ein ganz normaler tag, teil 3

teil 2

12:05 uhr: die aufnahme kommt. ich hole das riesen-mädchen (jedenfalls für meine begriffe) aus dem transportinku, lege es zuerst auf die waage, dann ins wärmebett, klebe ihr elektroden auf die brust und den fuß und lege ihr die sauerstoffbrille mit 25%O2 an. zu meiner (positiven) überraschung hat das kind bereits einen zugang. die hebamme erzählt mir kurz was passierte. das kind wurde wegen geburtsstillstand und erschöpfung der mutter per sectio geholt. die mutter hatte für die geburt eine vollnarkose. initial war das kind vital, hat prompt geschrien, in der 5. lebensminute wurde die atmung schlechter, das kind zyanotisch (blau) und schlapper, hat deshalb sauerstoff und flüssigkeit i.v. bekommen. die große hat wohl etwas von der narkose der mutter abbekommen. blute wurden abgenommen, harn hatte das kind bereits bei der erstversorgung, stuhl noch nicht. gemeinsam mit einem oberarzt sehe ich mir das kind erstmal genau an. das kind wirkt insgesamt schlapp, ist aber rosig. am linken oberschenkel hat das kind eine kleine schnittverletzung, sicher von der sectio. is aber nicht schlimm, blutet nur minimalst, ich desinfiziere die wunde und klebe ein pflaster drauf. sonst hat das kind keine verletzungen. der nabelschnurrest ist sehr lang, ich lasse mir eine nabelklemme und eine sterile schere bringen und kürze ihn etwas. außerdem messe ich blutdruck, der ist ok. die atmung ist etwas schnell, aber die sättigung gut, sodass ich den sauerstoff reduzieren kann. der arzt beschließt ein röntgen des thorax machen zu lassen und ruft gleich bei der radiologie an. ich trockne der großen noch etwas die vielen haare am kopf, messe kopfumfang und länge, verpasse ihr eine pampers, decke die maus gut zu und klopfe mal alles in den pc. 10 minuten später steht die dame vom röntgen neben mir, ich helfe ihr kurz, dann ist sie auch schon wieder weg. ich mache noch schnell ein foto und einen fußabdruck, dann lassen wir die große erstmal in ruhe.

12:30 uhr: ich habe hunger! und wie! gemeinsam mit meinen kolleginnen bereite ich unser mahl vor. heute auf der karte: auflaufreste von gestern. klingt nicht so lecker, ist es aber!   bevor ich aber loslege, sehe ich nochmal nach toni. seine atmung ist ruhig und regelmäßig. einem ruhigen essen steht also nichts im wege. während wir essen kommt einer der ärzt zu mir und teilt mir mit, dass anni um 15 uhr im herzkatheterlabor sein soll für die op. ich bitte ihn, ihren eltern gleich bescheid zu sagen. ich sehe noch schnell nach meiner großen aufnahme. sie atmet ruhig, sättigt gut. deshalb entferne ich ihr die sauerstoffbrille. das klappt gut. die blutergebnisse und das röntgen sind da, alles gut.

13:20 uhr: ich gehe zu annis eltern. sie sind nervös. ich sage ihnen, dass sie anni bis vor die türen des op begleiten dürfen und gleich angerufen werden, wenn die op zu ende und anni auf der intensivstation ist. ich überprüfe, ob die handynummern der eltern korrekt sind, lege anni ein namensband an und bereite schonmal alles für den transport vor.

13:30 uhr: marcos mama ist da. ich erzähle ihr kurz, wie seine nacht so war. danach bereitet sie alles fürs baden und wiegen vor, ich bringe ihr frische kleidung für den jungen mann, hänge ihn vom monitor ab und schon geht los. marcos mama ist schon sehr selbstständig, sie braucht keine hilfe bei der versorgung. ich bleibe trotzdem in der nähe, wenn sie was braucht, soll sie sich melden. ich mache noch marcos bett frisch, dann begrüße ich tonis eltern, die gerade an die station kommen. als sie sehen, dass toni (wieder) am IF ist und einen zugang hat, steigen der mutter tränen in die augen. ich erkläre ihr, dass er sich seit der nacht immer mehr angestrengt hat beim atmen, und deshalb nun wieder etwas unterstützung dabei braucht. seit er am IF ist, geht es ihm deutlich besser, mittlerweile braucht er nur mehr 25%O2 und atmet damit schön. die eltern fragen, ob sie trotzdem mit ihm kuscheln dürfen. selbstverständlich, das ist genau das, was er jetzt braucht. aber die flasche werden wir ihm heute nicht anbieten, damit wir ihn nicht überfordern. die eltern sind einverstanden. wir beginnen mit der pflegerunde, sie wickeln toni, gemeinsam machen wir die mundpflege. dann lege ich toni der mutter auf die brust.

