ich glaub der spinnt!?

gestern haben wir wieder mal einen patienten aus einem anderen haus zutransferiert bekommen. den kleinen marvin. er ist etwa eine woche alt und wurde in der 28. schwangerschaftswoche geboren. atmen klappt noch nicht so gut, deshalb ist er noch am infant flow (IF) und braucht sauerstoff. auch mit dem verdauen hat der junge mann noch so seine schwierigkeiten.

laut übergabe der kollegin des anderen hauses sind die eltern schon halbwegs in die pflege integriert. sie sind zwar noch recht unsicher, aber sehr engagiert.

soweit, so gut. kurz nachdem die kollegin wieder die heimreise angetreten hatte, waren auch schon die eltern an der station. nachdem ich sie über alles, was man so wissen muss informiert hatte, war es auch schon zeit für die pflegerunde ihres sohnes.

danach war kuschel-zeit. ich habe der mutter ihren sohn auf die brust gelegt, nochmal den sitz und die einstellungen des infant flows kontrolliert, dem vater einen sessel gebracht, damit er sich dazu setzen kann und mich zurückgezogen.

vom zentralmonitor aus habe ich marvin weiter beobachtet. er hatte immer wieder kleinere sättigungsschwankungen im rahmen von kurzen apnoen, aber nichts dramatisches. nach einiger zeit alarmierte sein monitor allerdings mit 100% sättigung.

kurze erklärung: sauerstoffpflichtige kinder bekommen eine (vom arzt vorgeschriebene) obergrenze für die sauerstoffsättigung. der grund ist schnell erklärt: sättigt ein kind „zu gut“, dann kann der sauerstoff reduziert werden, da das kind nicht mehr so viel zusätzlichen braucht.

ich dachte: wow, da sieht man mal wieder wie schnell sich kinder beim känguruhen stabilisieren können. also ging ich zu marvin, um den sauerstoff zu reduzieren. seltsamerweise war die einstellung des sauerstoffs am IF nicht mehr bei 30%, wie vorher, sondern bei 50%.  ich muss wohl sehr fragend ausgesehn haben.

vater: „das war ich.“

ich: „wie bitte? was waren sie?“

vater: „na das mit dem sauerstoff.“

ich: „was meinen sie?“

vater: „na ich hab ihm mehr sauerstoff aufgedreht.“

boa ey!! hat der doch echt die nerven an den geräten herumzufummeln!! nachdem ich ihm erklärt hab, dass das echt keine gute idee war, und was zu hohe sauerstoffzufuhr für folgen haben kann, war er richtig überrascht und bestürzt. lessons learned. dachte ich.

einige stunden später, marvin lag wieder in seinem inku, die eltern waren in der zwischenzeit essen gewesen, meinte der vater, er würde dann auch gerne känguruhen. da es aber nur mehr 30 minuten bis zur nächsten pflegerunde waren, vereinbarten wir, dass marvin bis dahin im inku bleibt und der vater danach kuscheln kann. alle waren einverstanden, die mutter ging abpumpen und der vater blieb beim kind.

kaum hatte ich mich umgedreht, deutete mir eine kollegin, ich solle doch mal zu marvin sehen. warum? der vater war gerade dabei am inku herumzudrücken. er wollte die inku-temperatur erhöhen. er war nämlich der meinung, seinem sohn sei kalt, denn die hauttemperatursonde zeigte nur mehr 36,4°C. kein wunder, denn er hatte marvin umgelagert (was mich ja auch nicht stört) und dabei die sonde nicht neu positioniert. ich hab nochmal die gleiche leier (von wegen technische geräte dürfen nur vom personal verstellt werden blablabla) abgespult.

kurz bevor ich marvins vater sagen wollte, dass er mit dem wickeln beginnen kann, alarmierte marvins monitor. er hatte eine schwere apnoe mit tiefem sättigungsabfall und war bradykard. ich stürmte zum inku und was war? marvin lag schlapp da, keine atmung, blass-blau. und der IF? ABMONTIERT!!

