochmal die normwerte bei erwachsenen? sättigung 85%. die kollegin hat atmung festgestellt. also stabile seitenlage. eine kollegin ruft einen arzt dazu. er will einen zugang legen und volumen geben. außerdem sauerstoff. ich sage ihm, dass die frau laut aussage der mutter einen herzfehler hat. welchen kann sie uns aber nicht sagen. beim zugang legen wird die frau munter, ist aber sehr benommen.

so. nun ist die situation soweit im griff. ganz klar ist, dass die frau sofort in die notfallambulanz und untersucht werden muss. nur, wie machen wir das jetzt? alleine mit einem träger kann man die frau nicht rüber schicken. zu gefährlich. wir dürfen auch nicht mitgehen. also mal auf der notfall anrufen und fragen. sie kommen sie holen.

alles in allem ist es gut gelaufen für die frau. die situation ist recht ruhig und routiniert abgelaufen. dennoch gibt es ein paar dinge, über die wir uns nachher in der gruppe gedanken gemacht haben.

– was wäre gewesen, wenn wir sie bebeuteln hätten müssen? erschreckend, aber wahr: wir haben keinen erwachsenen-ambu an der station. auch keine maske. nichtmal eine sauerstoffmaske. wir sind nur für säuglingsnotfälle ausgelegt. das heißt, wir hätten die frau entweder mit einem säuglingsambu, oder mund-zu-mund beatmen müssen, bis das rea-team da ist. intubieren hätten wir sowieso vergessen können, da unser größer tubus ein 5.5er ist. das hätte also auch erst das rea-team tun können.

– wir haben keine blutdruckmanschetten für erwachsene.

– wir haben zwar einen defi (kann man den überhaupt auch für erwachsene verwenden? – keine ahnung), aber keine ekg-elektroden für erwachsene.

– wir haben keine viggos für erwachsene. naja, jedenfalls nicht viele. wir haben genau 1 rosa und 1 grünen viggo im notfallwagen. eigentlich gedacht sind sie für die notfallmäßige entlastung von pneus bei säuglingen.

– wir haben überhaupt kein training für erwachsenen-notfälle.

– wir sind total auf unsere technik angewiesen.

alles punkte, an denen wir arbeiten werden.

der tante susi gehts übrigens wieder gut. sie war eine nacht zur beobachtung aufgenommen. gefunden wurde aber nix, sagt die mutter.

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12 Antworten to “immer erst den eigenen puls fühlen”

  1. Kevin, lass de Finger von de Viagra… « Alltagimrettungsdienst Blog Says:

    […] ich aber dran bin, kommt die nächste Untersuchung auf der Station. Da fällt mir der Bericht von Neonatalie ein, die in einem Beitrag geschrieben hatte, dass sie einen Erwachsenen-Notfall auf der Station […]

  2. Ruby Says:

    Sehe das jetzt auch nicht so hart.
    Aber zumindest nen Grundlegender Notfall/Reanimationskoffer sollte schon vorhanden sein.
    Und ganz wichtig der nen Beutel.
    Also zumindest beim BLS Kurs in meinem Zivi war eine der Botschaften: Innerhalb der Klinik werden Patienten nicht Mund zu Mund beatmet.

  3. mia Says:

    Ich find, Ihr habt eben im Rahmen Eurer Möglichkeiten gehandelt. In einem Erwachsenenkrankenhaus (also ohne Kinderabteilung) wärs umgekehrt sicher genauso.

    Kleines Beispiel: meine damals grad einjährige Tochter hatte sich ausgerechnet den Bordstein für ihre Hopsversuche (sie hatte grad Laufen gelernt) ausgesucht, und knallte volle Lotte auf die Kante.

    Köpfchen blutete, Kind brüllte, Mama raste mit Opa (der fuhr) ins nächstgelegene Krankenhaus. Hier ist Dorf, das nächste Krankenhaus mit Kinderklinik ist 16 km weg, unser Krankenhaus dagegen nur 3 km.

