ankommen

die geburt ist für ein kind eine ganz schön anstrengende sache. besonders für frühchen.

die kleinen sind nach der erstversorgung unmittelbar nach der geburt erstmal ganz schön ko und brauchen sehr viel ruhe. je nach woche und allgemeinzustand werden sie erst nach mehreren stunden (wieder) halbwegs wach. dann werden sie unruhig, lassen sich mitunter nur schwer beruhigen. manche werden auch erst dann wieder ruhig, wenn ihnen die kraft ausgeht.

im letzten nachtdienst habe ich ein solches kind betreut. frühgeburt in der 30. woche, leichte respiratorische anpassungsstörung, etwa 17 stunden alt. die kleine dame war, als ich sie vom tagdienst übernommen habe, noch müde und schlapp. sie ist beim wickeln kaum wach geworden, wollte nicht am teestäbchen saugen, man konnte sie hin und herdrehen und lagern, war ihr alles egal. nicht mal die blutabnahme, für die ich sie am abend stechen musste, hat sie gestört.

erst kurz nach mitternacht ist sie aufgewacht. und hat gleich mal vollgas gegeben (= lautstark geweint).  im idealfall führt man die pflege bei so „frischen“ und unruhigen kindern zu zweit durch. einer hält das kind, gibt ihm begrenzung und sicherheit, während der andere pflegt. leider war das zu dem zeitpunkt nicht möglich. schade, denn sie hätte das gebraucht.

naja, jedenfalls, ich hab sie gewickelt, ihr essen und den schnuller angeboten und sie umgelagert. aber sie war danach noch immer unruhig. erst nach einer ausgiebigen hand- und fußmassage hat sie sich beruhigt und ist eingeschlafen.

als ich noch in der ausbildung war, habe ich mal ne schwester gefragt warum viele kinder stunden nach ihrer geburt so unruhig werden. diese frau war sehr erfahren und etwas esoterisch veranlagt (was ich ja ehrlich gesagt nicht so bin). trotzdem fand ich ihre worte schön, und irgendwie wahr.

sie sagte, die kleinen sind einfach noch nicht wirklich hier und müssen erst ankommen. sie werden plötzlich und viel zu früh aus ihrer gewohnten umgebung gerissen. in der „neuen welt“ ist alles anders. keine schützende gebärmutter. viele neue, ungewohnte und vor allem viel lautere geräusche. helles, blendendes licht. berührungen. atmen. es ist alles neu. das muss verarbeitet werden. und das braucht eben seine zeit.

sie meinte, es ist unsere aufgabe, die kinder willkommen zu heißen und ihnen zu zeigen, dass nicht alles in dieser neuen welt schlecht und unangenehm ist.  🙂

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15 Antworten to “ankommen”

  1. Die Streunerin Says:

    Das gleiche hat meine Hebamme mir auch gesagt. Aber ich denke das betrifft nicht nur die frühgeborenen. Sowohl bei meinem Erstgebornen der 11 Tage übertragen war (natürliche Geburt) als auch bei meinen kleinen, der 7 tage vor terin per Kaiserschnitt geholt wurde dauerte es 10-14 Tage bis sie meines Erachtens angekommen waren. Sie brauchten wahnsinnig viel Körperkontakt in der ersten Zeit sonst wurden sie schnell unruhig.
    Aber ich denke diese Zeit sollte jede/r Mutter/Vater ihrem Kind geben. Denn grade das festigt meiner Meinung nach das Vertrauen des Kindes zu den Eltern gleich zu beginn.

  2. Pharmama Says:

    Hallo neonatalie,
    für Dich: Eine Tafel Schokolade zum Selbstzusammenstellen (siehe Info auf meinem Blog) – ich hoffe, sie kommt gut an!

  3. Christine Says:

    Liebe Natalie,
    Dein Blog und Deine Arbeit auf der neonatologischen Station haben mich stark beeindruckt, und Deine Postings sind mir teilweise doch sehr zu Herzen gegangen.
    Eine Freundin von mir hat vor kurzem erst ihr Baby verloren, und da kam mir die Idee etwas speziell für Eltern zu machen, die ein „Sternenkind“ haben.
    Schau mal hier:
    http://kunstundglas-nowayout.blogspot.com/2011/03/sternenkinder.html
    Alles Liebe für Dich und Deine Arbeit und viele Grüsse vom anderen Ende der Welt
    Christine

  4. cassa Says:

    Ich denke auch, da ist was dran. Mein Sohn war direkt nach der (eingeleiteten) Geburt recht geschockt (sprich: hat geschrien und brauchte lang, sich zu beruhigen). Von da an hat er an mir geklebt wie die sprichwörtliche Klette. Kopf auf Mamas Oberkörper, Ohr am Brustkorb, Nase in die Haut gegraben… Nur so war er ruhig. Jetzt mit einem Jahr ist er auch langsam ganzheitlich angekommen und kann mich „loslassen“. Er braucht mich nicht mehr als Strohhalm, an den er sich klammern muss, er steht wortwörtlich fest mit beiden Füßen in dieser Welt. Solche Wortspiele haben schon einen wahren Kern, finde ich….