da marvin nicht auf stimulation reagierte musste ich ihn aufbeuteln, währenddessen rief ich meiner kollegin zu, sie solle bitte schon mal atropin aufziehn. das war dann aber doch nicht notwendig. nachdem ich marvin den IF wieder umgeschnallt hatte und (nach ärztlicher rücksprache) ein atmenstimulierendes medikament verabreicht hatte, gabs erstmal eine standpauke für den vater. und was für eine!

ich bin sonst echt nett zu eltern und absolut dafür, dass eltern selbstständig mit ihren kinder umgehen, aber sowas geht einfach nicht. andere eltern trauen sich kaum ihre kinder zu berühren, aus angst sie könnten ihm damit schaden. und dieser vater spielt im grunde mit dem leben und der gesundheit seines kindes! nicht, dass er seinem kind schaden möchte, aber er weiß einfach nicht was er damit anrichten kann.

und falls die frage auftaucht: ja, das ist alles wahr. nichts davon ist erfunden. und weder vater noch mutter haben irgendeine medizinische ausbildung.

ich werde mich in zukunft so oft wie möglich vor der betreuung von marvin drücken. dieser vater raubt mir noch den letzten nerv!! bin ich froh, dass ich bald urlaub hab…

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25 Antworten to “ich glaub der spinnt!?”

  1. Tante Jay Says:

    eins vorweg @Jerry: Das Bestatterweblog WIRD von einem Bestatter geführt. Den Einblick, den er in die Abläufe hat, bekommst du nicht als „Schreiberling“ – und was daran falsch sein soll, ein gut geführtes Blog zu machen, dass die Leute unterhält und fundierte Informationen gibt, dass muss mir erstmal noch einer erklären. Von wegen Schreiberling. *schnauf*

    Du liest doch auch bei Medizynicus – ist das kein „Schreiberling“?
    Alleine schon der Begriff ist mies. Ein Blog ist gut, wenn der Autor was drauf hat. Darum les ich Medizynicus, Neonatalie, Bestatterweblog und einige andere. Mir doch wumpe, was dahinter stecken mag.
    So – und nu EOT für mich was das betrifft. Will ja keinen Streit vom Zaun brechen 😉

    Zum Vater… ich kann den ja ein Stück weit verstehen, aber was glaubt der eigentlich, was die Leute, die seinen Sohn da betreuen eigentlich so machen?
    Und was die gelernt haben?

    Baumschulabitur und Medizin an der Klippschule? Mich würde echt mal seine Rechtfertigung interessieren. Der muss doch gemerkt haben, dass sein Kleiner nicht so toll darauf reagiert hat, dass der IF abgebaut wurde. Ist der da einfach getürmt?

    • Jerry Says:

      Der Verfasser des „Bestatter“blogs war in der Vergangenheit mal in der Branche tätig, das ist korrekt. Aber er ist es nicht mehr. Und von seinen Geschichten ist höchstens nur noch ein Kern authentisch, der Rest ist ausgeschmückt, hinzugedacht, dabeigelogen … nenn es wie du willst.

      Dass es dir „wumpe“ ist was hinter einem Blog steckt zeigt, dass wir offenbar unterschiedliche Auffassungen von diesem Medium haben. Sehr viele Blogs geben vor, den Alltag der schreibenden Person wiederzugeben und damit auch oft stellvertretend den einer ganzen Berufsgruppe. Da erwarte ich für meinen Teil Echtheit. Wahrscheinlich bin ich da einfach nur zu naiv. Für dich jedenfalls scheint ein Blog eher Richtung Belletristik zu gehen: Haupaspekt ist die Unterhaltsamkeit, der Wahrheitsgehalt ist Nebensache.

    • Katharina Says:

      Ach komm, Tante Jay, was soll der Blödsinn. Der Bestatter hatte ein Bestattungshaus bis 2001. Und natürlich „ist“ er nach wie vor Bestatter, denn seine Berufsbezeichnung verliert man nicht durch Aufgabe seines Unternehmens. Inzwischen arbeitet er als Journalist und Autor und das seit Jahren. Daran ist nichts verwerflich, aber er ist nun mal kein schreibender Bestatter, sondern ein Autor, der vor Jahren als Bestatter tätig war. Heute jedenfalls lebt er vom Schreiben.