    Wir kammen da an, und bei der Anmeldung an der Ambulanz meinte die Dame dort:
    „auf Kinder sind wir nicht eingerichtet, Sie müssen bitte ins Klinikum xy fahren.“ Glücklicherweise kam in dem Moment ein befreundeter Arzt vorbei, der hat uns dann doch drangenommen. Sie haben die Kurze dann untersucht (der gings schon wieder blendend)Es war nur ne Platzwunde, sie hat nichtmal gespuckt.

    Von daher- man kann nicht überall auf alles eingerichtet sein, und selbst, wenn mans sein sollte, ist mans nicht. Und wenns nun ne Aufrischung in Erwachsenen-Notfällen gibt, umso besser 🙂

    Lg und frohe Ostern
    mia

  4. Lexi Says:

    Ein Beispiel dazu:Meine Schwägerin ist Kinderkrankenschwester,bzw. war es bevor ihr Kind geboren wurde.Meine Schwiegermutter ruft sie ständig an,um ihre Krankheitsbilder und ärztliche Diagnosen mit meiner Schwägerin zu diskutieren.
    Das kann ich gar nicht nachvollziehen und meine Schwägerin auch nicht.Das ist eben nicht ihr Fachgebiet und Ärztin ist sie eh nicht.
    Und so sehe ich das bei euch auch.Ähnlich als wenn ich in ein großes Kaufhaus gehe und in der Schuhabteilung eine CD verlange.Falsche Abteilung halt.
    Also macht euch keinen Kopf.Man kann nicht verlangen,das ihr auf Erwachsene eingestellt seid.Ihr macht nen super Job.Weiter so bitte.

    liebe Grüße Lexi

  5. sakasiru Says:

    ich stimme den Vorpostern da zu. Was ich empfehlen würde (auch um eurer eigene Unsicherheit entgegenzutreten) wäre ein Erste-Hilfe-Auffrischungskurs für Erwachsene. Mit dem Wissen solltet ihr dann gut die Zeit überbrücken können, bis ein Arzt aus der Notfallambulanz da ist.
    Niemand verlangt von euch, dass ihr die entsprechende Ausrüstung vorrätig haltet. Ihr seid eine Station für Säuglinge, und der Rest, vom Ambubeutel bis zum OP samt dafür ausgebildetem Personal, ist glücklicherweise nicht weit entfernt.

  6. cassa Says:

    Ich sehe das weniger tragisch. Wenn die Frau im Büro, im Restaurant, daheim oder sonstwo umkippt, dann ist das ganze Zeug ja auch nicht vor Ort. Ihr seit nun mal eine Intensivstation für Säuglinge und kein Multi-Situations-Notfall-Auffangbecken…

    Ihr könnt einfach nicht auf alles und jeden vorbereitet sein.

    Also: Erste Hilfe im normalen Rahmen (die du sicher immer noch besser kannst als der Durchschnittsbürger draußen im Freien) und dann ab zum zuständigen „Erwachsenenarzt“ (bzw. der zu euch hin)…

  7. alltagimrettung Says:

    Ich finde, ihr habt gut gehandelt. Die Möglichkeiten, die ihr hattet, habt ihr genutzt. Die Frage die daraus entsteht, ob es nicht sinnvoll wäre..euch vielleicht mal einen Auffrischungskurs in Sachen Erwachsene zu geben. Und so ein Einmalbeatmungsbeutel für Erw. ist nicht teuer. Und natürlich ist der Defi auch für Erw. benutzbar. Und wie Hajo schon schreibt, macht euch nicht zusehr nen Kopf..ihr macht super Arbeit.

  8. retterweblog Says:

    Notfallkoffer für Erwachsene in den Flur gehängt. Kostet kaum was… Klar, dass man nicht immer für alles zuständig sein kann, aber sieht auch schon doof vor anderen aus, wenn in einer Klinik nicht richtig geholfen werden kann. Und das „Erweiterungsset Erwachsene“ kostet ja kaum was. Ist ja zu 95% nur Verbrauchsmaterial. Das teuerste dürfte der Koffer sein 😉

  9. Nina Says:

    Ich sehe das wie Boxi. Man kann nicht auf alle Eventualitäten des Lebens vorbereitet sein, auch nicht / schon gar nicht? in einer Klinik, wo alle so spezialisiert sind.