13:50 uhr: marcos mama sagt mir stolz das neue gewicht, er hat wieder brav zugenommen. ich klebe ihm neue elektroden auf die brust, die mama zieht ihn an, ich hänge ihn wieder an den monitor und bringe ihr die flasche. danach sondiere ich toni seine mahlzeit.

14:10 uhr: marco ist eingeschlafen. er hatte einige abfälle beim trinken, ist jetzt nach der vielen action ganz ko. baden ist für die kleinen ganz schön anstrengend. deshalb hat er auch nicht sehr viel getrunken. ich sondiere ihm den rest, während die mama muttermilch abpumpen geht.

14:35 uhr: anni ist sehr unruhig, hat immer wieder abfälle. sie spürt die nervosität und anspannung ihrer eltern. der arzt ordnet ein leichtes beruhigungsmittel an, darauf hin schläft sie ein. ich klebe einen kleinen zettel mit den telefonnummern der eltern und dem text „bitte ruf meine eltern an, sobald sie wieder zu mir dürfen“ an annis bett. ich sage meinen kolleginnen bescheid, dass ich dann gleich in den op fahre, marco und toni bei ihren eltern känguruhen und die große schläft.

14:45 uhr: anni, ihre eltern, ein arzt und ich machen uns auf den weg in den op. vor den türen des op können die eltern sich nochmal verabschieden. es fließen viele tränen. eine anästhesieschwester kommt zu uns raus, begrüßt die eltern und versichert, dass sie sich gut um anni kümmern werde. dann fahren wir in den vorraum, annis eltern machen sich wieder auf den weg zur station der mutter. wir übergeben alles wissenswerte an das anwesende personal, ich mache nochmal auf den bitte-anrufen-zettel aufmerksam. dann gehen wir wieder zurück auf die station.

15:00 uhr: wieder zurück an der station. eine kollegin sagt mir, dass der vater der großen hier ist. bevor ich zu ihm gehe drucke ich noch schnell das foto aus und klebe es, gemeinsam mit dem fußabdruck, in eine der eigens dafür gebastelten karten. ich nehme noch eine visitenkarte der station mit und gehe den vater, der gerade fleißig fotos seiner großen macht, begrüßen. ich erzähle kurz, wie es seiner tochter geht, erkläre ihm alle kabel, an die sie angeschlossen ist und was damit überwacht wird. ich übergebe ihm die karte und biete ihm an seine tochter auf den arm zu nehmen. er willigt ein, ich mache mit seiner kamera ein paar fotos von ihm und seiner tochter. sie soll übrigens susanna heißen. das schreibe ich natürlich gleich auf ihr namensschild.

15:10 uhr: schnelle nachmittagsvisite. susanna wird gleich nochmal von einem arzt angeschaut und danach wahrscheinlich wieder zu mutter gehen. die blutabnahmen waren unauffällig. sonst gibts nicht viel zu besprechen.

15:30 uhr: der arzt hat sich susanna nochmal angesehen und mit dem vater gesprochen. susanna soll noch eine stunde bei uns beobachtet werden. wenn sie weiterhin so stabil bleibt, soll sie ins kinderzimmer der gynäkologie gehen. dort bleibt sie für 24 stunden noch per pulsoxy überwacht. susanna ist jetzt auch wach und hungrig. gemeinsam wickeln wir sie, ich entferne ihr den zugang und bringe dem vater ein fläschchen. er füttert ihr 15ml. dabei ist sie stabil. danach verabschiedet sich der vater wieder. er will bei der mutter auf die ankunft von susanna warten. ich schreibe schonmal den transferierungsbericht und lege ihr ein namensband an.

15:45 uhr: toni ist beim kuscheln so stabil, dass ich ihm den sauerstoff auf 21% reduzieren kann. jetzt geh ich erstmal einen tee trinken und merci essen… hihi.

16:30 uhr: ich ziehe susanna an, packe sie in den kinderwagen, schließe sie an einen kleinen transportmonitor an, nehme ihr namensschild und alle wichtigen unterlagen mit und mache mich auf den weg zur gynäkologie. zuvor sage ich natürlich meinen kolleginnen bescheid. da susanna stabil ist gehe ich alleine, ohne arzt. im kinderzimmer angekommen übergebe ich die große einer kinderkrankenschwester und mache mich wieder auf den weg zurück.