  2. Jerry Says:

    Geht’s nicht ne Nummer kleiner? Sorry, aber die Geschichte kauf ich dir einfach nicht ab. Bei „Sauerstoff und Temperator hochdrehen“ hab ich ja noch gedacht, ok, n bisschen naiv-übereifrig der Gute aber dass ein Vater bei seinem 3 Monate zu früh geborenen Würmchen das Atmungsgerät abbaut glaub ich einfach nicht.

    • Avialle Says:

      Da hast du wohl noch nicht viele Eltern im Krankenhaus erlebt. Ist für die kein Akt, kurz Maske runter vom Kind, wird schon schief gehen – die verstehen die Physiologie eines Neugeborenen nicht, wenn du mal kurz die Luft anhälst, fällst du ja auch nicht um. So ist die Denkweise. Vor allem wenn Natalie doch vorher gesagt hat zuviel Sauerstoff sei schlecht… ich kann mir das schon vorstellen.

      • Jerry Says:

        Ich habe noch gar keine Eltern in KH erlebt (außer mich und meine Frau) aber seit ich weiss dass das bestatterweblog von einem professionellen Schreiberling gefüttert wird, bin bei Bloggern ziemlich misstrauisch geworden, insbesondere wenn die Geschichten von „interessant“ auf „haarsträubend“ schwenken.

        Naive, unvorsichtige, übereifrige Eltern im KH – klar gibt’s die; und ganz sicher auch verschärfte Fälle. Aber ein Vater der nach zweimaligem Fehltritt mit darauffolgernder Ermahnung dann noch bei seinem 6-Monats-Frühchen die Atemhilfe abbaut – sorry, das übersteigt meine kleingeistige Vorstellungskraft.

    • neonatalie Says:

      ich kann deine skepsis verstehn, ich würds wohl auch kaum glauben wenn ichs nicht gesehn hätte.

      und dass du mich für einen „professionellen schreiberling“ haltest ehrt mich echt! *g* bin ich aber (leider?) nicht.

  3. Kristin Says:

    Sag mal, hat der Vater dir irgendeine Erklärung für sein törichtes Verhalten gegeben? Ich hoffe, Du hast der Mutter davon berichtet, daß der Kerl das Kleine fast ins Jenseits befördert hat?

  4. katerwolf Says:

    oh mann, das hört sich ja total gruselig an, da krieg ich voll gänsehaut. aber das ist sicher kein einzelfall, dieser vater. hoffentlich bringt marvin nach senem krankenhausaufenthalt die nötige robustheit für diesen vater mit!

    liebe grüße, katerwolf

  5. shortend Says:

    Meine Güte, wie kann jemanden denn einfallen an den Geräten rumzuspielen? Und noch dazu jemand, der keine Ahnung hat? Echt krass… Der sollte nicht mit seinem Kind allein gelassen werden…

  6. Tina Says:

    Kann man solchen Leuten nicht Stationsverbot erteilen??? Einmal etwas dummes machen, okay. Aber das ist nicht fahrlässig, das ist gefährlich. Wie dämlich kann man sein?
    Wenn ihr den Mann ständig im Auge behalten müsst leiden die anderen Kinder darunter (weil ihr eben mehr Zeit für Marvin aufwenden müsst, um seinen Vater in Schach zu halten). Das kann doch nicht im Sinne der Station sein.
    Dem würd ich mal das Sicherheitspersonal auf den Hals hetzen, immerhin gefährdet er das Leben eines Patienten 🙂 .

  7. hajo Says:

    neonatalie, sag‘, dass das ein fake ist, wie würde sich der Mann dann erst am Krankenbett seiner Erbtante verhalten?
    unglaublich!
    Gruß + danke für Deine Berichte
    Hajo

  8. isamausi Says:

    Oje das ist wohl einer der gern an allen runspielt, oder? War ihm eigentlich klar was er hätte alles anrichten können?

  9. Noga Says:

    Das hört sich echt durchgeknallt an. Was muss denn jemand noch bringen, damit ein Stationsverbot ausgesprochen wird bzw. der Kontakt zum Kind nur unter Anwesenheit einer fachkompetenten Person stattfinden darf?