    • Wolfram Says:

      Ich häng hier mal nur grad an, weil das ein Beispiel ist für die Unlogik in der Kommentardarstellung. Boxis Kommentar rutscht damit weiter nach unten, daß ich hier antworte – und der Leser von Ninas Kommentar fragt sich: was sagt denn Boxi?
      Wenn Ninas Kommentar unter Boxis Kommentar stünde, wäre der Leser ebenso im Bilde beim Lesen von Ninas Kommentar, wie sie es beim Schreiben gewesen ist.
      (Natürlich hätte auch Nina auf „Antworten“ klicken können, aber daran denken eben viele nicht.)

      zum Thema: ein Kleintierarzt ist sicher auch nicht auf Löwen über Stubenkatzengröße eingerichtet und würde Schwierigkeiten haben, eine Großkatze richtig zu behandeln. Aber zumindest wenn seine Praxis neben einem Tierpark ist, würde er sicherlich dann und wann mal ein wenig darüber lesen und vielleicht versuchen, eine Spur Praxiserfahrung zu bekommen.
      In diesem Sinn finde ich es gut, wenn ihr eure Kenntnisse in Ersthilfe bei Erwachsenen auffrischt. Die kleinen technischen Hilfsmittel kann man sicher von der Verwaltung genehmigt bekommen – und vielleicht ist es ja gar nicht so eine schlechte Übung, wieder mal ohne technische Hilfsmittel das Leben in einem Menschen zu suchen und zu finden.

  10. boxi Says:

    hm, man kann es aber auch anders herum fragen: hättet ihr besser vorbereitet sein müssen? benötigt man auf eurer station eine sauerstoffmaske, blutdruckmessgerät etc für erwachsene? klar ist das passiert, aber ist das risiko bei euch denn wirklich höher als an anderen einrichtungen? in einem großraumbüro gibt es all sowas ja auch nicht und irgendwie scheint es auch zu gehen.

    naürlich ist es besser wenn man darauf vorbereitet ist und es wäre fatal das erlebte nun nicht zur verbesserung der situation zu nutzen. aber ihr seid halt auch eben keine notfallstation.

    im grunde können ja auch noch andere dinge passieren. wie geht ihr mit menschen um, die einen epileptischen anfall haben? seid ihr auf aggressionen von besuchern vorbereitet? zumindest gedanklich? vielleicht kann man sowas auch größer „anlegen“, ein „notfall knopf“ und 2-3 ärzte/schwestern/pfleger sind in 2min da, also für das ganze haus.

    und falls ihr wirklich öfters probleme wegen sauerstoff & co habt, sollte man vielleicht versuchen die ursache zu bekämpfen (falls ihr das könnt, bzw. vielleicht zumindest ansprechen)… -aus der uni-klinik-leipzig ist mir ein gehäuftes „umkippen“/unwohlsein nicht bekannt.

    liebe grüße und weiterhin gutes gelingen..

  11. Hajo Says:

    Bitte nicht böse sein, aber das ist m.E. ein klarer Fall von Fachidiotentum. Allerdings frage ich mich, ob die „kurzen“ Wege in Eurer Klinik so lang sind, dass man sich nicht darauf verlassen kann, dass in einem solchen – sicherlich seltenen – Fall nicht kurzfristig ein Arzt zur Verfügung steht. Es war doch nicht in der Nachtschicht, oder?
    Gut, solche Dinge passieren, auch wenn die Auswirkungen fatal sein könnten. Du hast es ja bereits angedeutet: Wichtig ist jetzt nur, daraus zu lernen.
    Wie geschrieben: das ist kein Vorwurf an Dich und Deine Kolleginnen. Ihr macht auch so einen sehr guten Job und das kommt auch in Deinen Beiträgen immer wieder heraus.
    Liebe Grüße
    Hajo

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