17:00 uhr: marco ist wach und hungrig. hätte er geschlafen, hätte ich ihn nur sondiert. aber da er so munter ist, bringe ich der mutter eine flasche zum füttern. bevor ich toni sondiere, machen wir noch einen kuschel-wechsel. jetzt ist nämlich der papa dran, die mama geht in der zwischenzeit abpumpen. außerdem spüle ich seinen zugang und hänge eine frische infusion an. da ich nur 2 kinder habe (der arme nachtdienst, da kommt sicher eine aufnahme), übernehme ich die pflegerunde bei einem der kinder einer kollegin.

17:30 uhr: marco hat doch tatsächlich zum ersten mal die flasche komplett selbst ausgetrunken!! und das auch noch mit wenigen abfällen. die mama ist stolz wie bolle, zu recht. ich gebe alles in den pc ein, schreibe meine berichte. danach gehe ich noch den spritzenwagen, auf dem wir alles gelagert haben, was wir im alltag so brauchen, nachfüllen.

18:50 uhr: der nachtdienst ist schon da. deshalb beginnen wir gleich mit der übergabe. da ich nur 2 kinder habe, bin ich schnell fertig und düse ab nach hause.

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10 Antworten to “ein ganz normaler tag, teil 3”

  1. Allevyn Says:

    Arbeitet ihr im Zwei-Schicht-System? Respekt! Mir sind meine 8h-Dienste auf der Erwachsenen-Überwachung schon mehr als genug.

  2. Morgaine Says:

    Vielen Dank für die Schilderungen, aus denen ganz viel Liebe spürbar ist – ich weiß, das klingt kitschig. Mir sind die ganze Zeit die Tränen in den Augen gestanden. Liegt sicher daran, daß meine eigenen noch so klein sind. Meine Hochachtung (und danke, daß du noch geschrieben hast, wie es Anni gegangen ist)

  3. Viktoria Osthold Says:

    Mich erschreckt gar nicht mal so sehr die hohe Arbeitsbelastung, die auf Pflegepersonal und Ärzten lastet. Das ist inzwischen allgemein bekannt und (leider) in fast allen Bereichen die Regel und nicht die Ausnahme. Ich frage mich bei diesen Schilderungen vielmehr immer und immer wieder, ob Medizin wirklich alles tun muss, was sie tun kann. Wie empfindet die „Handvoll Mensch“ einen solchen Start ins Leben? Diese Gratwanderungen, Entscheidungen über Sein und Nichtsein treffen zu sollen, würde ich als viel schlimmere Belstung empfinden als die langen und vollen Arbeitstage.

  4. Jette Says:

    Ich find’s so süß, dass du der Anni den Zettel ans Bettchen geklebt hat!🙂
    Wirklich schön geschrieben!

  5. payoli Says:

    Nichts gegen Dich, liebe neonatalie, aber mir wird bei so einer Beschreibung fast schlecht und kann mir auch nicht vorstellen, dass solche Tage für Euch gesund sind!
    Das Interesse der Leute an Deinen Schilderungen und deren ‚Spannend‘ erinnert mich fatal an den Magnetismus den auch Horrorfilme, Morde und ähnliche Scheußlichkeiten auf Leute ausüben. Sie ziehen einen zwar total runter, aber die Leute wollen’s dennoch immer wieder.
    Ich bleib da schon weitaus lieber in meinem Paradies 😉
    Dennoch ganz liebe Grüße

    • Nina Says:

      Ach Gottchen, genau, wir sind vom Typ Gaffer, der an jeder Unfallstelle stehenbleibt und die Bildzeitung nach Horrormeldungen abscannt. Nee, is‘ klar.

      Dann mal viel Spaß in Deinem Schubladenparadies!
      GANZ liebe Grüße!

  6. Sabine Says:

    Schon länger lese ich hier im Blog und bin jedesmal erstaunt wie spannend doch so ein anstrengender Arbeitstag rübergebracht werden kann. Bin selbst Kinderkrankenschwester, aber auf Normalstation (von 0 bis 18 Jahre). Weiter so.
    LG

  7. Nina Says:

    Spannend, spannend, spannend! WIE IST ES ANNI ERGANGEN??😉

  8. cara Says:

    Danke für die beiden Dreiteiler! Ich fands voll interessant und habe jetzt so ein richtiges Bild eurer Station „im Normalzustand“ vor Augen.
    Hoffentlich übersteht Anni alles gut. Erfahrt ihr, wie es weitergegangen ist? Berichte doch mal!

    Was ich auch spannend finde, ist, dass ihr offenbar das Stillen sehr fördert – so oft wie du von Müttern berichtet hast, die abpumpen gehen. Ist das die Regel? Und kann man sein Kind bei euch theoretisch voll stillen, wenn es nicht gerade ein Extremfrühchen ist?

    Hmm, das Thema würde vermutlich schon wieder einen eigenen Blogeintrag hergeben… entschuldige meine Neugierde😉

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