  10. doppelkeks Says:

    Nee, oder? Den Vater hätte ich auch rund gemacht.
    Was manche Leute sich nur dabei denken, kann ich mir echt nicht vorstellen.

    Ich meine, nach knapp drei Monaten auf der Intensivstation mit meinem Sohn, hatte ich auch schon ab und zu mal das Bedürfnis, einen Alarm zu quitieren, wenn es arg nervig wurde. Aber ich hab es nie gemacht (auch nie gefragt, ob ich es darf), weil ich mir dann gedacht hab, ist schon besser, dass die Schwestern das machen.
    Ich durfte ja dann daheim noch ran, da unser Kleiner mit Sauerstoff, Monitor und Magensonde nach Hause kam. Da durfte ich dann auch „spielen“. Aber im KH die Geräte anzufassen wäre mir nie in den Sinn gekommen.

    BTW:
    Netter Blog. Erinnert uns an unsere Zeit im letzten Jahr. Kann nachfühlen, wie es dir geht. Mach weiter so.

  11. Melody Says:

    Warum bekommt denn dieser Mensch nach drei solchen Vorfällen nicht Stationsverbot? (Von mir hätte er eine Scheidung bekommen, denke ich mal … mir wird ja schon beim Lesen total schlecht vor Wut.)

  12. sabrina Says:

    schon heftig – ich mein da muss man schon komplett einen neben sich stehen haben um da eigenverantwortlich zu handeln. Mein kleiner hatte mit 3Wochen eine Pneumonie, nach 4 Tagen hab ich dann auch mal selbstständig den Alarm ausgeschalten, aber mit Absprache mit den Schwestern…

    • Schussel Says:

      Genau das dachte ich auch. Wir waren mit Pneumonie eine Woche in der Klinik, und ich habe erst dann die ständigen klaren Fehlalarme (einmal strampeln reichte) alleine abgeschalten, nachdem ich mich darüber mehrfach bei den Schwestern versichert hatte…
      Puh, der hat Nerven…

  13. Sigrid Says:

    ???
    Das ist alles was mir zu diesem Vater einfällt

  14. Sanna Says:

    Echt krass!
    Liegt aber vermutlich daran, daß Papas generell männlich sind. Die können nix dafür, aber alles was blinkt, piepen kann und mehr als zwei Knöpfe hat, MÜSSEN die irgendwie bearbeiten…

  15. Kes von Mauseohr Says:

    Oh meine Güte. Dem hätte ich aber mal so richtig auf die Pfoten geklopft.
    Meint der nicht, das ihr die Abreit wesentlich professioneller erledigen könnt. Hilet sich wohl für einen ganz ausgefuchsten, der sofort den Sinn aller Gerätschaften verstanden hat -.-
    Achtkantig rausgeschmissen hätt ich ihn vielleicht aber auch. Kann ja nicht angehen…

  16. medizynicus Says:

    Ja, immer die bösen Papas…. 😉
    btw: Was ist denn känguruhen?

    • neonatalie Says:

      nicht immer, aber immer öfter 😉

      beim känguruhen wird das nur mit einer windel bekleidete frühchen der mutter oder dem vater auf die nackte brust gelegt. körperkontakt ist auch für frühchen ganz wichtig und so wird der bindungsaufbau zwischen eltern und kind gefördert. außerdem hat die regelmäßige atmung und der herzschlag der eltern positive auswirkungen auf die vitalparameter der kinder.
      die kleinen lieben das. und die eltern auch. 🙂

      • Wolfram Says:

        Volle Bestätigung hier: in dieser Position haben meine Jüngste (allerdings alles andere als Frühchen) und ich auf die Mama gewartet, die aus der KS-Narkose erst noch wieder aufwachen mußte.
        Irgendein eifriger Pediater wollte unbedingt eine Sauerstoffsättigung mit einer Fußsonde messen lassen; das Ding hat die Mamsell aber konsequent abgestrampelt. Irgendwann haben die Schwestern gesagt, „mit so viel Tonus hat das Kind absolut genug Sauerstoff, sonst wär die nicht so agil.“ Das Gepiepe war aber auch nervig.

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