rico und seine unerklärlichen krankheiten

letzens hab ich eine kollegin einer allgemeinpädiatrischen station bei einer fortbildung getroffen. wir kennen uns schon länger, und immer wenn wir uns sehen plaudern wir ein bisschen über die dramatischten fälle, die uns bei der arbeit so begegnen.

nachdem ich ihr von der psychisch kranken mutter und dem schnellen handeln des jugendamtes (ziehe letztes posting) berichtet hatte, erzählte sie mir folgendes:

seit etwas mehr als einem jahr hatten sie immer wieder einen kleinen patienten auf der station, nennen wir ihn rico. rico ist 2 jahre alt, sehr aufgeweckt und eigentlich kerngesund. dennoch brachte ihn seine mutter seit über einem jahr fast regelmäßig in die kinder-notfall-ambulanz unseres hauses, mit unterschiedlichen, unerklärlichen symptomen und krankheiten. zunächst waren es banalitäten, wie verkühlungen, durchfall, erbrechen, usw. auch ein knochenbruch und mehrere platzwunden waren dabei.

im märz diesen jahres alarmierte die mutter mitten in der nacht die rettung, ihr kind hätte einen fieberkrampf. als der notarzt kurze zeit später bei der mutter zu hause eintraf, hatte rico eine körpertemperatur von 36,8°C. auf nachfrage des notarztes gab die mutter an, rico ein fiebersenkendes zäpfchen verabreicht zu haben, kurz vor dem krampfanfall. rico, der sich an keinen vorfall erinnern konnte (was bei einem krampfanfall nicht unnormal ist), wurde zur überwachung stationär aufgenommen. alle untersuchungen waren unauffällig. wenige tage später wurde rico gesund nach hause entlassen.

3 wochen später war rico wieder in der ambulanz. die mutter sagte, er habe blutauflagerungen am stuhl. wieder wurde das kind stationär aufgenommen. die mutter zeigte der diensthabenden schwester am nächsten tag wieder eine windel, da war tatsächlich frisches blut am stuhl. daraufhin wurden wieder einige untersuchungen veranlasst, alle waren unauffällig. nach den untersuchungen trat kein blut mehr am stuhl auf. rico wurde nach einer woche krankenhausaufenthalt wieder nach hause entlassen.

in einer nacht im mai ging bei der rettung wieder ein notruf der kindesmutter ein. ihr kind sei blau, atme nicht und würde sich nicht bewegen und nicht reagieren. die mutter wurde telefonisch angewiesen wiederbelebende maßnahmen einzuleiten. als der notarzt wenige minuten später eintraf, lag rico friedlich schlafend in den armen seiner mutter. sie sagte, sie habe ihn erfolgreich wiederbelebt.

rico wurde selbstverständlich sofort in die klinik gebracht und wieder stationär aufgenommen. er verbrachte die nacht auf der intensivstation, wurde dann auf normalstation, zu meiner kollegin, verlegt. wieder waren alle untersuchungen völlig unauffällig.

zu diesem zeitpunkt wurde das erste mal darüber nachgedacht, ob vielleicht nicht rico, sondern seine mutter krank sein könnte. sie war mit rico sichtlich überfordert, klingelte ständig nach einer schwester und konnte ihrem kind keine grenzen setzen.

wenige tage, nachdem rico „erfolgreich reanimiert“ wurde, alarmierte die mutter eine schwester. rico würde aus dem ohr bluten. tja, und da war tatsächlich frisches blut am ohr des kindes. da sowohl arzt als auch schwester zweifel hatte, dass es sich um ricos blut handelte (es konnten keine verletzungen festgestellt werden), wurde eine probe des blutes ins DNA-labor geschickt.

die analyse ergab, dass es sich um das blut der mutter handeln musste. es wurde eine gefährdungsmeldung ans jugendamt gemacht und die mutter wurde psychiatrisch untersucht. es wurde die diagnose münchhausen-stellvertreter-syndrom gestellt. rico wurde in einer nacht-und-nebel-aktion zu seinen neuen pflegeeltern gebracht.

manche kinder habens wirklich schwer…

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10 Antworten to “rico und seine unerklärlichen krankheiten”

  1. frausieben Says:

    ..kommt leider in den „besten“ Familien vor. Die Mutter von Eminem hat ihn mit diesem Syndrom (?) fertig gemacht.