  5. Cris Says:

    Ich denke auch dass die Seele erst mal ankommen muss, mein Sohn war keine Frühgeburt, und seine Seele hat 10 Tage gebraucht bis sie da war….erst danach war er ein „ganzes Kind“

    Darf ich mal eine Frage stellen, so eine Art Beratung über den Blog?

    Was für Schnuller bekommen die Babys? Symetrisch oder assymetrisch? Latex oder Silikon?

    Lieben Dank

    Cris

    • neonatalie Says:

      wir haben sowohl symmetrische (aus silikon) als auch anatomische (aus latex und silikon).

      die schnuller für die kleinsten unserer patienten sind anatomische aus latex. die anderen wären im verhältnis zum baby einfach zu lang und würden einen würgereflex auslösen.
      wir steigen aber möglichst (wenn die größe passt) bald auf die symmetrischen aus silikon um, da sie eben länger sind und man damit den saugreflex besser auslösen kann (ganz wichtig für frühchen, um die saugmuskulatur zu trainieren). und meistens bleiben wir dann auch dabei.

      wir bevorzugen die symmetischen aus silikon auch deshalb, weil sie für uns besser zu reinigen und daher hygienischer sind. außerdem hält das material länger.

      das heißt aber nicht, dass die symmetischen besser sind. jeder schullertyp hat seine vor- und nachteile. für die bedürfnisse unserer patienten passen sie einfach besser.

  6. souly Says:

    also das klingt super… nur das mit den geräuschen muss gar nicht so ganz stimmen, habe mal in irgendeinem eltern-magazin gelesen, dass die kleinen im bauch so einen lautstärke-pegel ertragen müssen, dass es für uns so wäre, als wenn wir uns an ein bahngleis stellen auf dem gerade ein güterzug durchrauscht. deshalb würde die kleinen lautstärke nicht mal wirklich stören…

    • neonatalie Says:

      ja du hast recht, auch im bauch ist es nicht leise.
      aber die geräusche außerhalb des bauches sind anders. erstens sind sie nicht durch das fruchtwasser gedämpft. zweitens sind sie nicht kontinuierlich (wie z.b. mamas herzschlag, darmgeräusche usw) und drittens, wenn ein kind bei uns liegt, dann ist es mit vielen geräuschen konfrontiert, die nicht „normal“ sind. wie diverse gerätealarme zum beispiel.

  7. shortend Says:

    Habe gerade Tränen der Rührung in den Augen. Das sind wirklich schöne Worte.

  8. Tobias Says:

    Schöne Worte deiner Kollegin!

  9. Jane Doe Says:

    ich glaube sie hatte damit vollkommen recht, auch wenn ich nicht esoterisch angehaucht bin denke ich dass es genau dass ist, was den kleinen zu schaffen macht

  10. Mela Says:

    Dem kann ich auch nur zustimmen! Unsere Zwillingsmäuse haben nach langwieriger vorzeitiger Geburtseinleitung und schlußendlich Kaiserschnitt auch fast 4 Monate gebraucht, um auf dieser Welt anzukommen.

    Lg Mela

  11. tanteepa Says:

    Wirklich wahr! Mein Sohnemann hat ganze 6 Monate gebraucht um so richtig „anzukommen“. Ist ja auch gemein, wenn man Dank Einleitung einfach früher aus seiner gemütlichen Behausung geschmissen wird. Die Quittung bekam ich wie gesagt direkt nach der Geburt für 6 Monate (wobei er die 5 Tage im Krankenhaus auch eher groggy war und man alles mit ihm anstellen konnte – ohne Geschrei).

  12. Barbara Says:

    Ach, das ist schön, wieder einmal von dir zu lesen 🙂
    Ich denke, das „Ankommen“ in unserer Welt ist ein ganz wichtiger Bestandteil unseres Werdens.
    Schön, dass Du da warst für die Kleine.
    Liebe Grüße
    Barbara

  13. zuckerzicke Says:

    Das hat sie aber schön gesagt 🙂 und es ergibt auch durchaus Sinn.

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