  2. Tina Says:

    Hm, ich vermute, das ich einen Fall persönlich kannte. Meine ehemals beste Freundin war sehr hypochondrisch – bis zur Geburt ihres ersten Kindes. Von da an war das Kind krank. Immer.
    „S. hat chronische Bronchitis!“ „Sie ist sechs Wochen alt, es ist ihre erste, wie kann das chronisch sein????“
    Von einem Arzt zum anderen, Antibiotika als Grundnahrungsmittel, dazu noch tonnenweise Globuli von mehreren Heipraktikern… Ganz ehrlich, wirklich krank habe ich das Kind in Jahren nicht erlebt!
    Ich glaube nicht, zumindest habe ich es nie erlebt, das sie ihr Kind verletzt hat. Aber sie war täglich unterwegs, hat jedem ihre Leidensgeschichte erzählt und sich in ihrem „Leid gesuhlt“.
    Bei mir gehören kranke Kinder ins Bett! Und Ärztehopping muss echt nicht sein, es ist doch nur von Vorteil wenn ein Arzt seine Patienten kennenlernt um dann umso leichter Diagnosen stellen zu können.
    Aber was soll man da tun? Einen Arzt ansprechen? Welchen von den vielen? Jugendamt? Was tun die, wenn eine besogte Mutter ihr Kind zum Arzt schafft, das ist ja prinzipiell gut?
    Schwierig!

  3. medizynicus Says:

    Hmmm.
    Münchhausen-by-proxy.
    Eine von diesen Geschichten… Schon in der Vorlesung (Pädiatrie oder Rechtsmedizin), passt man garantiert auf und dann verfolgt es einen auf Schritt und Tritt… in Fortbildungen und Arztserien, und jeder kennt wen der mal einen Fall erlebt hat, aber niemand hats wirklich erlebt.
    Echte, dokumentierte Fälle sind ziemlich selten, aber Avialle hat recht, wahrscheinlich muss man von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, und nicht immer ist es wirklich so dramatisch wie da oben beschrieben.

  4. allesoderalle Says:

    Tragisch das das Kind erst darunter leiden muss und nicht früher anders was entdekt wurde…. 😦 aber wie auch! ist ja nicht einfach 😉

  5. Silberaugen Says:

    Huh, wow. Da sieht mans mal wieder: ich hab von Münchhausen by proxy bis ebend noch nie was gehört und noch krasser, dass die Kinder die Leidtragenden sind.

    Gut, dass es schließlich doch aufgefallen ist.

  6. Patrick Says:

    Das sind Fälle in denen eine „elektronische Krankenakte“ grosse Hilfe bieten kann, weil selbst bei Ärztehopping wahrscheinlich früher jemand schnallt was Sache ist… aber sowas wird es in Deutschland ja wahrscheinlich niemals geben…

  7. concentratedpassion Says:

    Ab dem Absatz mit der Reanimation ist mir auch gleich das Münchhausen eingefallen. Was ich sehr erstaunlich finde, ist, dass der Sohn hier der Leidtragende ist.

    Wahsinn!

  8. ilana Says:

    Ich hatte selbst eine Mutter mit Münchhausen-by-proxy – ohne Ärztehopping – und es wurde nicht erkannt. Jede Woche ein bis dreimal in der Urologie gelandet, immer der selbe Arzt, der mich sogar weiter behandelte, als er nur noch Privatpatienten übernahm – weil „ich war ja so ein interessanter Fall“.

    Ohne Notaufnahme und nie „lebensgefährlich“ verletzt worden, keine „hysterische“ Mutter, sondern eine die sehr fürsorglich schien und trotz der vielen Geschwister „alles im Griff“ hatte, trotz „geschlagen mit dem kranken Kind“. Aber sie ist ja so sozial und kinderlieb und eine tolle Mutter, die die Ärzte und Schwestern unterstützt.

    Ihr reichten die wöchentlichen Untersuchungen und einmal im Jahr für 3 Wochen stationär (in denen ich – wen wunderts – immer ziemlich fit war – trotz der teilweise sehr schmerzhaften Untersuchungen die während dieser Zeit stattfanden).

    Vom vierten bis zum 15. Lebensjahr, erst da schaffte ich es „auszusteigen“.

    Vielleicht sollte ich dankbar sein, dass sie mich nie lebensgefährlich verletzt hat. Dennoch gibt es neben den psychischen Folgen auch körperliche – heute noch – und die werde ich nie loswerden können.

  9. shortend Says:

    Ich hab schon nach dem dritten Absatz sowas vermutet.
    Gut, das das Kind zu Pflegeeltern kam, ist für ihn zwar bestimmt schwer, aber so bleibt er wenigstens körperlich gesund.

  10. Avialle Says:

    Münchhausen-by-proxy sei gar nicht so selten wie man denkt und deutlich unterdiagnostiziert. Durch das Ärzte-Hopping, das in D. ja problemlos möglich ist, kann das bis ins hohe Kinderalter gehen – oder eben, bis dem Kind wirklich etwas passiert, weil die Mutter irgendwelche Medis oder andere Sachen verabreicht, um Symptome vorzutäuschen.
    Zum Glück sind die Schwestern und Ärzte in dem Fall „so schnell“ darauf gekommen – bei der Weg-schau-/Geht-mich-nichts-an-Tendenz der Gesellschaft ist das nicht selbstverständlich…

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